Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 45

Zorel muß die Wahrheit hören.

01] Sagt Cyrenius, große Augen machend, etwas geheim zu Mir: »Herr! Du hast mir ehedem die Vorbemerkung gemacht, daß der Mensch so recht dumm und arg sei, und nun redet der Mensch so in aller Ordnung als einer der ersten heidnischen Advokaten! Er hat zwar vom Judentume wenig angenommen, aber in unseren Gesetzen und in denen des alten Griechenreiches ist er so gut bewandert wie unsereiner, und es läßt sich ihm durchaus nicht viel einwenden! Ich wartete nun auf eine so recht armdicke Dummheit; aber vergebens, - er wird nur stets heller und verteidigt seinen Diebstahl auf eine Weise, gegen die sich nahe gar nichts einwenden läßt! Was wird sich denn bei so bewandten Aussichten mit ihm machen lassen?«
02] Sage Ich: »Laß das nur gut sein; er selbst wird alles, was er nun nach seiner arg dummen Idee für völlig vernünftig recht findet, auf eine schlagende Weise widerlegen! Prüfe ihn aber nun nur noch weiter; denn Mir liegt es sehr daran, daß ihr des menschlich sogenannten Mutterwitzes Gründe von denen des Verstandes so recht klar und helle würdet unterscheiden lernen!«
03] Sagt Cyrenius: »Na, da bin ich denn doch neugierig im höchsten Grade, was am Ende da herauskommen wird!«
04] Sagt Zorel, fragend: »Hoher Gebieter Roms! Was habe ich zu erwarten, und was zu gewärtigen? Bist du meiner Ansicht, oder soll ich der deinigen werden, die du aber freilich noch nicht ausgesprochen hast?«
05] Sagt Cyrenius: »Bis dahin, daß ich deinem Wunsche willfahren werde oder auch nicht willfahren werde, werden wir noch einiges miteinander zum Besprechen bekommen! Du scheinst mir ein mutterwitziger Kauz zu sein, und deine Ehrlichkeit scheint nicht weit her zu sein! Ob du die besprochenen vier Tiere gerade als schon für ihren legalen Besitzer sowieso verloren im großen Walde herumirrend oder vielleicht doch irgendwo anderwärts gefunden hast, und ob du auch deine andern Hausgerätschaften bloß nur gefunden hast, das lassen wir vorderhand dahingestellt sein. Aber ich sage dir nun etwas anderes, und das besteht darin, daß es nun hier in meiner Gesellschaft, wie in andern Orten, so hellsehende Menschen gibt, die bereits tausend Beweise von ihrer hellsehenden Fähigkeit abgelegt haben, und daß ich ihrer höchst nüchternen Aussage einen solchen Glauben beilege, daß derselbe durch hunderttausend Gegenbeweise nicht entkräftet werden kann!
06] Sieh, ein solcher Mann sagte mir, als du noch kaum die Stadt kannst verlassen haben, daß du kommen werdest, und was du von mir verlangen würdest. Ich wußte schon, bevor ich dich ersah, daß dir das Unglück begegnet ist. Du hättest es auch leicht verhüten können, so du daheim geblieben wärest; aber deine illegalen Begriffe vom schutzrechtlichen Besitze trieben dich in die Straßen der brennenden Stadt, um dir irgendwo wieder etwas auf illegalen Wegen zu eigen zu machen. Unterdessen fing deine Strohhütte Feuer, und dieses verzehrte dir schnell deine illegalen Besitztümer. Daß dich bei dieser Gelegenheit deine Magd im Kote stecken ließ, ist begreiflich, weil sie dich kennt und weiß, daß du ein Mensch bist, dem bei einer solchen Gelegenheit durchaus nicht zu trauen ist.
07] Denn so sehr du bei andern gegen den legalen Sonderbesitz bist, so willst du solchen aber in deinem Hause doch äußerst ungestört und völlig gesichert haben! Nun, das Feuer hat deinen Besitz aber illegal verzehrt, und du kannst das Element nicht zur strengsten Verantwortung ziehen, weil dir das sicher keine Rede und Antwort geben würde; aber deine Magd hättest du auf das härteste hergenommen, und sie hätte dir unter allerlei Mißhandlungen den Schaden auf Leben und Tod ersetzen müssen, weil du fest behauptet haben würdest, daß das Feuer nur durch ihre Fahrlässigkeit dir alles verzehrt hätte.
08] Sieh, das und noch anderes sagten solche Menschen über dich zum voraus aus, denen ich mehr als allen Göttern Roms und Athens den vollsten Glauben schenke! Aber in unseren Gesetzen steht ein Spruch, der also lautet: Audiatur et altera pars! (Es werde auch der andere Teil gehört!) Und demzufolge kannst du mir einen Gegenbeweis liefern. Wende zu deiner Rechtfertigung ein, was du weißt und kannst; von mir wird alles mit der größten Geduld angehört werden!«


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