Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 239

Der Gedanke der Langweile Gottes.

01] Sagt Raphael: »Nicht du, Freund, hast nun also geurteilt, sondern der Herr Selbst hat dir dieses Urteil ins Herz gelegt, und es muß somit ein richtiges sein!«
02] Sagt auch Murel: »Nein, was man aber hier alles vernimmt, das ist denn doch dieser Welt sehr stark unähnlich! Und doch kann da keine reine Menschenvernunft etwas einwenden! Unsere Langweile, so wir auf einmal Gott gleich weise und allwissend würden, und dagegen auch die Langweile Gottes bei dem immerhin denkbaren Zustande, von Seinen Geschöpfen, Kindern und sogar Engeln nie empfunden, gefühlt, gehört und gesehen zu werden, - nein, das sind wahrlich zwei Ansichten und Urteile, vor denen der tiefer denkende Mensch notgedrungen allen Respekt bekommen muß! So etwas hat wohl nie einem Templer geträumt; und doch ist es richtig! Ich kann da denken nun und schließen, wie ich will, und dagegen keine Einwendung finden, obwohl der Ausdruck >Gottes Langweile< etwas sonderbar klingt! Aber ich kann ihn nun beleuchten, wie ich will, so bleibt er wahr und sehr wahr! Es drängt sich mir nun noch ein recht passendes Beispiel zur Beleuchtung dieser ganz neuen Wahrheit auf, und ich muß es euch zum besten geben!«
03] Sagt Mathael: »Bruder, nur gleich heraus damit! Denn aus einem mit so vielen Erfahrungen bereicherten Gemüte läßt sich nur etwas Reelles, Gutes und für diese Sache sehr Brauchbares erwarten!«
04] Sagt darauf Murel: »Nicht darum eigentlich, aber doch, damit ihr sehet, wie ich dieses alles aufgefaßt habe! Ich stelle mir einen Menschen vor, der mit aller Weisheit begabt ganz allein auf der lieben Gotteserde dastünde. Er möchte sich den andern Menschen, so sie irgend da wären, sicher getreust mitteilen. Er sucht die Erde in allen ihren Winkeln klein durch und findet kein lebendes und denkendes Wesen. Seine große Weisheit wird ihm zur Last; denn was er auch macht und schafft, wird von niemand erkannt und bewundert. Wie müßte solch einem Menschen mit der größern Länge der Zeit wohl zumute werden? Müßte er nicht verzweifeln? Würde ihn die gräßlichste Langweile nicht völlig verzehren?
05] Wie unbeschreiblich angenehm müßte ihm zumute werden, so er endlich irgend nur eine noch so geringe Magd oder auch nur einen derbsten Knecht fände! Mit welch einer unbeschreiblichen Liebe würde er solch einen Fund ergreifen!
06] Oh, da zeigt es sich klar, was ein Mensch dem andern ist, und welch eine Seligkeit im Wohltun dem Nächsten besteht!
07] Welch ein erschreckliches Los wäre das, so ein allein dastehender Mensch auf der ganzen Erde keinen zweiten Menschen fände, um ihm eine Wohltat zu erweisen!? Schon darum ist die Liebe ein rein himmlisches Lebenselement, weil die Unmöglichkeit, sich andern tätig mitzuteilen, sie höchst unglücklich machen müßte!
08] Was nützte einem Sänger seiner Stimme ergreifender Klang, was das Erklingen einer wohlgestimmten Harfe, so er sie ewig allein anhören müßte?! Wenn ein Vöglein einsam im Walde von Baum zu Baum hüpft und durch gewisse klägliche Fragetöne seinesgleichen sucht und findet es nicht, da wird es ängstlich, da verstummt es bald, wird traurig und verläßt bald den öden, für ihn leeren Wald.
09] Schon dem Tiere ist so viel Liebe eigen, daß es sich sichtlich sehnt nach seinesgleichen, um wieviel mehr einem mit tiefem Gefühl, mit Verstand und Vernunft begabten Menschen! Was nützten ihm alle die großen Fähigkeiten und Talente, so er damit niemand als nur sich selbst nützen könnte?!
10] Und so auch auf diese meine gegründete Wahrnehmung kann ich denn auch ganz füglich annehmen - das heißt nach unseren menschlichen Begriffen -, daß es Gott dem Herrn am Ende denn doch ganz entsetzlich langweilig werden müßte, trotzdem Er auch die ganze Unendlichkeit voll der höchsten Wunderwelten um Sich hätte, auf ihnen aber kein Wesen bestünde, das Den, der es erschaffen hatte aus Seiner Liebe, erkennete, liebte und eine große Freude hätte an den zahllosen Wunderwerken Seiner Weisheit, Macht und Kraft. Um Ihn aber erkennen und lieben zu können, muß der Schöpfer dem Geschöpfe und der Vater dem Kinde dahin entgegenkommen und Sich ihm auf eine solche Weise offenbaren, bei der es dem Geschöpfe und besonders dem Kinde möglich wird, den Schöpfer, den Vater als solchen zu erkennen.
11] Wird diese Bedingung nicht erfüllt, so hat Gott vergeblich Engel und Menschen, auch alles, was da ist, vergeblich erschaffen; Er bliebe dann ewig so wie allein, und Seine noch so wunderschönen Geschöpfe wüßten um Ihn ebensoviel, als das Gras weiß um den Schnitter, der es abmäht und zu Heu trocknet.
12] Gott aber hat stets auf den geeignetsten Wegen Sich Seinen nach der wahren Lebensfreiheit ringenden, mit aller Vernunft und allem Verstande begabten Wesen sehr vernehmbar geoffenbart und hat sie auf diese Seine Ankunft vorbereitet. Mit dieser Ankunft ist nun aber auch alles Verheißene erfüllt; die Geschöpfe sehen Ihn wie sich selbst im Fleische und Blute, Er geht ganz als Mensch unter ihnen einher und lehrt sie als Vater von Ewigkeit ihre große und ewige Bestimmung kennen.
13] Auf diese Weise denn ist nun aber auch alles in der größten Ordnung, und es hängt nun allein nur von uns Menschen ab, die angeratenen Lebensmittel ganz gewissenhaft in Anwendung zu bringen, und das große Doppelziel ist erreicht, nämlich: Das Kind hat seinen ewigen, heiligen Vater erkannt, es schaut Ihn mit den liebetrunkenen Augen und freut sich Seiner über alle Maßen; und der Vater freut Sich auch über alle Maßen, daß Er nun nicht mehr allein dasteht, sondern in der lichtvollsten Mitte Seiner Kinder, die Ihn erkennen, loben, über alles lieben und stets von neuem Seine Wunderwerke anstaunen, höchst bewundern und Seine unendliche Macht und Weisheit anpreisen! Und das muß dann ja für den Schöpfer wie für das Geschöpf von Seligkeit strotzen! - Habe ich da falsch oder richtig geurteilt?«


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