Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel <193A HREF="ev03-194.htm">

Grundnatur des Menschen.

01] (Der Herr:) »Freilich, wohl wird man hie und da sagen und also richten: Ja ja; es ist gut von der Tugend der Freigebigkeit predigen und den Geiz als ein abscheulichstes Laster darstellen; wer aber könne da eigentlich dafür, daß der eine Mensch den überwiegenden Drang zur verschwenderischen Freigebigkeit in sich als einen wahren Lebensgrund hat und ein anderer dafür den allerblanksten Geiz?! Bei beiden sei es eine Sache und äußere Erscheinlichkeit ihrer innersten Liebe, aus der eines jeden beseligendes Gefühl für ihn selbst erwächst, das er dann, einer wie der andere, für sich behielte. Es werde aber der erste traurig so er nicht so viel im Überflusse besitzt, um seine armen Nebenmenschen zu beglücken, und der zweite werde traurig, wenn er nicht so viel, als er wünscht, einnimmt - oder gar etwa verliert! Das sei, dies alles liege so schon ursprünglich in der Natur des Menschen, und es könne da dann im Grunde weder ein Laster noch irgendeine wahre Tugend gehen. Für den Geiz sei die Freigebigkeit ein Laster - und für die Freigebigkeit im gleichen Maße der Geiz. Könne etwa das Wasser darum, daß es ganz weicher und fügiger Natur sei, und wer könne den Stein verdammen seiner Härte wegen?! Das Wasser müsse so sein, wie es ist, und der Stein im gleichen, wie er ist.
02] Das ist einesteils wohl richtig; des Freigebigen Natur ist, freigebig zu rein, und des Geizes Natur das blanke Gegenteil. Aber es verhält sich diese Sache also: Mit dem Drang zur Selbstsucht und zum Geiz kommt ein jeder Mensch als Kind zur Welt, und dessen Seele hat durchgängig noch das gröbst-materiell-tierische Element in sich, und namentlich gilt das für jene Seelen, die nicht von oben, sondern nur von dieser Erde her sind. Aber ganz frei von diesem Element sind auch jene Seelen nicht, die aus den Sternen auf diese Erde herüberkommen.
03] Ward der Mensch nun in diesem tierischen Element erzogen, so verkehrt er dann solches selbst stets mehr und mehr in seinen Lebensgrund, das heißt in seine Liebe; weil diese aber tierisch ist, so bleibt der Mensch denn auch gleichfort ein reißendes Tier und hat nichts Menschliches als die lumpige Gestalt, die gelöste Zunge und infolge des geordneten Gehirnbaues ein geregeltes Erkenntnisvermögen, das aber stets mehr und mehr vom tierischen Elemente zur schnöden Tätigkeit angetrieben wird. Es kann infolgedessen nur das als gut und beseligend erkennen, was das rein tierische Element will.
04] So nun jemand behaupten möchte, daß es im eigentlichen Sinne der Wahrheit nach keine Tugend und somit auch kein Laster gäbe, und daß man sehr unrecht tue, den Geiz gegenüber der Freigebigkeit zu verdammen, der sei auf diese Meine Erläuterung angewiesen; er betrachte sie, und erwäge sie wohl!
05] So aber ein Gärtner zwei Fruchtbäume in seinen Garten setzt und sie, wie sich's gebührt, pflegt, - wird es ihm wohl einerlei sein, so ihm nur der eine Baum Früchte trägt, der andere aber, von derselben Art seiend und in derselben Erde stehend, vom gleichen Regen und Tau, von gleicher Luft und vom gleichen Lichte genährt, durchaus keine Früchte, ja, nicht einmal ein genügendes, für den Schatten verwendbares Laub trägt? Da wird der einsichtsvolle Gärtner sagen: 'Das ist ein ungeratener, kranker Baum, der alle ihm zukommenden Säfte in sich verzehrt; wir wollen sehen, ob ihm denn nicht zu helfen sei!' Da versucht der Gärtner alle ihm bekannten wirksamen Mittel, und helfen am Ende alle diese Mittel nichts, so wird er den unfruchtbaren, in sich selbst verdorbenen Baum ausrotten und an seine Stelle einen andern setzen.
