Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 179

Die Erinnerung des Kornelius an die Geburt des Heilandes.

01] Kornelius dachte eine Weile darüber nach und sagte endlich voll der höchsten Verwunderung: »Herr, Herr, - ja, ganz gut, ja! Aber es bleibt ewig dabei, daß, wenn Du eingingest unter meines Hauses Dach, ich dessen nie wert sein kann! Denn Du ganz allein bist ja Derjenige, von dem der große Judenkönig David, dessen Psalmen ich schon in meiner Jugend gelesen habe, geweissagt hat, indem er sprach: 'Machet die Tore weit und die Türen hoch, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, mächtig im Streite!' (Psalm.024,07 -08)
02] Solches habe ich schon, wie gesagt, in meiner Jugend gewußt, und sonderbar: es mußte sich fügen, daß ich Zeuge Deiner Geburt zu Bethlehem sein mußte und zugleich derjenige, der Deinen irdischen Eltern einen Weg zur Flucht vor der grausamsten Nachstellung des alten Herodes zeigte.
03] Damals aber zählte ich erst fünfundzwanzig volle Jahre, und ich bin nun um gute dreißig Jahre älter, habe unter dieser Zeit sehr vieles durch- und mitgemacht, habe vieles gesehen, gehört und erfahren; aber trotz alledem sind mir die sonderbaren Worte Davids und Deine Geburt und alle sie begleitenden Erscheinungen noch so lebendig vor den Augen schwebend, als hätte ich sie erst gestern oder vorgestern, wie man zu sagen pflegt, mit Haut und Haaren erlebt. Und inzwischen vernehme ich wieder: 'Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, mächtig im Streite!'
04] Und ich sagte mir geheim diesen Text vor schon damals bei Deiner Geburt, und als Du, o Herr, mir meinen Knecht heiltest und ich dann noch die übergroße Gnade hatte, mit Dir zusammenzukommen, sagte ich mir die Verse vor in meinem Dich über alles achtenden und liebenden Herzen! Und so sage ich nun auch und bezeuge, daß Du allein der große, ewige König der Ehren bist, von dem der weise Großkönig der Juden gesungen hat in seinem prophetischen Geiste! Und wärest Du nicht jener König Zebaoth, wie könntest Du solches von den Menschen dieser Erde reden, wie Du soeben geredet hast?!
05] Ja, wenn unsereinem solche Deine heiligsten Worte nur auch so recht überfest im Gedächtnisse blieben! Aber bei mir war leider das Gedächtnis nie die stärkste Seite; jedoch die Hauptsache, das ist der Kern, bleibt mir doch! Aber es geht das uns nun von Dir Gesagte schon über alle Menschenbegriffe zu himmelweit hinaus, und obschon ich wenigstens es so ziemlich verstehe, was damit gesagt sein will, so ist aber die Sache mir dennoch sowie ein heller Traum, und ich werde sehr zu tun haben, das daheim meinem Hause so evident als möglich zu erörtern, weil mein Gedächtnis nicht alle Punkte so stetig behalten kann, als wie sie von Deinem heiligsten Munde ausgegangen sind.«
06] Sage Ich: »Oh, dem ist ja doch bald und leicht abgeholfen! Sieh, da haben wir ja den Engel Raphael; laß ihm nur einige Blätter guten Lederpapieres reichen, und er wird diese Meine ganze Rede, die von einer sehr mächtigen Bedeutung ist, für dich sogleich niedergeschrieben haben!«
07] Mit der höchsten Freude von der Welt ruft Kornelius sogleich seine Dienerschaft und läßt sich bei zwanzig Blätter des besten Lederpapiers bringen, etwas Schwärze und einen goldenen Schreibstift.
08] Der Engel rührt nur mit dem in die Schwärze getauchten Schreibstifte das Lederpapier an, und im Augenblick sind alle zwanzig Blätter in gerechter Proportion (Verhältnis) angefüllt.
09] Darauf gibt der Engel die zwanzig Blätter dem Kornelius zum Durchschauen, und Kornelius kann nun nicht genug erstaunen, wie möglich der Engel dies gar so endlos schnell habe zu Papier zu bringen vermocht. Denn Kornelius war vorher noch nicht Zeuge gewesen, als unser Raphael bei früheren Gelegenheiten Proben von seiner Schnellschreiberei an den Tag gelegt hatte, daher es ihn denn auch um so mehr wundernahm, daß dieser Engel gar so wunderbar schnell mit dem Aufschreiben Meiner ausgesprochenen Worte fertig war, und das dazu noch in griechischer und lateinischer Zunge und so wortgetreu, daß daran nicht ein Häkchen mangelte.
10] Darauf ward aber auch Kisjonah, Faustus und der bekannte Philopold im höchsten Grade aufmerksam und voll Verwunderung, und der höchst wißbegierige Philopold fing an, den Raphael um die Möglichkeit zu fragen, der zufolge man so etwas niederschreiben könne in solch einer enormsten Schnelligkeit.
11] Der Engel aber sagt: »Freund, das ist unsereinem wohl allzeit und mit des Herrn Hilfe sehr leicht möglich, - aber dir zu erklären wie, rein unmöglich. Denn es ist dies eine Eigenschaft, die ein jeder vollkommene Geist besitzt, nicht nur ein solches Schreiben, sondern jede noch so große Krafthandlung in einem Augenblick zu vollenden. Willst du einen Berg oder ein ganzes weithin gedehntes Gebirge zerstört oder vernichtet haben, oder ausgetrocknet einen See, oder zu Land gemacht ein Meer, oder vernichtet eine ganze Erde oder die um tausendmal tausend Male größere Sonne, oder du wolltest mich senden zu einem der allerentferntesten Sterne und verlangtest vom selben ein Zeichen, daß ich richtig dort gewesen war, so würde auch das in einem so schnellen Augenblick geschehen, daß du es wohl mit deinen Sinnen nie wahrnehmen könntest, daß ich einmal auch nur im geringsten fühlbar abwesend gewesen wäre. Nun, wie dieses geschieht und möglich geschehen kann, kann nur der reine Geist begreifen!
12] Wirst du einmal ganz wiedergeboren aus dem Geiste sein, so wirst du das auch verstehen, einsehen und ein Gleiches machen können; aber solange du nicht im Geiste wiedergeboren bist, kannst du solche Eigenschaften der reinen Geister unmöglich erkennen, und würde ich sie dir noch so klar enthüllend zeigen! Frage dich aber selbst, wie dein Gedanke in einem kürzesten Augenblick von hier in Rom oder in Jerusalem sein kann und hier bei dir selbst auch wieder! Kannst du, mein Freund Philopold, dir das erklären, so wirst du auch bald meine Schnelligkeit begreifen.«
13] Sagt Philopold: »Ja, ja, du herrliches, wundersames Engelswesen, der Gedanke zuckt wohl hin und her, und niemand kann dessen Schnelligkeit bemessen; aber es wird aus dem Gedanken auch nichts, er ist ein höchst flüchtiges Bild. Will jemand seinen Gedanken realisiert haben, so muß er gar mühsam mit seinen Händen daran, und es braucht dann eine lange Zeit, bis des Gedankens Bild in der Wirklichkeit ersichtlich wird; bei dir aber ist wundersamst der Gedanke auch schon ein vollbrachtes Werk. Siehe, das ist ein gar gewaltiger Unterschied zwischen meinen und deinen Gedanken!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers