Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 154

Stahar bekehrt seine Kollegen.

01] Des Stahar Kollegen aber befanden sich zum größten Teile zerstreut am Ufer des Meeres, etliche aber gingen im Hofraume umher. Stahar aber berief sie alle uns Ufer und sagte zu ihnen, als sie alle beisammen waren: »Freunde! Habt ihr jenen Jüngling reden hören und wirken sehen?«
02] Sagen die Kollegen: »Einiges, aber nicht alles; denn es deuchte uns die Sache zu fein vom römischen Statthalter angelegt zu sein, um uns alle in sein ausgespanntes Garn zu ziehen, und wir dachten: Weit weg vom Bogen ist man sicher vor dem Pfeile! Verloren haben wir ohnehin gleich alles, was wir hatten, - wir sind am Bettelstabe! Noch brennt die Stadt! Was wollen wir tun? Die Römer wissen es, was wir dem Volke sind; ohne unsere schwer zu erringende Gunst kommt ihnen ihr Regiment in Asia hoch zu stehen! Oh, so ein Römer wie Cyrenius, dem die reichsten Mittel von all den drei Weltteilen zu Gebote stehen, vermag alles!
03] Gib mir nur sehr viel Goldes und Silbers, und ich werde auch ein Wundertäter, vielleicht nicht in der Art wie jener Zauberjunge, - aber Wunder werde ich zuwege bringen von der erstaunlichsten Art!«
04] Sagt Stahar: »Freund, du bist unsinnig, wenn du hier also redest und weißt nicht einmal einen Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Wunder zu machen! Was sich da einwenden und mit Grund entgegenstellen läßt, das habe ich alles aufgeboten, bin aber mit allen meinen Gegensätzen dadurch auf das schmählichste durchgefallen, als jener Junge anfing, mir meine geheimsten Gedanken aufzutischen! Daraus erst erkannte ich meinen alten, großen Irrtum und komme darum nun zu euch, um euch das zu hinterbringen, was ich gesehen und was ich gehört habe!
05] Der Junge ist unfehlbar ein Engel Gottes, und er zeugte, daß der verheißene Messias bereits in der Welt ist und die Blinden sehend und die Tauben hören und verstehen macht, und daß es sogar möglich ist, daß wir Ihn hier noch zu sehen und zu sprechen bekommen werden.
06] Ich glaube nun alles, und ihr alle werdet es auch glauben! Denn ich bin, sicher nicht einer, der leichten Kaufes etwas annimmt und glaubt; ich muß dazu vom Grunde aus von etwas eher haarklein überzeugt sein, bis ich's annehme; habe ich aber einmal die Überzeugung, dann steht sie fest wie ein Granitfels, und niemand kann sie mir mehr nehmen!
07] Da aber bei mir die Sache sich also verhält, so könnet ihr es mir schon auch glauben ohne alles weitere Bedenken! Denn ihr seid alle zusammen nicht imstande, noch größere Zweifel gegen die Sache vorzubringen, als ich sie vorgebracht habe; aber alle meine Gegensätze (Einwände) wurden Lügen gestraft! Und da ich am Ende die Sache des Messias so gut einzusehen begann, wie ich einsehe, daß 1 und 1 = 2 sind, so könnet ihr es mir nun schon vollauf glauben!«
08] Sagen die Kollegen: »Ist alles recht; aber es handelt sich nun nur darum, was wir dir glauben sollen!«
09] Sagt Stahar: »Seid ihr denn taub?! Sagte ich euch denn nicht, daß jener Jüngling in aller Wahrheit ein Engel Gottes ist, daß der Messias in der Welt ist, und daß wir Ihn ehestens Selbst sehen und hören werden?! Das und nichts anderes habt ihr zu glauben!«
10] Sagen die Kollegen: »Ganz gut! Wenn du es glaubst und von dieser Sache sogar mathematisch überzeugt bist, so können wir daran nicht zweifeln; aber das muß man denn bei solchen neuen, nie dagewesenen Erscheinungen auch immer berücksichtigen, daß oft die besten Schwimmer am ehesten ertrinken, die kecksten Kletterer vom Berge stürzen und die sogenannten Festgläubigen am Ende früher in allerlei Zweifel übergehen als jene, die etwas Unbegreifliches nicht gut zu schnell begriffen haben und keinen alsogleich armdicken Glauben bekundeten!
