Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 204

Das Wesen wahrer Offenbarung.

01] Sage Ich: Mitnichten! Das Gute und Wahre ist gleich, ob es ein Mensch durch sein reges Forschen entdeckt, oder ob es ihm von Gott unmittelbar geoffenbart wurde; denn das Selbstfinden einer Wahrheit ist eben auch eine Offenbarung von oben, aber eine mittelbare, und das Mittel dazu war das rege Forschen.
02] Durch solches Forschen macht sich die Seele freier von den groben Banden der Materie und erweckt dadurch auf Momente den göttlichen Geist in sich, oder sie kommt mehr ins Lebenszentrum ihres Herzens, dahin stets und unablässig Gottes Licht und Erbarmung fließt und ebenso der Seele das Leben und geistiges Wachstum schafft, wie der Sonne Licht und ihre Wärme in die Furchen der Erde dringt und daselbst das Leben und das Gedeihen der Pflanzen Erweckt, erhält und fördert, bis aus der Pflanze eine freie, selbständige und dadurch eine vollreife Frucht erzeugt wird, deren eigenes Leben nicht mehr von der Pflanze abhängig ist, sondern für sich selbst besteht.
03] Wenn in den wahren, lebensregen Momenten die Seele in das beschriebene Lebenszentrum im Herzen kommt, so ist sie dadurch auch zur Offenbarung des Geistes Gottes in jegliches Menschen Herz gelangt und kann da nichts anderes als nur die ewige gleiche Wahrheit aus Gott in sich selbst finden. Und das ist eine mittelbare Offenbarung und unterscheidet sich von der unmittelbaren nur dadurch, daß da Gott in den Fällen großer Menschenverfinsterung taugliche Menschen ohne ihr Zutun Erweckt und deren Seele eben auch in ihr Lebenszentrum leitet, um von da aus den andern Blinden das augenöffnende Licht wieder zu verschaffen.
04] Und noch ist da ein Unterschied zwischen der mittelbaren und unmittelbaren Offenbarung, und dieser besteht darin: Die mittelbare Offenbarung gibt dem suchenden Menschen nur darüber ein rechtes Licht, darüber er speziell eines haben möchte, und gleicht einem guten Lampenlicht, mit dem man irgendein dunkles Gemach ganz hell erleuchten kann; die unmittelbare aber gleicht der Sonne am hellsten Mittag, deren mächtiges Licht die ganze Welt in allen ihren großen und kleinen Furchen erleuchtet, also auch die unmittelbare Offenbarung.
05] Diese (der Sonne vergleichbare unmittelbare Offenbarung) ist nicht nur für den Menschen gültig, dem sie gegeben wird, sondern für alle Menschen, und zunächst für das Volk, dem der Prophet angehört; aber weil es echte und wahre von Gott berufene Propheten gibt, so läßt sich's daneben leicht denken, daß es auch falsche geben wird, und zwar aus folgenden leicht faßlichen und leicht begreiflichen Gründen:
06] Ein wahrer Prophet muß bei seinen Nebenmenschen in eine Art Hochachtung kommen; denn seine Weissagungen, und mitunter auch seine Taten zum Beweise der Göttlichkeit seiner Erweckung, müssen doch dem gewöhnlichen Alltagsmenschen einen gewissen Respekt einhauchen, - ob die Weissagungen ihm gefallen oder nicht, und ob sie mit seinen irdischen Interessen im Einklange stehen oder nicht.
07] Bei Menschen besseren Sinnes wächst ein Prophet aber ohne seinen Willen zu einem unerreichbaren Riesen und kann sich der gewissen frommen Hochachtung und Ehrfurcht nimmer erwehren, so demütig er sonst auch ist und sein muß.
08] Nun, das sehen andere Weltmenschen, deren Verstand oft sehr erfinderisch ist; denn an der Schlangenklugheit hat es den Kindern der Welt noch nie gemangelt. Diese Weltmenschen wollen auch ein Ansehen und mit diesem einen leicht einzusehenden irdischen Gewinn.
09] Sie fangen an zu studieren und erfinden nicht selten mit Hilfe des Satans Dinge und machen scheinweise Reden, daß die in allem Wissen laie (laienhafte) Menschheit am Ende keinen Unterschied mehr zu machen versteht, was da wahr und echt und was da falsch und schlecht ist.
10] Wie aber kann man dann dennoch einen falschen von einem echten Propheten erkennen? Ganz leicht: an den Früchten nämlich!
11] Denn von den Dornen und Disteln sammelt man keine Trauben und Feigen!
12] Der echte Prophet wird nie und unmöglich selbstsüchtig sein, und ferne von ihm wird sein jeder Hochmut. Er wird wohl dankbar annehmen, was ihm gute und edle Herzen spenden; aber nie wird er an jemand eine taxenmäßige Forderung machen, weil er weiß, daß dieses vor Gott ein Greuel ist, und weil Gott Seine Diener wohl erhalten kann!
13] Der falsche Prophet aber wird sich zahlen lassen für jeden Schritt und Tritt und für jede sogenannte gottesdienstliche Handlung zum vorgeschützten und vorgelogenen Wohle der Menschheit. Der falsche Prophet wird von den Gerichten Gottes donnern und selbst in Gottes Namen richten mit Feuer und Schwert; der echte aber wird niemand richten, sondern nur ohne alles Interesse die Sünder ermahnen zur Buße und wird keinen Unterschied machen zwischen groß und klein und zwischen angesehen und unangesehen. Denn ihm gilt nur Gott allein alles und Sein Wort, - alles andere ist für ihn eine eitle Torheit.
