Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 240

Raphaels Missionsfrage.

01] Sagt Raphael: »Ganz vollkommen, also ist es und nicht anders! Aber aus deinem Fleische und Blute hast du das auch nicht geschöpft, sondern aus dem Geiste des Wortes des Herrn. Aber es genügt, daß ihr nun solches wisset! Was ihr aber nun in dieser Sphäre wisset, das behaltet bei euch! Denn um das zu fassen, werden Seelen, wie da sind die eurigen, erfordert; für die andern genügt es, daß sie Gott erkennen und Ihn als Vater über alles lieben. Werdet ihr aber irgend wahrhaft große Seelen finden, so könnet ihr ihnen auch das kundtun, über was wir nun schon über zwei Stunden lang geredet haben. - Aber nun, liebe Freunde, von noch etwas anderem!
02] Ihr werdet auf euren Wegen und Stegen als Mitarbeiter am Reiche Gottes gar oft in die Gelegenheit kommen, daß euch eure Jünger dringlich fragen werden und sagen: 'Eure Lehre ist wohl sehr erhaben, schön und ergreifend; aber die uns von euch gemachte Verheißung geht noch immer nicht in irgendeine Erfüllung. Wir sollen in uns die Stimme des Vaters vernehmen, ja den Vater sogar zu sehen und zu sprechen ward uns verheißen; aber von all dem haben wir bis jetzt noch nichts in Erfahrung gebracht. Wenn eure Lehre Wahrheit enthält, so müssen sich auch eure uns gemachten Verheißungen an uns erwahren (erfüllen). Wir beachten alles, und immer noch verspüren wir nichts an uns von einer Erfüllung der uns von euch gemachten Verheißungen! Gebt uns Rede und Antwort, und sagt es uns treu und offen, worin es da liegt, daß sich eure Verheißungen an uns nicht und nimmer erwahren wollen!' - Was werdet ihr in diesem Falle zu ihnen sagen?«
03] Hier machen alle drei große Augen, und Murel sagt: »Freund, so wir auf des Herrn treuestes Wort Verheißungen machen und unsere Jünger die Lehre in der Tat befolgen, so darf der Herr uns ganz natürlich nicht irgend im Stiche lassen, weil es sonst doch offenbar klüger wäre, die Lehre nicht zu veröffentlichen, als den Menschen gegenüber damit aufzusitzen!
04] Und ich möchte sogar hier die ganz aufrichtige Behauptung aufstellen, daß ähnliche göttliche Imstichelassungen stets ein sehr gewichtiger Mitgrund zum Verfalle der Religionen waren! Denn die gemachten Verheißungen sind aus irgendeinem verborgenen Grunde an den Gläubigen entweder nicht völlig und sehr oft auch wohl gar nicht in die Erfüllung gegangen. Nun mußten die Lehrer zu künstlichen Mitteln greifen, um vom Volke nicht auf das schmählichste bedient zu werden! Das kehrte des Volkes Sinn schnell nach außen, und es war dann nichts mehr rein Geistiges mit dem einmal betrogenen Volke zu unternehmen.
05] Das sollte demnach der Herr allen Seinen Ausbreitern Seiner Lehre nicht mehr tun; Er sollte sie nicht mehr im Stiche lassen und besonders in Momenten, wo sie Seine Verheißungen als bestimmt eintreffend als einen Hauptbeweis der Wahrheit und Göttlichkeit aufgestellt haben; denn ich wenigstens möchte lieber ein gemeinster Straßenkehrer als ein bis aufs Blut geplagter Jeremias sein! Und es wäre noch wegen des Seins nichts, wenn man als solcher jemandem irgendeinen Nutzen stiftete; aber da kann von einem Nutzen doch ewig keine Rede sein, wo man der Menschheit nur zum Ärgernis wird!«
06] Sagt Raphael: »Aber, lieber Freund, du kommst in deinem Eifer ja ganz von dem ab, um was ich dich so ganz eigentlich gefragt habe! Der Herr wird das Seinige allzeit und ewig tun, was Er verheißen hat; aber es kommt nun nur darauf an, ob ihr die allzeit vollgültigen Bedingungen genaust kennet, unter denen der Herr die gemachten Verheißungen allzeit gleich in Erfüllung gehen läßt!
07] Denn es kann bei einem Menschen oft von einer Kleinigkeit abhängen, derentwegen eine gegebene Verheißung nicht wirklich in Erfüllung geht; da müßt ihr dann als wahre Lehrer genausten Bescheid wissen, was dem Jünger noch abgeht, darum er noch nicht ein Meister werden kann. Und siehe, dahin eben bezieht sich jene Frage, die ich dir zuvor gegeben habe!«


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