11] Du bist uns bekanntermaßen wohl nie leichten Glaubens gewesen, und auf das nehmen wir dein Wort auch als wahr an; aber etwas zurückhaltende Vorsicht schadet nie! Denn wir wissen es ja aus der Schrift, wie schon mancher wundertätige Prophet gegen sein Lebensende ein ganz einfacher, schwacher Mensch geworden ist! Die Folge erst zeigte, wessen Geistes Kind so ein Prophet war. Also ist hier auch das sehr in die Erwägung zu ziehen.«
12] Sagt Stahar: »Das alles nehme ich hier auf meine Verantwortung. Wohl weiß ich, daß wir damit dem Tempel nicht kommen dürfen; aber wir werden uns dagegen auch zu schützen verstehen! Dem Außen nach bleiben wir - aber nur etwas vernünftigermaßen -, was wir waren, und zahlen ihm den bedungenen Tribut; aber in unserem Innern muß es nun ganz gewaltig anders werden, und mit der Zeit wollen wir auch das Volk in etwas Besseres einweihen.
13] Wenn ihr nun alle meines Sinnes und meines Glaubens seid, so begeben wir uns nun alle hin, wo der Oberstatthalter mit dem Jungen sich befindet; dort soll uns noch mehr Lichtes gegeben werden!«
14] Die Kollegen sind damit einverstanden und begeben sich zum Cyrenius, und als sie da anlangen, sagt Stahar: »Da sind wir nun und stehen nun samt und sämtlich dir zu Gebote; was du willst, das wollen wir denn auch tun und sein, und niemand wird uns je mehr wider dich stimmen! Der liebe, allmächtige Bote Gottes aber wolle auch diese meine Brüder noch mehr befestigen im Glauben an alles das, was ich selbst am Anfange schwer geglaubt habe!«
15] Sagt Cyrenius: »Sieh nun, daß wir Römer keine so harten Richter sind, als ihr es lange gemeint habt; aber strenges Recht und volle Wahrheit wollen wir! Wer uns in dem genügt, der ist unser Freund, bekommt das römische Bürgerrecht, und kein Gericht außer das Gericht Roms darf wider ihn je ein Urteil schöpfen.
16] Das erste sonach, was ich euch zur Wohltat erweise, ist, daß ich einem jeden von euch einen römischen Bürgerbrief erteile! Ihr seid eurer samt dem Obersten fünfzig an der Zahl; sogleich sollet ihr damit bedient werden! Habt ihr einmal das, so wird sich dann schon zeigen, was sich für euch noch alles wird tun lassen!«
17] Hierauf befahl Cyrenius seinen Dienern, fünfzig gute Pergamentrollen herbeizuschaffen. Die Diener gingen nach den Gepäcksäcken des Cyrenius und brachten schnell die verlangten Rollen. Als diese sich auf dem Tische befanden, fragte Stahar den Cyrenius: »Hoher Herr, da werden wir ja doch zuvor unsere Namen dir bekanntgeben müssen?«
18] Sagt Cyrenius, auf den Engel deutend: »Seht, das ist mein Schnellschreiber, der weiß aber schon lange, was er zu tun hat und kennt auch eure Namen; er wird die Briefe in eurem Angesichte ausfertigen!« Darauf ersuchte Cyrenius den Raphael, daß er solches tun möchte.
19] Da trat Raphael schnell an den Tisch hin, auf dem die fünfzig Rollen lagen, breitete sie, so gut es ging, auf dem Tische aus, nahm dann einen Schreibstift, der mit Schwärze gefüllt war, fuhr dann mit demselben in Blitzesschnelle über sämtliche Rollen und sagte darauf zum Cyrenius: »Hier, Freund, hast du die verlangten Briefe in römischer, griechischer und jüdischer Sprache; teile sie nun an die Betreffenden aus!«
20] Als Cyrenius nun die Briefe auszuteilen begann, fing alle die fünfzig an ein Grauen zu ergreifen. Denn dies Wunder war für die fünfzig gleich doch zu groß und mächtig, und alle fingen an zitternd einzusehen, daß sie nun in der Nähe Gottes sich befinden. Sie dankten dem Cyrenius für solche Doppelgnade; aber zu reden getraute sich keiner und um irgend etwas zu fragen.


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