14] In des echten Propheten Rede wird nie ein Widerspruch statthaben; stelle aber des falschen Propheten Rede ans Licht, und es wird darin von Widersprüchen wimmeln. Den echten Propheten kann nie jemand beleidigen, wie ein Lamm wird er alles ertragen, was immer auch die Welt ihm antun mag; nur gegen die Lüge und gegen den Hochmut wird er im Feuereifer aufwallen und sie beide allzeit schlagen.
15] Der falsche Prophet ist stets ein Todfeind jeder Wahrheit und jedes bessern Fortschritts im Denken und in den Werken; niemand außer ihm soll etwas wissen oder irgendeine Erfahrung haben, auf daß ein jeder genötigt wäre, sich allzeit und in allen Dingen des teuren Rates bei ihm ums Geld zu holen.
16] Der falsche Prophet denkt nur an sich; Gott und dessen Ordnung sind ihm lästige und lächerliche Dinge, an die er bei sich keinen Funken Glaubens hat, darum er sich auch mit dem leichtesten Gewissen von der Welt einen Gott aus Holz und Stein machen kann, wie es ihm nur beliebt. Daß dann so ein Gott für die einmal ganz durch und durch blindgemachte Menschheit leicht durch die Hände des falschen Propheten Wunder wirken kann, wird etwa doch sehr leicht begreiflich sein!«
17] Sagt Schabbi: »Oh, erhabener Freund, das weiß ich und wir alle, wie es die falschen Kerle anstellen, und wie sie Wunder wirken; das sind bei mir Bestien und keine Menschen mehr! Denn ich finde in der Welt keine größere Schändlichkeit, als so ein solcher geistlicher Menschenbetrüger vom Fache seinen unwissenden Brüdern etwas zum Glauben aufdrängt, darüber er bei sich lachen muß und selbst kaum begreift, wie die Menschheit so entsetzlich dumm sein kann, solch einen entsetzlichen Unsinn als ein blankes Gold anzunehmen.
18] Oh, erhabener Freund, was du nun gesagt hast, weiß ich und kenne ich! Aber wie da beschaffen ist eine mittelbare und unmittelbare Offenbarung, das konnte ich nicht wissen; aber es freut mich, daß das, was der Mensch redlichen Willens durch sein reges Forschen gefunden und entdeckt hat, eben auch am Ende dennoch eine Offenbarung von oben ist. Natürlich kann da nicht ein jeder Mensch ein Prophet dem ganzen Volke sein; aber wenn der mittelbare Prophet in einer sonderheitlichen eigenen Sphäre etwas sehr Nützliches, wenn auch nur zum Behufe der leiblichen Vorteile, erfunden und entdeckt hat, so wird das auch mit der Zeit zum Wohle für ein ganzes Volk in die nützliche Anwendung kommen, und es kann dadurch dann auch der mittelbare Sonderheitsprophet ein allgemeiner sein und werden!
19] Nehmen wir an die sicher schon vorsündflutliche Erfindung des Pfluges! Dies unschätzbar nutzwerteste Ackergerät hat sicher ein tätiger und denkender Mensch auf dem Wege der mittelbaren Offenbarung erfunden. Sein Name ist zwar in der Geschichte nicht aufbewahrt worden; aber welch unberechenbaren Nutzen hat seine Erfindung der Menschheit schon gebracht! Und so gibt es eine große Menge solcher allgemeinst nützlicher Erfindungen von hunderterlei Werkzeugen und Gerätschaften, die einen unendlichen Nutzwert haben. Ihre Erfinder waren sicher sehr tätige, bescheidene und anspruchslose Menschen, ansonst die Schreiber ihre Namen sicher aufgezeichnet haben würden gleichwie die Namen derjenigen, die da geherrscht haben über die Völker und ihnen im allgemeinen sehr wenig genützt haben.
20] Ich bin der Meinung, daß jene Menschen der Völker größte Wohltäter sind, die sie denken lehrten nach der Ordnung der Wahrheit und sie bereichert haben mit nützlichen Erfindungen!
21] Der Nutzen der allgemeinen, rein geistigen Propheten aber befindet sich bis zur Stunde noch in einer großen Schwebe. Sie rügten wohl eingerissene Volksgebrechen und züchtigten die argen, mutwilligen Frevler. Sie verkündeten zumeist in stark umhüllten Worten Gott und Sein Walten und Sein Wollen und Seine Absichten; aber die Menschen verstanden sie nicht im vollklaren Sinne und taten darum dennoch, was sie wollten, nach ihren weltlichen Gelüsten und ließen Gott und Seine erhabenen Propheten gute Männer sein.
22] Auf diesem Wege entstand das verworrene Heidentum und mit ihm alle erdenklichen Spielarten des allerfinstersten Aberglaubens; aber der Pflug blieb Pflug, und die Säge eine Säge, und die Axt eine Axt, - und der Heide wie der Erzjude bedienen sich gleichmäßig solch nützlicher Erfindungen!
23] Es fragt sich am Ende noch sehr, welche Gattung der echten Propheten am Ende für die Menschheit einen allgemeineren Wert hat!
24] Die Menschen denken zwar viel und begreifen so manches; aber einen Daniel ganz zu begreifen, oder einen Jesajas, oder einen Jeremias, oder gar ein Hoheslied Salomonis, - da nützt kein menschliches Denken, - es ist umsonst! Das fasset nur ein Gott oder irgendein Engelsgeist, oder ein eigens dazu Erweckter Prophet. Nur diesen drei Gattungen von Geistern kann es möglich sein, das zu begreifen; für jeden andern Geist ist das allerreinst unmöglich. Nun fragt sich's aber, wozu eine hohe Weisheit gut ist, die kein Sterblicher fassen und begreifen kann!?«


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