Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 189

Das bedrängte Schiff auf hoher See.

01] Ich aber berufe den Engel und sage der Gäste und Jünger wegen laut zu ihm: »Auf dem Meere leidet ein gedecktes, ziemlich großes Schiff mit zwanzig Menschen beiderlei Geschlechts, ohne die acht Schiffer, große Not. Das Schiff hielt zu Anfang des Sturmes am jenseitigen Ufer unweit von Genezareth; als aber der Sturm heftiger denn zuvor umbog, riß er das zum Ausfahren bereite Schiff vom Ufer und trieb es mit der größten Heftigkeit in die hohe See. Die Schiffer und die Reisenden arbeiteten mit der größten Anstrengung und erschöpften nahe alle ihre Kräfte, um sich vor dem Untergange zu retten. Nun sind sie in der Gefahr, vom Meere verschlungen zu werden; darum hebe dich, und rette sie, - aber nicht auf eine für sie zu unbegreifliche Weise, sondern löse dir ein Boot los und steure als ein geschickter Lotse dem starkbedrängten Schiffe zu Hilfe und bringe es hierher, weil das Schiff ohnehin hierher nach Cäsarea Philippi steuern wollte!«
02] Nach diesen Meinen Worten verläßt der Engel augenblicklich unsere Gesellschaft, löst ein Boot los - das wohl voll Wassers war; aber Raphael hatte jeden Tropfen Wassers bald über Bord - und fuhr darauf dem heftigsten Orkane wie ein Pfeil entgegen und hatte auch in ein paar Augenblicken das bedrängte Schiff erreicht.
03] Als die Hartbedrängten den Lotsen ersehen, fallen sie auf die Knie, danken Gott und sagen: »Oh, dies ist kein gewöhnlicher Lotse! Das ist ein wahrhaftiger Engel, den Gott uns auf unser Flehen zu unserer Rettung gesandt hat! Der wird uns alle wohl erretten!«
04] Der Raphael aber fragt sie nur pro forma (zum Schein): »Wohin wollt ihr bei diesem Sturme?«
05] Sagen die Bedrängten: »Nach Cäsarea Philippi wollten wir, aber erst nach dem Sturme; aber der zu heftige Sturm riß das Schiff vom Ufer und trieb uns mit aller Gewalt hierher. Wir wissen nicht, wo wir uns befinden, denn der zu dichte Regen läßt uns nach keiner Seite hin ein uns bekanntes Ufer erschauen. Haben wir noch weit dahin, wohin wir kommen wollen?«
06] Sagt Raphael: »Bei diesem Winde nicht; aber da der Regen und der Sturm noch sicher eine kleine Halbstunde scharf andauern dürften und ihr erst in den hohen Wogenschlag hineinkommen würdet, wo ihr ohne Rettung verloren wäret, so kam ich als der erfahrenste und beherzteste Lotse, um euch und euer Schiff in eine vollste Sicherheit zu bringen. - Habt ihr viel Wasser im Schiffe?«
07] Sagen die Schiffer: »So ziemlich!«
08] Aber nach ein paar Augenblicken ist das eingedrungene Wasser aus ihrem Schiffe bis auf den letzten Tropfen verschwunden, und die Schiffer sagen zum freundlichen Lotsen: »Aber es ist dies doch im höchsten Grade merkwürdig! Sieh, edler junger Lotse, wir irrten uns vorher; es ist kein Tropfen Wassers in unser gut gedecktes Schiff gedrungen! Wir haben wohl sonderbarerweise vorher etwas Wasser in unserm Schiffe zu entdecken geglaubt; aber es mag das bloß eine Täuschung infolge unserer gerechten Furcht gewesen sein, denn nun entdecken wir nirgends auch nur einen Tropfen Wassers, was im Ernste doch etwas wunderbar aussieht. Ja, ja, es ist stets alles Wunder, was der Herr anordnet; aber dies ist denn doch etwas sonderbar, daß nun bei diesem Äonenregen in unserm gedeckten Schiffe kein Tropfen Wassers und dein offenes Boot kaum ein wenig feucht ist!«
09] Sagen darauf die Reisenden zu den etlichen Schiffern: »Redet nicht vieles umsonst! Dies alles ist ja handgreifliche Gnade Gottes, dafür wir Ihm ein allererstes und wohlschmeckendstes Dankopfer zu bringen haben, und der junge mutige Lotse ist ein Lotse aus den Himmeln! Denn seht nur an, wie der Regen noch in den dicksten Strömen herniederstürzt und rings um uns her die Wogen bergehoch steigen; unser Schiff aber wie sein Boot schweben so ruhig dahin, als wäre die See spiegelruhig, und weder auf unser Schiff, noch in sein Boot fällt ein Regentropfen! Auch die Blitze schwirren und schmettern um uns herum wie muntere Tagesfliegen, und uns rührt keiner der strahlenden und krachenden Todbringer an! Seht, das ist eine Gnade, ja von uns allen höchst unverdiente Gnade von oben!«
10] Sagen die Schiffer zu den Reisenden: »Jawohl, jawohl - da habt ihr alle wohl recht; das ist ein Wunder, das ist eine wahrhaftige Gnade von oben! Wir sind gerettet! Seht hin, schon erblicken wir ein recht nahes Ufer! Eine Menge Menschen stehen trotz des ungeheuren Regens am Ufer, und sehet, viele, ja alle winken uns schon ein freundlichstes Willkommen zu! O Gott und Herr! Wie groß und herrlich bist Du auch im Sturme jenen, die Dich noch allzeit getreu geehret und gelobet haben, und haben Dir stets mit Freuden das vorgeschriebene Opfer dargebracht! Ewige Ehre allein Deinem heiligsten Namen!«
11] Nach diesen Worten steuern sie langsam dem Ufer zu, und Ich gebiete nun dem Sturme im geheimen, innezuhalten und für gänzlich aufzuhören.
12] Und alles hat schnell ein Ende, und es wird alles also ruhig, als wäre nie ein Sturm dagewesen. Das Schiff kommt leicht uns Ufer, und die Reisenden werden uns Ufer gesetzt.
13] Als die Reisenden uns Land kommen, können sie sich nicht genug erstaunen über alles, was ihnen allda begegnet.
14] Der Sturm und der Wolkenbruchregen ist gänzlich verstummt, des Meeres Fläche ist in der schönsten Ruhe und der Himmel von den Wolken frei; nur ganz leichte Lämmerwölklein schmücken hie und da im rosigen Lichte des Himmels blauen Grund. Denn die Sonne ist bereits hinter die Berge entwichen und hat der Erde, da wir waren, nur eine recht herrliche Abenddämmerung zum Abschiedsgruße hinterlassen.
15] Die von den Reisenden bestiegenen Ufer sind ganz staubtrocken, alle hier bei Mir seienden Gäste sehen sehr heiter und freundlich aus, und unser alter Markus nimmt sie sehr freundlich auf, fragt sie auch sogleich, ob sie keine Erfrischungen und Stärkungen zu sich nehmen wollen, da sie diese Sturmfahrt sicher sehr abgemüdet habe.
16] Kurz, alles das wirkt so günstig auf die Reisenden ein, daß sie vor lauter Staunen ordentlich gar nichts hören und sehen, was um sie herum ist und geschieht.


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