Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 21

Das Wesen des Wissensdurstes. Vom rechten Singen.

01] Cyrenius aber fragte Mich geheim, was da nun mit diesem Menschen zu machen sein werde.
02] Ich aber sagte: »Noch recht viel! Die werden uns auch ganz tüchtige Rüstzeuge werden; aber nun tut ihnen ein wenig Ruhe sehr not, und Ich ließ sie darum in diesen Gleichgültigkeitszustand kommen.
03] Glaube du Mir! Eine Seele, die einmal nach einem höheren Wissen dürstet, begibt sich nicht so leichten Kaufes in die volle Trägheit! Es geht da einer solchen Seele wie einem jungen Verlobten, der in die erwählte Maid so recht sterbensverliebt ist. Die Maid aber, weil sie eine Maid und keine ehrsame Jungfrau ist, nimmt es mit der Liebe ihres Angelobten um vieles leichter und denkt sich: 'Ist's der nicht, so gibt es noch eine Menge anderer!'
04] Solches erfährt aber nach einer Weile der Angelobte und wird dabei sehr trüben Herzens. Er nimmt sich voll Ärgers und Grimmes nun ganz ernstlich vor, an die treulose Dirne gar nie mehr zu denken; aber je mehr er sich's vornimmt, desto mehr denkt er an sie und wünscht sich's heimlich, daß all das Schlimme, was er von der Maid vernommen durch fremden Mund, eine barste Lüge sein möchte.
05] Doch er sieht endlich die Maid ihm angesichts mit einem andern verkehren! Da möchte er heimlich vor Zorn gerade zerbersten und will mit aller Gewalt der Treulosen nicht mehr gedenken: aber da zerplagen ihn so recht glühheiße Gedanken also, daß neben ihnen gar kein anderer gesunder Gedanke mehr Raum findet. Tag und Nacht hat er keine Rast und keine Ruhe; er seufzt und weint oft bitterlich und verwünscht die Treulose.
06] Ja, warum aber doch das alles? Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, der Nichtswürdigen nimmer zu gedenken?
07] In seiner Qual aber kommt dann ein rechter Freund zu ihm und sagt: 'Freund, du tust deiner Angelobten denn doch ein wenig unrecht! Siehe, mit ihrem scheinbaren Leichtsinn hat sie nur deine Liebe erforschen wollen; denn sie wußte und mußte es wissen, daß sie eine arme Maid ist und du aber im Reichtume steckst. Sie begriff ja kaum die Möglichkeit, daß du sie je zum ordentlichen Weibe nehmen könntest; sie hielt deine ihr angelobte Liebe mehr denn zur Hälfte für eine Fopperei und gedachte dir vor der vollen Handreichung ein wenig auf den Zahn zu fühlen, ob du sie wohl also liebst, wie deine Worte lauteten! Denn zu oft lehrte die armen Maiden die traurige Erfahrung, daß solch reiche Jungen, wie du einer bist, mit den armen Maiden ein loses und lockeres Spiel trieben. Deine Maid aber hat nun gesehen, daß du es doch ernst mit ihr gemeint hast, und liebt dich darum mehr, als du je glauben könntest; seit sie dir die Liebe angelobt hat, ward sie dir im Herzen auch nicht mehr ungetreu. - Nun weißt du, blinder Eiferer, wie du mit ihr stehst! Tue nun, was du willst!'
08] Meinst du, Cyrenius, wohl, der so tief verletzte Liebhaber werde nun von der armen, aber schönsten Maid nichts mehr hören und sehen wollen, wie er sich's vornahm? O mitnichten! Die Rede seines Freundes war ihm das liebste, und er konnte den Augenblick kaum erwarten, in welchem er seiner Geliebten seine Hand für immer reichen würde.
09] Und also wird es auch unserem Zinka ergehen! Er ißt und trinkt zwar nun, als kümmere ihn das Wunderbare gar nicht mehr; aber in seinem Innern ist er nun damit um vieles beschäftigter, als er es je früher war. Darum deshalb keine Sorge!
