Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 57

Jorels Einblick in die Entwicklungsprozesse der Natur.

01] (Zorel:) »Ich sage dir nun noch mehr, Zinka! Soviel du je von deiner Jugend an auf dieser Erde gedacht, gesprochen und getan hast, und was du auch in deiner vordieserdlichen Seelenexistenz gedacht, geredet und getan hast, das alles ist aufgezeichnet im Buche des Lebens; davon trägst du ein Exemplar im Haupte deiner Seele, das ganz große Exemplar aber ruhet stets offen und weit aufgeschlagen vor Gott. Wenn du vollendet sein wirst, so wie ich nun vollendet vor Gott stehe, so wirst du alle deine Gedanken, Reden und Taten getreust wiederfinden. An dem, was gut war, wirst du natürlich eine große Freude haben; was aber nicht war in der guten Ordnung, daran wirst du zwar keine Freude haben, aber als ein vollendeter Mensch auch keine Trauer. Denn du wirst daraus die großen Erbarmungen und weisen Führungen Gottes erkennen, und das wird dich stärken in der reinen Liebe zu Gott und in aller Geduld gegenüber allen jenen armen, noch unvollendeten Brüdern, die Gott der Herr deiner Führung anvertrauen wird, sei es in dieser oder auch in einer andern Welt.
02] Aus solchen deinen aufgezeichneten Gedanken werden einst auch noch neue Schöpfungen hervorgehen. Gewöhnlich werden aus solchen aufgezeichneten Gedanken, Reden und Taten zuerst größere oder kleinere Weltkörper in der Neuzeit. Sie werden ins Feuer der Sonnen gegeben, um dort bis zu einer gewissen Reife zu gelangen; haben sie solche erreicht, so werden sie dann mit aller Gewalt in den Schöpfungsraum hinausgeführt und dort nach und nach und stets mehr und mehr ihrer selbsttätigen Ausbildung anheimgestellt. Nach und nach bilden sich in einer solchen neugeborenen Welt die vielen tausendmal tausend Einzelgedanken und Ideen - wie die ins Erdreich gelegten Samenkörner - durch das in ihnen lebenskeimige Feuer und Licht stets mehr und mehr aus und dienen dann der neuen Welt als Grundlage zur nachherigen Entstehung von allerlei Wesen, als Mineralien, Pflanzen und Tieren, aus deren Seelen mit der Zeit Menschenseelen gebildet werden.
03] Derartige Neuwelten siehst du dann und wann als zum größten Teile dunstige Nebelsterne, auch als Schweifsterne durch den Himmelsraum ziehen. Ihr Urursprung sind die im Gottesbuche aufgezeichneten Gedanken, Ideen, Reden und Handlungen.
04] Du siehst daraus, daß da auch der leiseste Gedanke, den ein Mensch je gedacht hat, entweder auf dieser oder auf einer andern Erde, unmöglich ewig je verlorengeht und - gehen kann; und die Geister, aus deren Gedanken. Worten und Ideen und Taten solch eine Neuwelt durch Gottes Willen gebildet wird, erkennen in ihrem vollendeten Zustande gar bald, daß solch eine Welt ein Werk ihrer Gedanken, Ideen, Reden und Taten ist, und übernehmen dann ganz gerne und mit einem großen Seligkeitsgefühle die Führung, Leitung, Ausbildung und volle Belebung und zweckliche innere Organisierung es Weltkörpers selbst und endlich aller Dinge und Wesen, die auf solch einem Weltkörper zu bestehen haben werden.
05] Du schauest dir nun diese Erde an und siehst nichts denn eine totscheinende Materie. Ich sehe nun zwar die totscheinenden Formen der Materie auch; aber ich sehe noch viel mehr darin, was du mit deinen Augen nimmer sehen kannst. Ich sehe darin die gebannten geistigen Dinge und Wesen und fühle ihr Bestreben, und sehe, wie sie stets zunehmen an der inneren Ausbildung und besseren und bestimmteren Gestaltung und Entfaltung ihrer zweckdienlichen Formen, und ich sehe abermals zahllose Geister und Geisterchen, die da unablässig tätig sind, so wie der Sand in einem römischen Stundenmesser. Da ist von keiner Ruhe eine Rede, und aus ihrer unablässigen Tätigkeit bildet sich das gesamte zweckdienliche Werden alles und jedes Naturlebens.