06] Ein geiziger und selbstsüchtiger Mensch ist sonach ein in sich durch sich selbst verdorbener Mensch und kann keine Früchte des Lebens bringen, weil er in sich selbst alles Leben verzehrt.
07] Dagegen aber ist ein freigebiger Mensch schon darum in sich in der rechten Lebensordnung, weil er nach außen hin reichliche Früchte trägt.
08] Ein Baum kann aber nicht darum, ob er Früchte oder keine Früchte trägt; denn er bildet sich nicht selbst, sondern die in seinem Organismus aufsteigenden Geister aus dem gerichteten Reiche der Natur bilden ihn durch ihre Kraft und durch die ihnen innewohnende höchst einfache und somit auch ebenso beschränkte Intelligenz. Der Mensch aber steht auf dem Punkte, durch die unbeschränkte Intelligenz seiner Seele sich selbst zu bilden und sich zu einem reichlichste Lebensfrüchte tragenden Baume umzuwandeln
09] Tut er das, wozu er alle Mittel besitzt, so wird er erst ein rechter Mensch in der wahren, ewigen Ordnung Gottes: tut er das aber nicht, so bleibt er ein Tier, das als solches kein Leben in sich hat und somit auch keines an einen Nächsten durch gute und liebreiche Werke übergeben lassen kann.
10] Darum aber sind die nun geretteten Perserjuden schon ganz wohlgeordnete Menschen, und es ist nun ein ganz leichtes, sie in eine höhere Weisheit zu leiten; denn so da eine Lampe derart voll Öles ist, daß dasselbe ganz reichlichst überzugehen anfängt, und hat einen wohlgestellten und kräftigen Lebensdocht in sich, so braucht man den Docht nur anzuzünden, und es wird sogleich die ganze Lampe voll Lichtes und wird fein und helle alles erleuchten um sich herum im weiten Kreise!
11] Und diese Perserjuden samt ihren Weibern, die einige aus ihnen mitgenommen haben, sind schon solche wohlgefüllte Lampen; da wird es demnach gar nicht viel mehr brauchen, und sie werden alle voll Lichtes sein!«
12] Sagt darauf Cyrenius: »Herr, dies ist für alle Menschheit ja schon wieder eine höchst wichtige Lehre und sollte wohl aufgeschrieben werden und gelten und bleiben bis uns Ende der Welt!«
13] Sage Ich: »Du sorgest dich recht darum, und Ich habe darum schon gesorgt, daß das Wichtige davon schon in deinen Rollen aufgezeichnet ist. Aber es nützt jede derartige Aufzeichnung zum Leben nur so viel als ein toter Wegweiser dem Wanderer auf den vielen Straßen und Irrgängen dieser Welt. Das aber, was jedermann helfen kann und ihm geben Weisheit, Kraft und Leben, wird einem jeden Menschen in sein Herz geschrieben, und das auf eine ganz unvertilgbare Weise so, daß diese Schrift des ewigen Lebensrechtes und seiner in- und ausseitigen Beziehungen bei jeder der göttlichen Ordnung zuwiderlaufenden Handlung im Menschenherzen von selbst laut verlesen wird und die Seele mahnt, zurückzukehren in die ursprüngliche, göttliche Ordnung!
14] Wird der Mensch dieser inneren Stimme folgen, so wird er sogleich auf dem rechten Wege sein; wird er sich aber nicht danach kehren, sondern tun nach der tobenden Leidenschaft seines Fleisches, so wird er es sich dann nur selbst zuzuschreiben haben, so er vom eigenen Gerichte in sich selbst verschlungen wird. - Nun aber sehe Ich, daß sich unsere Perser aufmachen; darum wollen wir denn auch freudigst sie erwarten!«


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