Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 183

Der Grund der Menschwerdung Jesu.

01] Sagt Philopold: »In Deinem für mich heiligsten Namen denn will ich's versuchen, was ich aus mir heraus entfalten werde.
02] Ich meine, wenn schon selbst irgendein einfältigster Mensch denn doch irgendeinen Grund zu irgendeiner noch so einfältigen Handlung haben muß, ansonst er seine Glieder sicher nicht in eine Tätigkeit versetzt hätte, um so mehr läßt sich voraussetzen, daß Gott einen gar überaus höchst triftigen Grund gehabt haben muß, als der ewig allein wahre und reinste allmächtige Geist Sich in die begrenzte Form des Fleisches einzuzwängen und so als der Schöpfer aller Dinge Seinen Geschöpfen, wie wir Menschen es sind, ein Mitgeschöpf zu werden.
03] Wie aber schon bei uns Menschen nur die Liebe allein der mächtige Hebel zu allen wie immer gearteten Handlungen ist, so war eben die Liebe auch in Gott sicher das alleinige große Motiv, durch welches, aus Sich Selbst heraus genötigt. Er eben Sich dazu bequemte, wovon Du, o Herr, als heiligste Folge nun unter uns wandelst und uns lehrst, Deinen Willen frei in uns zu erkennen, ihn zu unserem vollen Eigentume zu machen und danach selbständig Dir, o Herr, wohlgefällig zu handeln.
04] So aber kommt es mir in meinem Herzen ganz natürlich und lebendig menschlich vor: Du hast einmal von Ewigkeit her Deine Ideen zu wirklich festen Formen umstaltet. Zuerst waren die Formen starr und steif, wie nun noch alles, was vor unseren Sinnen als völlig leblos scheinend dasteht. Aus diesen großen und scheintoten Formen entwickeltest Du von Periode zu Periode stets mehr und mehr weichere und ihrer selbst bewußtere Lebensformen mit weniger oder mehr freier Bewegung und Tätigkeit. Dies alles ist und war nur eine Vorschule und Vorprobe zum völlig freien Leben im darauf aus allen den Vorgängen hervorgehenden völlig freien Menschen, dem Du, o Herr, die Haupt- und Grundform Deines eigenen Grundseins gabst.
05] Der Mensch war nun da, erkannte sich und seine göttliche Freiheit, hatte eine große Freude an seinem Dasein, an seiner schönen Form und konnte unterscheiden und zählen die Dinge, die ihn umgaben.
06] Er fing aber auch bald in sich an, nach dem Ursprung seiner selbst, wie nach dem der ihm dienenden Dinge zu forschen; und als Du, o Herr, solches sahst, ward Dir freudig um Dein göttliches Herz, und Du verschafftest ihm die Gelegenheit, Dich mehr und mehr zu fühlen und zu denken.
07] Durch die innere stille und geheime Offenbarung im Herzen des nun frei dastehenden Menschen, der in allem Dein Ebenmaß war, führte Dein ewiger Geist ihn zuerst darauf hin, daß er zu erkennen beginne, daß er samt allem, was ihn umgab, das Werk eines allmächtigen und höchst weisen und guten Wesens sein müsse. Durch solche stets steigende und heller werdende Erkenntnis mußte der neue, herrliche Mensch nicht nur mit der höchsten Hochachtung und Ehrfurcht vor dem stets lebendiger gefühlten Schöpfer aller Dinge, sondern auch mit einer sehnenden Liebe zu Ihm dahin im Herzen erfüllt werden, Ihn nur einmal zu sehen und zu sprechen, um dadurch treu zu erkennen, daß seine große, Ehrfurcht und Liebe erweckende Ahnung vom Dasein eines solchen höchsten Wesens kein eitles Phantasiebild sei!
08] Diese große Sehnsucht stieg und stieg höher und höher, und heißer und heißer ward das geheiligte Verlangen nach Dir, o Herr, in Deinem Geiste in des ersten Menschenpaares reiner und noch völlig unverdorbener Brust.
09] Diese ersten Menschen liebten sich zwar; aber sie erkannten sich nicht, und es einigte sich darum ihre Liebe zu Dir, o Herr, und zeugte in beiden die stets größere und bestimmtere Zuversicht, daß es einen großen, heiligen und allmächtigen Schöpfer geben müsse, der den Menschen zum Herrn über die ganze Erde und über alle Dinge gesetzt habe, weil sich vor seinem Willen alle anderen Geschöpfe der Erde beugten.
10] Als solche Sehnsucht, Dich gewisserart persönlich kennenzulernen, den höchsten Kulminationspunkt erreicht hatte, da wardst Du denn auch erregt in Deinem Gottesherzen und eröffnetest des Menschen innere Sehe, schufest Dir für den Moment eine ätherische Menschenform und zeigtest Dich also dem nach Dir lechzenden Menschen.
11] Da erst ersah der Mensch die großheiligste Wahrheit und vollste Wirklichkeit seiner Ahnung und hatte eine große Freude an Dir, aber auch eine rechte Furcht vor Dir, der Du ihm, wie allen Dingen, das Dasein gegeben hast.
12] Damals war der Mensch gut und rein wie eine Sonne; nichts trübte seine Sinne, und das, was man nun Leidenschaft nennt, war ferne seiner geheiligten Brust.
13] Aber Du, o Herr, wußtest wohl, daß also nur des Menschen Form durch Deines Willens Odem belebt und nun fähig war, an seiner eigenen inneren Ausbildung zu arbeiten anzufangen, um die freie Selbständigkeit zu erlangen.
14] Du unterwiesest ihn und zeigtest ihm die beiden Wege, - den einen, führend zur gottähnlichen, freiesten Selbständigkeit, und den andern, führend zum gerichteten, also im vollsten Maße unselbständigsten Sein.