06] Ich sage es dir: In jedem Tautropfen, der noch so helle an einer Grasesspitze zittert, sehe ich wie in einem Meere schon Myriaden Wesen sich nach allen Richtungen herumtummeln! Des Tropfens Wasser ist nur eine erste und allgemeine Umhäutung eines Gottesgedankens. Aus dieser nehmen dann die darin gefangenen Geistlein ihre sonderheitliche Umhüllung und bestehen darauf schon gleich in irgendeiner bestimmteren Form, die von der äußern allgemeinen schon sehr verschieden ist; dadurch aber verschwindet dann der Tropfen als Wasserperle, und die im selben sich neu gebildeten Formen als schon Leben tragende Püpplein bekriechen dann die Pflanzen oder andere Dinge, an denen der Wassertropfen sich gebildet hatte. Da gehen aber diese Püpplein, sich ergreifend, alsbald in eine andere Form über, und aus hunderttausenden wird eins. Eine neue Haut wird um die neue Form gebildet; in ihr werden die vielen kleinen Formen durch den Einfluß des Lichtes und der Wärme zum zweckdienlichen Organismus der neuen und größeren Form umgewandelt, und das also entstandene neue Wesen beginnt eine neue Tätigkeit als Vorbereitung zum abermaligen Übergange in eine stets mehr und mehr ausgebildete Form, in der es wieder für den Übergang in eine noch höhere und vollendetere Form tätig zu werden beginnt. Und so ist die sichtliche Tätigkeit eines jeden schon in irgend eine bestimmte Form eingegangenen Wesens nichts als eine rechte Vorbereitung für eine höhere und vollkommenere Form zur stets größeren Festigung des seelischen und endlich in der Menschenform des rein geistigen Lebens.
07] Was ich dir hier sage, ist keine Phantasie, sondern die reinste und ewige Wahrheit. Ich könnte dir nun noch gar vieles von der Ordnung aus Gott kundtun also, wie ich's nun schaue und allerklarst erkenne! Aber ich erkenne nun auch, daß die Zeit dieser meiner Vollendung zu Ende geht; darum muß ich dir hiermit nur noch die Bitte anfügen, daß du mit mir, wenn ich wieder ein sehr dummer und mitunter ärgerlicher Mensch sein werde, Geduld habest und mich in der rechten, dir nun bekannten Ordnung Gottes leitest und führest auf den rechten Weg. Du wirst bei meinem Erwachen in die Welt dich hoch erstaunen, daß ich wieder ganz dumm und finster sein und von allem dem, was nun mit mir vorgegangen ist, keine Silbe wissen werde; aber es wird mir das alles dennoch wohl zustatten kommen.
08] Eine Zeitlang wird mein nun gezwungen reif gewordener Geist, dieses ungewohnten und ungeübten Zustandes müde, sich wohl ganz schlafstumm verhalten; aber er wird durch die für jetzt noch nötige Ruhe bald gestärkt und wach werden und fühlen die Dringlichkeit der wirklichen Lebensvollendung, deren seligste Süße er nun zum Verkosten bekam, und wird sonach zur schnelleren Vollausbildung der Seele sehr viel beitragen, auf daß sie ehest reif werde in ihm in aller Wahrheit und rechten Fähigkeit, um vollends überzugehen in den sie durchdringenden Geist.
09] Ich werde nun abermals schlafen noch eine halbe Stunde lang, nach welcher Zeit du mich durch die Gegenlage deiner Hände erwecken mußt. Wenn ich aber wieder wach werde, da lasse mich nicht von der Stelle, bis ich nicht den Menschen der Menschen an diesem Tische werde vollends erkannt haben! Denn Dieser ist eins mit Dem, den ich nun noch sehe in der Sonne der ewig großen Geisterwelt.
10] Nun habe Dank darum, daß du mir aufgelegt hast deine Hände!«


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