Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 182

Die Sphäre des Gehirnverstandes.

01] Hier richte Ich Mich wieder ganz munter empor und sage gar freundlichen Angesichtes zum Philopold: »Oh, mitnichten!
02] Deine Betrachtung über den Unterschied eines Engels und eines rechten Menschen dieser Erde ist eine ganz richtige; es ist also auf ein Haar, wie du die Sache aufgefaßt und ganz vortrefflich entwickelt hast. Mein leiser Schlummer war nur einfach eine Folge der leiblichen Müdigkeit; denn wir haben nun ja nahe zwei volle Nächte gearbeitet!
03] Aber da du schon einmal so ein echt platonischer Weiser bist, so entwickle uns nun auch den eigentlichen Grund Meiner Darniederkunft ins Fleisch dieser Erde!
04] Was Ich im Geiste bin und war von Ewigkeit, das weißt du; daß Ich aber auch einen Leib habe mit Fleisch und Blut gleich den andern Menschen, das siehst und fühlst du so gar wie alle hier am Tische.
05] Warum zog denn Ich eine sterbliche Hülle an? Warum bekleidete sich der Urgrund alles Seins und Lebens mit der Hülle der offenbarsten Sterblichkeit?! Muß das sein, oder ist dies etwa bloß nur so eine Laune des ewigen Gottgeistes, der in Mir ist, weilt und wirkt? - Kannst du Mir solches ganz genügend entfalten, so sollst du einen Preis der Weisheit aus den Himmeln überkommen schon in diesem Leben!«
06] Sagt Philopold: »Herr, offen gestanden, ich ahne es, und es dämmert mir aus meiner Lebensnacht wie ein frühester Morgen entgegen, offenbar durch das Einfließen Deiner Gnade, o Herr! Ja, ich fühle die endlose Größe des zu Entfaltenden; aber mir fehlen dazu die Worte!
07] Mit einer Äone irdischer Weisheitsphrasen wird sich diese Sache nicht entwickeln lassen; man müßte da eine ganz eigentümliche Sprache der Geister haben, und diese müßte von allen verstanden werden, ansonst man zu tauben Ohren reden würde.
08] Woher aber fürs erste solch eine Sprache nehmen, und von woher fürs zweite den Menschen dafür ein richtiges Verständnis schaffen?! Sieh, o Herr, das sind dabei meiner Ansicht nach gar hauptwesentliche Dinge, ohne die so eine überhohe Weisheitsentfaltung vollends und rein unmöglich ist!
09] Aber dessenungeachtet fühle ich recht lebendig die große und überheilig wunderbare Wahrheit in mir; aber ich fühle daneben auch die vollste Unmöglichkeit, diese größte und heiligste aller Wahrheiten in unsere armseligsten Worte nach Gebühr zum Behufe eines richtigen Verständnisses einzukleiden. Diesen Grund wirst Du, o Herr, gnädigst einsehen wollen und mir darum erlassen solch eine allerungeheuerst höchste und größte Weisheitsentfaltung!«
10] Sage Ich: »Ah, das ist eitel, es bedarf dazu gar nicht soviel, als wie du da meinst! Im Gehirne, wo die Seele gewöhnlich ihre Weisheitsernte hält, wirst du dazu wohl schwerlich je die tauglichen Worte finden; aber desto mehr im Herzen, daß der Träger des Geistes aus dem Herzen Gottes ist.
11] Forsche darin, und du wirst es finden, daß auch die höchste Weisheitstiefe mit den einfachsten und schlichtesten Worten von der Welt um vieles besser und für jedermann verständlicher entwickelt werden kann als mit den hohen Worten der salomonischen Weisheit! Was nützt dessen Hoheslied, so du es beim tausendsten Lesen ebensowenig verstehst als beim ersten?!
12] Salomo aber mußte also schreiben, weil es damals noch nicht an der Zeit war, den fähigkeitslosen Menschen, denen der Geist im Herzen noch völlig mangelte, des Himmels tiefste Geheimnisse vollends zu enthüllen, sondern davon nur möglichst verdeckte Andeutungen zu geben, um die Seelen stutzig zu machen auf das, was da zu kommen hatte. Aber vom Verstehen war da keine Rede.
13] Denn Salomo verstand von seinem Hohenliede ebensoviel wie du nun; denn hätte er es verstanden, so hätte er nicht gesündigt und wäre nicht ein völliger Götzendiener und tausendfacher Ehebrecher geworden.