10] Ich kenne die Menschen alle und weiß, was da alles in ihren Herzen vorgeht. Zudem geht auch nur von Mir die Lenkung der Gefühle im Herzen aus; wo es nötig ist, da weiß Ich, was Ich zu tun habe. Seien wir darum nun guter Dinge und essen und trinken, was da vorgesetzt ist; denn wir benötigen für heute nachmittag etwas mehr Leibesstärkung und werden spät uns Abendmahl kommen!«
11] Alles ist nun recht heiter und froh, und viele loben Gott den Herrn. Einige fingen sogar an zu singen; aber es war außer dem Herme kein ordentlicher Sänger da. Dieser aber ward von mehreren angegangen, daß er etwas sänge; er wollte aber nicht recht daran, denn er fürchtete die Kritik der feinohrigen Römer, und ließ sich darum sehr bitten.
12] Er (Herme) aber sprach: »Meine Freunde und Herren! Gott dem Herrn singe ich ein Lied im Herzen; der Herr Israels vernimmt es sicher mit Wohlgefallen! Sänge ich dasselbe Lied laut vor euren Ohren, so würde es euch wegen einiger vielleicht unreiner Töne nicht gefallen. Das würde dann mich mit Scham und Ärger erfüllen, was weder für mich noch für euch gut wäre; darum singe ich das Herzenslied lieber nicht laut, sondern ganz still im Herzen. Dem es gilt, der versteht es sicher!«
13] Sage Ich: »Hast recht, Herme, singe du also nur gleichfort in deinem Herzen! Dieser Gesang klingt in den Ohren Gottes um vieles angenehmer als ein lautes, sinnloses Geplärr, durch das nur das fleischliche Ohr gekitzelt wird, das Herz aber dabei kalt und ungerührt bleibt.
14] Wenn bei Gelegenheiten aber schon auch äußerlich gesungen wird, so soll das erst dann geschehen, wenn das Herz vom Gefühle der Liebe schon derart übervoll ist, daß es sich durch des Mundes Stimme muß Luft zu machen anfangen, um gewisserart nicht zu ersticken in der zu mächtigen Liebeaufwallung zu Gott. Dann freilich ist auch der äußere Gesang Gott wohlgefällig; aber er soll mit einer reinen Stimme gesungen sein, welche das Gemüt noch mehr erhebt.
15] Denn eine unreine und nicht wohlklingende Stimme ist wie ein trübes Sumpfwasser, auf eine lodernde Flamme gegossen! Die Folge davon kann sich ein jeder aus euch leicht von selbst denken.«
16] Als Ich über den Gesang diese Erklärung machte, sagte die liebliche Jarah zu Mir: »Aber Herr, wie wäre es denn - weil wir nun schon gar so heiter beisammensitzen -, wenn uns der Raphael etwas vorsänge?«
17] Sage Ich, gleichsam scherzend, zu ihr: »Gehe ihn darum an! Vielleicht tut er dir zum Gefallen so etwas. Ich werde natürlich nichts dagegen sagen und haben.«
18] Die Jarah packt nun gleich den Raphael und ersucht ihn dringend, daß er etwas sänge.
19] Und der Raphael sagt: »Du hast wohl noch keinen Begriff, wie unsereins singt; das aber sage ich dir zum voraus, daß du meine Stimme nicht lange ertragen wirst, weil sie zu ergreifend klingt und auch klingen muß, da sie durch zu reine Elemente gebildet wird. Dein Fleisch hält den Klang meiner Stimme gar nicht aus; wenn ich dir eine Viertelstunde vorsinge, so stirbst du vor lauter Anmut des Klanges meiner mit nichts auf der Erde vergleichbaren Stimme! Verlange nun, wenn du, Holdeste, mich singen hören willst, und ich werde singen; aber welche Wirkung mein Gesang auf dein Fleisch machen wird, weiß ich dir kaum vorauszubestimmen!«
20] Sagt die Jarah: »So singe doch zum wenigsten einen einzigen Ton; der wird mich doch sicher nicht umbringen oder gar töten!«
21] Spricht Raphael: »Gut, so will ich dir denn nur einen Ton singen, und es sollen ihn alle hören, die hier sind, und die auch in ziemlicher Ferne von hier wohnen, auf daß sie forschen sollen, welch einen Klang sie vernommen haben! Aber ich selbst muß mich dazu einige Augenblicke lang vorbereiten! Mache dich nur gefaßt darauf; denn auch der eine Ton wird für dich von einer ungeheuren Wirkung sein!«


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