15] Ein Gebot war der verhängnisvolle Wegweiser und der fragliche Doppelweg selbst.
16] Damit aber das Gebot für den neuen Menschen das würde, was es sein sollte, so mußtest Du ja dem Menschen einen Versucher beigesellen, damit dieser ihn zur Nichtbeachtung des Gebotes anreizte und der Mensch dann aus dem eigenen festesten Willen das Gebot hielte und treu beachtete.
17] Dies ging auch eine Weile; aber Du Selbst sahst, daß der Mensch durch die strenge Haltung dieses einen Gebotes am Ende dennoch nicht zu jenem hohen Grade der vollsten Selbständigkeit gelangen könne, der ihm von Dir aus vorgesteckt war.
18] Um das zu erreichen, mußte der Mensch zuvor noch tiefer und weiter von Dir getrennt werden; er mußte fehlen und fallen und dann erst in solcher höchsten Abgeschiedenheit von Dir höchst mühsam und unter allerlei Verlockungen und Beschwerden sich ganz von neuem zu sammeln anfangen und forschen nach Dir mit gedrücktem und reuigem Herzen.
19] Als der also gefallene Mensch sich auf solche mühevolle Weise aus seiner tiefsten Tiefe wieder zu Dir emporgerichtet hatte, kamst Du ihm wieder entgegen, zeigtest ihm Dich abermals in einer schon um sehr vieles gediegeneren Form und ebenso auch umfangreicher in der den Menschen belehrenden Offenbarung, und machtest ihm die große Verheißung dessen, was Du nun vor unsern Augen ins vollste und gediegenste Werk gesetzt hast dadurch, daß auch Du dem Menschen ein vollkommenster Mitmensch würdest, auf daß er in alle zukünftigen Ewigkeiten als allervollkommenst selbständig Dir gegenüberstehen könne und Du Selbst dadurch den größeren, herrlicheren und sicher seligeren Genuß hättest, Deinen Kindern nicht gleichfort als ein in aller Unendlichkeit ausgedehnter und dadurch nie schau- und fühlbarer Gott, Herr und Vater, sondern als ein schaubarer lieber Vater, den die Kinder lieben können, gegenüberzustehen, und alle die guten Kinder persönlich zu führen in alle Deine Wunderhimmel.
20] Welche Seligkeit könnte das für einen unendlichen Gott auch sein, so Er wohl Seine lieben Kinder sehen könnte, diese Ihn aber nie irgend anders denn als ein unendliches Lichtmeer zu Gesichte bekommen könnten?! So aber hast Du den Menschen wohl die höchste Seligkeit bereitet und dadurch auch als wahrer, einziger und liebevollster Vater Deiner Kinder auch Dir Selbst!
21] Denn welche Lust wohl könntest Du Selbst an dem besten und herzensreinsten aller Deiner Kinder haben in dem sicher hellsten Bewußtsein, daß sie Dich ewig nie sehen und reden hören sollen?!
22] Also, Deiner und der Menschen willen hast Du, o Herr, alles das getan, auf daß die Reinen in Dir glückseligst würden und Du in ihnen auch die höchste Wonne und Glückseligkeit genießen könntest!
23] Und wenn nun alle Engel aus den Himmeln herabsteigen und mir einen andern Hauptgrund Deiner nunmaligen, völlig und sogar materiell formellen Menschwerdung angeben können, so leiste ich auf ewig auf meine Menschheit Verzicht und will aufhören zu sein, oder ich will für ewig irgendein Tier sein!
24] Hättest Du, o Herr, die Liebe nicht in Dir, so hättest Du ewig nie auch nur eine Deiner allerherrlichsten Ideen ins beschauliche und formelle Dasein gerufen; dadurch aber, weil Du Selbst ein großes Wohlgefallen in Deinem Gottesherzen zu (an) Deinen wunderbarst herrlichen und großen Ideen fandest und sie schon liebtest, bevor sie Deine endlose Weisheit und Macht ins außen beschauliche und durch Deine Kraft gefestete formelle Dasein rief, zwang Dich Deine Liebe, die auch stets glühender und tätiger ward, nun denn auch Deinen Ideen ein Dasein wie außer Dir und darum auch ein nachfolgendes Leben zu geben.
25] Dies Leben aber ist ja noch nichts anderes als Deine höchste, mächtigste und reinste göttliche Liebe!
26] Alle Geschöpfe atmen ihr Leben aus und in dieser Deiner Liebe, ja, ihr ganzes Wesen ist ja nur Deine Liebe, und alle Formen sind auch nur Deine Liebe! Alles, was wir hören, sehen, wahrnehmen, empfinden, fühlen, und schmecken, ist nur Deine Liebe! Ohne diese hätte nie eine Sonne irgendeine Erde erleuchtet und ihre Gefilde befruchtend erwärmt!
27] Wenn aber das alles nur Deine Liebe getan hat mit Deinen herrlichen Urideen, sollte sie hernach für sich selbst nichts tun, um eben in allen durch sie gewordenen Wesen das in aller Fülle zu erreichen, was sie uranfänglich in sich selbst zwang, den Ideen Form und ein freies, selbständiges Leben zu bereiten?!
28] Ich bin nun der Meinung, daß ich die volle Wahrheit geredet habe, aus der da klarst hervorgeht, daß Du, Gott von Ewigkeit, auch notwendig in der Zeit ein Mensch gleich uns, durch Dich Selbst genötigt, werden mußtest!
29] Und ich glaube dadurch auch, insoweit es einer menschlichen Weisheit möglich ist, Deine an mich gestellte Frage im allgemeinen erschöpft zu haben! - Ich bitte Dich, o Herr, nun mir Dein Urteil darüber klar auszusprechen.«


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