Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 244

Der freie Wille eines Engels.

01] Sagt Murel: »Ja, ja, es wäre das wohl recht herrlich, gut und schön, wenn man nur so recht wüßte, auf was! Wie wäre es denn, so uns der liebe Freund aus den Himmeln etwas von dem Morgensterne bekanntgäbe? Denn so wir Lehrer des lebendigen Gotteswerkes werden, da können wir nie zuviel von allem möglichen wissen! Denn wir werden es mit allerlei Geistern zu tun bekommen, die uns über allerlei Dinge befragen werden. Werden wir ihnen nicht eine genügende Aufhellung zu geben imstande sein, so werden sie uns fliehen, verspotten und verachten; werden wir ihnen aber über alles eine genügliche Aufhellung zu geben imstande sein, so werden sie uns dann auch in andern Dingen hören und annehmen unser Evangelium! Was würdest du, Philopold, jenem zur Antwort geben, der dich fragte, was der Morgenstern denn doch an und für sich sei?«
02] Sagt Philopold: »Freund! Da würde ich ihn darauf hinweisen, daß er solches alles aus sich und aus seinen inneren Wahrnehmungen erfahren wird, so er nach der Lehre des Heils aus den Himmeln sein Leben einrichten werde; werde er aber solches nicht tun, so nütze ihm auch all mein Erklären nichts, weil er sich von allem keine Überzeugung verschaffen könne. Mit dem blinden Glauben ist aber ja ohnehin niemand etwas gedient; denn heute glaubt er es, morgen aber kommt ein Stärkerer über ihn, und er glaubt dann dem Stärkeren aufs Wort, freilich mit nicht mehr Nutzen für sein Lehen, als er tags zuvor uns geglaubt hat.
03] Der Mensch muß daher dahin geleitet werden, daß er das Wesen der nahen wie der fernen Dinge in sich erschaue, ihrer bewußt werde und sie dann beschaue aus der lebendigen Helle solch eines inneren Bewußtseins. Hat er es dahin gebracht, was eben keine Unmöglichkeit ist, so braucht er dann unsern Unterricht darüber nicht!
04] Wir tun meiner Ansicht nach genug, wenn wir dem Menschen den vollrechten und klaren Lebensweg zeigen, alles andere wird sich dann schon von selbst machen, wie auch unser Himmelsfreund mit dem gar herrlich gezeiget, daß man gewisserart nur eine rechte Frucht in einen Acker zu legen brauche, und sie gebäret und reift sich dann von selbst weiter aus. Aber für uns selbst und zu unserer Stärkung kann der Himmelsbote uns ebensogut die Augen für die Ansicht des Morgensternes öffnen, wie er einst durch die Galle eines Fisches dem alten Tobias die Augen geöffnet hat; denn er scheint mir derselbe Raphael zu sein, der einst den jungen Tobias geführt hat!«
05] Sagt Mathael: »Du kannst aber auch vollkommen recht haben! Die Namen sind dieselben, und die Weisheit ebenfalls, und so ist unser himmlischer Freund schier ein wahrer Augenarzt und kann uns den Morgenstern schon ein wenig näher beleuchten, so er will und darf! Denn bei ihm kommt streng alles auf des Herrn Willen an; er selbst hat keinen eigenen, so wie wir für uns wohl einen vollkommen ganz eigenen und allerfreiesten Willen haben.«
06] Bemerkt hierzu Raphael: »Hast ganz gut geredet; aber gar so unfrei ist im Grunde auch mein Wille nicht, wie du es verstehst! Ich bin auch ein Gefäß und nicht etwa nur eine purste Ausstrahlung des göttlichen Willens. Ich fühle gar wohl, was ich will, und was dann der Herr will.
07] Ich nehme aber nur des Herrn Willen leichter, bestimmter und schneller wahr denn ihr Menschen und unterordne dann dem Willen des Herrn urplötzlich ganz und gar den meinen, und dadurch bin ich dann ebensogut wie eine pure Ausstrahlung des göttlichen Willens zu betrachten; aber dessenungeachtet habe ich einen ganz freien Willen und könnte wider den Willen des Herrn so wie ein Mensch handeln. Aber das kann dennoch nicht geschehen, weil ich die Weisheit in einem so hohen Grade besitze, daß ich als Selbstlicht aus dem göttlichen Urlichte zu sehr die ewige, unwandelbare Gerechtigkeit des göttlichen Willens, als das allerhöchste Lebensgut aller Menschen, Engel und Welten, erkenne und darum aus meiner höchst eigenen Bestimmung nur den wohlerkannt göttlichen Willen in Vollzug bringe und dann den meinen stets dem göttlichen vollkommenst unterordne.
08] Wenn ihr darum wollet, daß ich euch enthülle den Morgenstern, den die Heiden >Venus< nennen, so kann ich solches schon auch tun aus meinem Willen, so des Herrn Wille nicht dagegen ist: wäre aber das der Fall, so möchte ich euch wohl keine Aufhellung geben. Also rede ich zu euch, was ich rede, auch aus meiner Erkenntnis und Weisheit, die aber freilich wohl keine andere als nur die göttliche sein kann, weil mich stets nur der göttliche Wille durchglüht und mich zum Handeln und Reden bestimmt. Wenn ihr sonach den Morgenstern in der Natur und Wirklichkeit erkennen wollet, so will ich euch schon den Gefallen tun und ihn euch zeigen.« - Sagen alle drei: »Tue das, lieblichster Freund aus den Himmeln!«


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