14] Aber was er aus dem Geiste Gottes geschrieben, der seine Seele in gewissen Momenten durchwehte, ist dennoch rein Gottes Wort, - aber nicht gegeben fürs Verständnis des Gehirns, sondern fürs Verständnis des dazu fähigen Geistes im Herzen aus Gott, der aber erst in dieser Zeit seit Meiner Darniederkunft ausnahmsweise in einiger weniger Menschen Herz gelegt wurde, auf daß sie Mich erkennen, verstehen und begreifen mögen, ihrer selbst und auch der vielen andern noch geistlosen Menschen willen.
15] In dein Herz aber ist auch schon der besprochene Geist wie ein Embryo in den Schoß einer Mutter gelegt; du darfst dich sonach nur in deinem eigenen Herzen ein wenig umsehen, und du wirst den Geist aus Gott schon in dir finden, und dieser wird dir dann schon Worte leihen, mit denen du leicht für diesen Tisch das enthüllen wirst, um was Ich dich gefragt habe.«
16] Sagt Philopold: »Herr! Es wäre schon alles recht, und es kann ja wohl also sein, daß ich dazu in meinem Herzen den Schlüssel finde; aber Dir, o Herr, wäre das ja ein gar leichtes, uns dieses tiefste Geheimnis zu enthüllen, und wir würden Dir gewiß die alleraufmerksamsten Zuhörer abgeben. Für mich aber wird das etwas ganz entsetzlich Schweres werden, und am Ende kann ich noch dazu ganz wohlverdient ausgelacht werden!«
17] Sage Ich: »Oh, mitnichten, fürs erste ist es also in Meiner Ordnung, daß es, um für euch einen Lebenszweck zu haben, eben auch von euch Menschen Mir gegenüber frei entwickelt und entfaltet werden muß, und fürs zweite ist die Sache durchaus nicht so schwer, wie du dir dieselbe in deinem Gehirne vorstellst.
18] Ich könnte es dir und euch andern wohl sagen, und ihr würdet Mich zur Not auch verstehen; aber es würde solches eure Seele ebensogut als alles andere hauptsächlich nur in ihrem Gehirnpalaste aufbewahren, allwo es dann für den Geist in euch von nahe gar keinem Nutzen wäre. Denn was die Seele aufbewahrt in ihrem Gehirnpalaste, das stirbt und vergeht mit dem Gehirne mit der Zeit; welchen Nutzen mag dann der Geist schöpfen aus dem, was vergangen ist und aufgehört hat zu sein?!
19] Entwickelst aber solches du aus deinem Herzen, so bleibt es dann auch für ewig in dem, der selbst ewig ist, nämlich in deinem Geiste, und durch ihn auch ebenso für ewig in deiner Seele; aber was das Gehirn faßt, das vergeht, und es bleibt nichts von all dem vielen Weltwissen in der Seele, wenn sie dereinst den Leib verlassen hat.
20] Darum müßt ihr alle von nun an alles ins Herz aufnehmen und alles auch im Herzen entwickeln und entfalten; denn was das Gehirn schafft, das taugt allein fürs vergängliche Leben dieser Welt und für den sterblichen Leib.
21] Seele und Geist bedürfen alles dessen nicht; sie benötigen keiner irdischen Bekleidung, keiner Wohnstätte, keines Ackers und keines Weinberges. Alle Sorge aus der Erkenntnis des Gehirns ist gerichtet auf die Deckung der leiblichen Bedürfnisse, die bei den Menschen leider einen so hohen Grad erreicht haben, daß sie von dem größten Teil der Menschheit nimmer gezählt und noch weniger erreicht werden können.
22] Der irdische Gehirnverstand kann deshalb unmöglich je etwas rein Geistiges aufnehmen und fassen, weil er dem Menschen nur zur nötigen Versorgung seines Leibes gegeben ist. Solches kann nur der göttliche Geist im Herzen allein; er muß daher schon von früh an geübt werden. Hat er einmal nur irgendeine Festigkeit erreicht, so ist dann die rechte Lebensordnung schon so gar wie völlig hergestellt; und somit versuche du nun nur, was Ich von dir verlange, zu entwickeln, und dein Geist wird dadurch einen großen Vorteil gewinnen!«


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