Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 162

Die Wege der göttlichen Führungen.

01] Sage Ich: »Höre, du Mein lieber Floran, da hast du dich noch viel tiefer ausgebeutet vor Mir, als Ich es von dir verlangt habe; aber es macht das nichts, und es war schon recht also!
02] Ja, Ich werde den Greueln zu Jerusalem und anderorts ein Ende machen, aber es müssen viele deiner Überzeugung sein! Noch gibt es viele, die in ihrer großen Blindheit noch gar mächtig hängen am Tempel und erwarten alles Heil und jegliche Hilfe aus seinen Hallen; nähme man diesen Blinden nun von heute auf morgen den Tempel weg, so würden diese das ja nicht etwa für einen großen Segen von oben, sondern für ein schrecklichstes Gericht halten und in die fürchterlichste und tobendste Verzeiflung geraten, die dann eine viel ärgere Nachfolge hätte denn die gegenwärtige noch so dicke Blindheit. Nun aber geltet ihr beim Volke als die Vertreter des Tempels, und es hält euch für die Ausspender des Heiles, von dem der Tempel erfüllt sei.
03] Was will Ich euch aber damit sagen? Nichts anderes als: Ihr sollet dem Volke so nach und nach und, wo sich guter Anklang zeigt, auch plötzlich zeigen, was der Tempel nun ist, was seine Diener machen, und wie sie unter sich beschaffen sind!
04] Zugleich aber sollet ihr das Volk auf das sehr aufmerksam machen, was ihr hier gesehen und gehört habt, so wird dadurch die arge Wirtschaft des Tempels und der Tempel selbst ganz in der besten und wirksamsten Ordnung untergraben, und wird am Ende von selbst in die vollste Nichtigkeit versinken und somit aufhören das zu sein, was er ist; und an seine Stelle werden treten die neuen Tempel des Geistes Gottes, aus denen ein ganz neues Jerusalem im Himmel erbaut wird.
05] Freilich müßtet ihr dieses gute Geschäft so unvermerkt als möglich anfangen; ihr könntet das um so leichter tun, indem ihr nun vollkommene Bürger Roms seid und euch der Tempel nicht angreifen kann, weil zwischen euch und dem Tempel das Schwert Roms ist und wacht.
06] Dies ist sonach schon ein Amt, mit dem Ich euch betraue. Verwaltet es, und der Lohn wird nicht unterm Wege verbleiben; dessen könnet ihr vollkommen versichert sein! - Seid ihr damit einverstanden?«
07] Sagt Stahar: »Herr, werden wir wieder unsere alte Stellung in Cäsarea Philippi einnehmen, oder sollen wir uns anderorts wohin begeben?«
08] Sage Ich: »Ihr werdet hier in Cäsarea Philippi bleiben und unter der Leitung dieses unseres Wirtes Markus stehen, dem Cyrenius und Ich die Gewalt über diese ganze Gegend einräumen werden, und dem sie zum größten Teile eigentlich schon eingeräumt ist. Der Kreis von Cäsarea Philippi ist groß und zählt viele Hunderttausende von Menschen; haben diese einmal ein Licht, so wird sich das Licht dann schon von selbst weiter ausdehnen. Aber es wird das eurer Klugheit anheimgestellt sein, dieses ins Werk zu setzen!«
09] Sagt Stahar: »Herr, es wäre das schon alles wohl gar und recht; aber nun ist ja die ganze Stadt ein Schutt- und Aschenhaufen! Wir haben keine Wohnungen, und unsere Synagoge war eines der ersten Gebäude, das den Flammen preisgegeben wurde. Wo werden wir uns niederlassen?«
10] Sage Ich: »Das sei eure geringste Sorge! So Ich es will, steht im Augenblick eine fertige Welt, geschweige ein solches Städtchen, vor euch! Übrigens wird da der Cyrenius schon alle Mittel, unterstützt durch Meine Gnade, in die tätigste Anwendung bringen und somit auch für eure Unterkunft sorgen. Zudem werden die schon seit heute morgen erwarteten hohen Gäste nun bald hier landen, und es wird sich da noch vieles ausmachen und bestimmen lassen.«
