Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 235

Der Sinn der Mosaischen Schöpfungsgeschichte. Ein übersinnliches Erlebnis Mathaels.

01] Fragt nun Murel dasselbe den Mathael, und dieser sagt: »Was Moses von der Schöpfung sagt, hat mit der Erschaffung der Welt gar nichts zu tun, sondern allein nur mit der Bildung des Menschen von der Wiege angefangen bis zu seiner Vollendung hin; also wird dadurch auch die Gründung der Kirche Gottes auf Erden bis auf diese Zeiten und fortan bis ans Weltende damit angedeutet.
02] Unter 'Himmel und Erde' ist zu verstehen der neue Erdenmensch gleich von der Geburt an. Der 'Himmel' bezeichnet seine innersten, verborgenen, geistigen Fähigkeiten, und die leere und wüste 'Erde' bezeichnet den neuerstandenen Naturmenschen, der seines Seins kaum bewußt ist; - erstes Stadium des Menschen.
03] Mit der Zeit gelangt das Kind zum Selbstbewußtsein und fängt an zu träumen und zu denken. Das ist das 'Es werde Licht!' im Menschen, daß er wisse. daß er ist; - zweites Stadium.
04] Und so geht das durch alle andern Schöpfungstage bis zum Ruhestadium der Vollendung des Menschen! Sage mir, ob du davon etwas zu fassen beginnst!«
05] Sagt Murel ganz erstaunt über die Bibelweisheit des Mathael: »Nein, hoher Freund, diese Weisheit hätte ich in dir nie und nimmer gesucht! Ah, auf diese Weise, die ich nun für die allein richtige erkenne, möchte ich mir von dir wohl die ganze Schrift erklären lassen! Ja, da gehört viel dazu, bis eine Menschenseele in diese Tiefe der Weisheit gedrungen ist! Wie aber bist denn du dazu gekommen?«
06] Sagt Mathael: »Mein Freund Murel, das ist doch auf diesem Platze, auf dem wir uns nun befinden, keine Frage mehr! Der Herr unter uns, - da ein Engel aus den Himmeln, der sicher Zeuge von aller materiellen Schöpfung war! Ich selbst war von meiner Jugend an schon ein Gelehrter der Schrift im Tempel, aus welchem Grunde man mich auch als Apostel zu den Samaritanern gesandt hatte; aber ehe ich noch mit den Samariten ein Wort reden konnte, machte Jehova einen Strich durch meine Rechnung: ich geriet unter arge Straßenräuber und mußte, um mein Leben zu erhalten, selbst ein arger Straßenräuber werden.
07] Da ich mich aber von Gott gar so mächtig verlassen sah, ohne daß ich in mir selbst dafür einen Grund finden konnte, so ärgerte mich das tief. Ich ward anfangs ungläubig und fing an, die ganze Schrift für ein Menschenmachwerk zu halten; aber ich ward durch eine sonderbare Erscheinung bald eines andern belehrt.
08] Ein Mann voll bittern Ernstes kam in einer Nacht, als ich allein vor der fürchterlichen Räuberhöhle Wache hielt, zu mir. Ich durchbohrte ihn sogleich mit meinem Schwerte. Er aber sprach: 'Gib dir keine Mühe mit deiner elenden Waffe; denn einen unsterblichen Geist tötet ewig keines Sterblichen Waffe! Ich bin der Geist Abrahams und frage dich, warum du Gott verlassen und Seinen Namen verfolgen willst!'
09] Sagte ich, Mathael, voll Zornes darauf: 'Wozu verfolgte mich Gott zuerst, da ich doch in Seinem Namen zu den Samariten gesandt ward, um sie alle für den Tempel zu gewinnen!? Meine Absicht war ehrlich und redlich vor Gott und vor allen Menschen, weil sie ehrlich und redlich war vor meinem Gewissen. Gott hat mir vom Anbeginne meines Seins nur mein Gewissen zu meinem Richter gegeben, und ich lebte gerecht vor diesem innern, strengen Richter. Ich selbst habe mich nicht zu den Samariten ausgesandt, sondern der Hohepriester als Stellvertreter Mosis und Aarons.
10] War es unrecht, daß ich zu den Samariten ausgesandt wurde, so hätte dafür Gottes Weisheit nicht nötig gehabt, mich, sondern nur den allein zu züchtigen, der mich ausgesandt hatte; da sie aber mich, den Unschuldigen, ergriff, so bin ich von diesem Augenblicke ein ärgster Feind Jehovas, dessen Apostel an mich du, bitterer Geist, zu sein scheinst!'
11] Da sprach der Geist, noch bitterer aussehend: 'Kennst du Gottes Macht und Zorn? Wie willst du, ohnmächtiger Wurm des Staubes, dem allmächtigen Gott Trotz bieten?! Kann dich Seine Macht denn nicht ergreifen und elendst vernichten, als wärest du nie dagewesen?!'
12] Sagte ich: 'Das kann sie sicher tun; denn für ein solches Dasein, das ich nun habe, kann ich ihr nur ewig fluchen! Bin ich aber durchaus nicht mehr, so hat auch mein gerechter Zorn und Grimm gegen sie ein ewiges Ende!'
13] Der bittere, ernste Geist aber sagte: 'Du kannst Gott nicht gebieten, daß Er dich vernichte! Er kann dich quälen, ewig hindurch, mit den erschrecklichsten Schmerzen und Peinen, und es würde sich dann weisen, wie lange du der Allmacht Gottes Trotz bieten würdest!'
14] Da sagte ich voll des glühendsten Zornes: 'Das kann Gott tun, wenn es Ihm eine besondere Freude macht, ein Geschöpf ewig zu quälen, bloß um demselben Seine Allmacht gleichfort zu zeigen! Aber das beteure ich dir, du bitter ernster Geist, daß Gott, noch tausend Male allmächtiger, als Er ist, meinen Sinn mit allen Ihm erdenklichen Qualen ewig nie beugen wird!
15] Mit Güte, Sanftmut und erweisbarer Gerechtigkeit kann Er mit mir alles ausrichten, Er kann mich zu einem Lamme der Lämmer machen; mit Seinem Zorne aber zu einem Teufel der Teufel! Bis jetzt hat mir Gottes Allmacht nur ein qualvollstes Leben gegeben, für das ich ihr ewig nicht danken werde; fällt es ihr vielleicht einmal ein, gegen mich barmherziger zu werden und an mir das gutzumachen, was sie allmachtslaunig an mir verbrochen hat, so werde ich ihr dann auch dankbar werden! So aber, wie die Dinge nun stehen, bin ich Jehovas entschiedenster Feind! Denn in Seinem Namen zog ich voll Ernstes von Jerusalem nach Samaria, um dort Seine Ehre und Sein Lob zu verkünden; dafür ließ Er mich von Teufeln ergreifen und überwältigen.
16] Es mag ja sein, daß meine Sendung dahin Ihm nicht genehm und wohlgefällig war! Konnte Er aber den falschen Propheten Bileam durch dessen Esel zurechtweisen, warum mich und meine Gefährten nicht durch unsere Esel, die uns und unser Gepäck trugen?! Warum lieferte Er uns den Teufeln in die Krallen?!
17] Gib Antwort mir, oder aus meinem Munde trifft dich ein Fluch, wie er über dieser Erde Boden noch nie ausgesprochen wurde!' - Da entschwand der Geist, und ich fiel besinnungslos zur Erde!«


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