Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 229

Missionssorgen.

01] Sagt Murel: »Hoher, weiser Freund! Das hat aber ja eben diese Lehre für sich, daß sie, was meines Erachtens ihre Klarheit betrifft, noch mehr denn auf einer mathematisch sichern Basis besteht und somit keinen Zweifel hinter sich läßt. Daher bin ich auch der Meinung, daß diese Lehre nimmer wird verfälscht werden können!«
02] Sagt Mathael: »Zu wünschen wäre es wohl; aber es wird dennoch nicht also sein! Gar so mathematisch fest aber steht sie schon ihrer rein geistigen Natur wegen nicht da, wie du sie darstellst! Denke nur nach, was es bei dir gekostet hat, bis du von der darin ruhenden Wahrheit nur eine Ahnung hast zu bekommen angefangen, und bis du endlich vollends ins klare kamst!
03] Wie warst du durch eine Menge von allerlei Wissenschaften und Erfahrungen vorbereitet und bereichert, wie durchläutert war schon dein Verstand, und doch begriffst du den Moses und den Jesajas nicht; es bedurfte einiger Worte, bis es bei dir im Herzen licht und hell zu werden begann!
04] Nun denke dir aber Menschen, die weder irgendeine höhere Wissenschaft noch eine Erfahrung voraushaben, und ein Apostel der neuen Lehre kommt und verkündet ihnen dieses wahrhafteste Evangelium aus dem Lichte der Himmel! Wie werden solche Menschen sich bei einer solchen verkündung ausnehmen?!
05] Darum meine ich denn, daß wir den Herrn hauptsächlich darum angehen sollten, daß Er uns zeige, wie wir das Wort des Lebens auch lebendig überzeugend und ein neues Leben erwecken jenen, die uns anhören werden, mit verständlicher Rede beibringen sollen! Denn das erachte ich als das Notwendigste und in der Folge der guten Sache allein ersprießlichst Dienende!«
06] Sagt Philopold: »Du hoher Freund, angetan mit dem Gewande, damit Könige gezieret sind! Du hast zwar sehr wohl und recht gesprochen; aber es hat ja eben der Herr ohnehin Selbst die Verheißung gemacht, daß wir nicht nachzudenken nötig haben sollen, was wir in Seinem Namen reden würden, zur Stunde werde es uns ins Herz und in den Mund gelegt! Wenn das sicher und unfehlbar der Fall sein wird, so weiß ich dann nicht so recht, aus welchem Grunde wir darum den Herrn noch einmal angehen sollen!
07] Ich bin aber der Meinung, daß wir als spätere Verbreiter dieser Lehre der wundertätigen Kraft nicht völlig entbehren sollen; denn gegen die rohen Gewalten der Menschen richten nur die Wunder etwas aus. Der Mensch, der zu zwei Dritteln Tier ist, muß zuerst durch ein Wunder zum Stutzen und zum Denken gebracht werden, bevor man mit ihm über Gott und über des Menschen ewige Bestimmung reden kann.
08] Mit Menschen von nur einiger Bildung würde ein weises Wort auch ohne Wundertaten im günstigen Falle wohl genügen, aber gegenüber den rohen Gewalten ist ohne Wunderwerke nichts! Alle die halb und ganz verwilderten Völker sind zumeist durch ihre Beherrscher und Priester und stets durch deren falsche Wunder zu Halbtieren geworden. Das Wort verstehen sie nicht; aber eine wahre Wundertat, die stärker sein muß als eine falsche, bringt sie dahin, daß sie sich ans Stärkere zu halten beginnen, und hat man sie einmal für sich, so kann man dann mit ihnen erst eine zweckdienliche Schule zu halten anfangen.
09] Das ist so meine Meinung, und ich behaupte auch, daß man bei sogar sehr verstandesgeweckten Menschen mit einer Wundertat, wenn sie vom echten Schrot und Korn ist, stets mehr ausrichten und mit ihnen auch schneller zum Zwecke gelangen wird als durch eine noch so gewählte Rede! Denn auch der verstandesgeweckte Mensch lebt in einer gewissen Begründung, die schon darum falsch ist, weil sie eben eine Begründung ist, und solche Begründungen sind mit dem bloßen Worte nicht leichtlich aus der Seele zu bringen!
10] Betrachten wir uns selbst und fragen, was denn uns zuerst aus unseren Begründungen gerissen hat! Verhehlen wir es uns nicht! Eben die Werke waren es, die uns zeigten, wer Der ist, der sie gewirkt hatte!
11] Und so glaube ich, daß wir den Herrn um die Kraft, im Notfalle ein Wunder zu wirken, wohl vor allem angehen sollen!«


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