11] Stahar verneigt sich tiefst und sagt darauf so halblaut wie zum Floran: »Der Allmächtige spricht dennoch wie ein Mensch, was mir sehr gefällt; aber Er könnte dem Tempel und dem übermütigen Jerusalem ja mit einem einzigen Gedanken einen ewigen Garaus machen! Wozu das langsame Untergraben?«
12] Sagt Floran: »Schau, Bruder, das geschieht darum, weil wir beide noch so hübsch stark ins Geschlecht der Esel gehören, die von der göttlichen Ordnung noch lange keinen Dunst haben!
13] Wenn du auf einem Baume im Frühjahre noch sehr grünes, unreifes und steinhartes Obst hängen siehst, so wünschest du dir gleich so ein bißchen Allmacht! Du möchtest wirksam sagen: 'Fiat!' (Es geschehe), und alle Feigen, Äpfel, Birnen, Pflaumen und Trauben sollen im Augenblick reif sein! Aber der allmächtige Schöpfer hat die Sache ganz anders eingerichtet, wie solches die tägliche und jährliche Erfahrung zeigt. Sollen wir da etwa auch fragen und sagen: 'Der Allmächtige kennt ja doch der Menschen Bedürfnisse; warum zögert Er denn gar so mit dem Reifwerdenlassen der Früchte?'
14] Auch muß der Mensch jahrelang zuvor ein Ledl, also ein dummes Kind bleiben, um erst nach und nach zu einem Menschen emporzuwachsen, während der Sperling von seiner Geburt an in vierzehn Tagen schon ein ganz vollendeter Sperling ist und sich in seinem luftigen Haushalte ganz vortrefflich auskennt. Ja, die meisten Tiere haben gleich mit der Geburt schon die hinreichendste Ausbildung für ihren Haushalt, - und der Mensch braucht nahe zwanzig Jahre dazu, um sich in der lieben Welt nun ein wenig auszukennen anzufangen! Er, der Herr der Natur, muß am längsten warten, um das zu sein, wozu er bestimmt ist! Könnte man da nicht auch sagen: 'Herr, Du Allmächtiger, warum hast Du denn gerade für den Menschen, Deinen Liebling, nicht besser gesorgt, - warum muß gerade der werdende Mensch so lange warten, bis er ein Mensch wird?!'
15] Siehe, das ist schon so in der uns jetzt noch freilich wohl stark unbegreiflichen Ordnung Gottes, und so wird auch das im Gleichmaße in seiner Ordnung sein, daß wir so nach und nach den Tempel untergraben müssen; denn ein plötzliches Zerstören würde die vielen Blinden, denen der Tempel gleichfort noch alles in allem ist, in die höchste Verzeiflung stürzen, - was viel ärger wäre als die noch einige Zeit geduldete Betrügerei seiner schnöden Diener!
16] Sieh, ich habe da wohl des Herrn Sinn so ziemlich erkannt und begreife nicht, wie dir das so ganz und gar durchgegangen ist! Ich habe auch nicht begriffen, wie du den Herrn um unser weltliches Unterkommen hast fragen können! Ist es denn nicht genug, so Er sagte, daß wir dies und jenes tun sollten?! Ist es ja doch schon seit alters her bekannt, daß derjenige, der mich zu einer Arbeit gedungen hat, mir auch den Unterhalt geben wird! Tun aber das schon die selbstsüchtigen Menschen, um wieviel mehr wird daß der Herr Himmels und der Erde tun, ohne daß wir nötig haben, Ihn zu fragen!
17] Sieh, das war wohl sehr menschlich von dir, mein lieber Bruder! Denn durch solch eine Frage hast du offenbar deinen noch mehrseitigen Unglauben an den allerhellsten Tag gelegt, und es kann von dir mit Recht nichts anderes gedacht werden, als daß du noch eine starke Portion Unglaubens in dir birgst, dem du nun für alle Zeiten einen festen Abschied geben mußt!«


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