Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 125

Ouran zeigt, wie unbegründet die Furcht der Helena ist.

01] Sagt Mathael: »Allerdings, wer wird das verkennen wollen; aber meine allerliebste Gemahlin stellt sich die Sache gar zu riesig schwer vor! Ja, es wird das wohl keine gar zu leichte Arbeit sein, - aber noch lange kein Augiasstall, den der Riese Herkules soll gereinigt haben in einer bedungenen kurzen Zeit! Ich habe gar keine Angst und meine, daß die Sache mit der Hilfe des Herrn ganz leicht gehen wird!«
02] Sagt Helena: »Das hoffe auch ich; aber ich kenne mein Volk und alle die altherkömmlichen Einrichtungen des Landes und sage dir, daß es unter ihnen, das heißt unter den Menschen meines Reiches, sehr schwer Mensch sein und bleiben heißt!
03] Gegen so manche Irrtümer der Menschen zu Felde ziehen, ist ein leichtes, aber eine Riesenarbeit gegen den Fanatismus des diamanthart gewordenen Aberglaubens, den die Priesterschaft durch allerlei Scheinwunder ganz gehörig zu beleben verstand.
04] Man müßte nur ungeheure Gegenwunder zu wirken imstande sein, und da fragt es sich erst, ob man dadurch mit dem Volke etwas gewönne! Man würde es dadurch nur von einem Aberglauben in den andern hineintreiben, so man ihm nicht auch dazu das rechte Licht gäbe, ein echtes Wunder von einem Scheinwunder zu unterscheiden; wie aber kann man das, wenn man die Scheinwunder ihrer eigentlichen Wesenheit nach viel zuwenig kennt?!
05] Die alten Priester aber, die vor den Augen des Volkes zur Beglaubigung ihrer Betrügereien schon so viele Scheinwunder gewirkt haben, werden sich zum Widerrufe nie verstehen! Denn tun sie das, so wird das ganze Volk über sie herfallen und wird sie zerreißen in Stücke; denn ein ganzes, großes Volk läßt sich nie und nimmer so schnell bilden als ein einzelner Mensch.
06] Für die alte Priesterschaft muß demnach ganz anders gesorgt werden, und das Volk muß auf solch eine gewaltige Umwandlung ganz unversehens vorbereitet werden, und wir können von vielem Glücke reden, wenn wir nach zehn Jahren es so weit werden gebracht haben, daß das Volk mit sich über geistige Dinge wird reden lassen!
07] Weißt du, mein allerliebster Gemahl Mathael, ich zweifle keinen Augenblick an deiner großen Weisheit, wie auch nicht an der nötigen außerordentlichen Hilfe des Herrn; aber ich kenne auch die Schwierigkeiten alle, die sich uns wie Riesen entgegenstellen werden, und es steht sehr dafür, ob wir nicht noch einmal das Weite und Fremde werden zu suchen bekommen!
08] So göttlich rein und herrlich auch diese Lehre ist, und wie unendlich beseligend noch dazu; aber es liegt die Welt zu sehr im argen, und es wird darum meiner Ansicht nach eine stets sehr schwere Arbeit sein, den Teufeln in dem Orkus das Friedensevangelium Gottes zu predigen!«
09] Sagt Mathael: »Oh, allerdings wird das keine leichte Arbeit sein; aber wir werden eine desto größere Freude haben, wenn sie uns mit der Hilfe des Herrn gelingen wird! Gelingen muß sie uns aber, und wenn darüber auch die ganze Welt in Trümmer zerfallen sollte! Denn da bin ich ein ganz eigener Mensch; was ich mir einmal vornehme, das muß ausgeführt werden! - Und nun reden wir wieder von etwas anderem!«
10] Sagt Ouran: »Habt wohl recht, wenn ihr euer Gespräch einmal auf etwas anderes lenket! Ich habe zwar unterdessen ein kleines, mich sehr stärkendes Schläfchen gemacht und habe im Traume gar wunderliche Dinge gesehen, aber mitunter habe ich doch auch von eurem Diskurse welches und welches (etwas) vernommen und sage es euch, daß die Kleine (Jarah) da ganz recht hat, und du, mein Sohn Mathael, hast auch recht; aber die Furcht meiner guten Tochter, wennschon nicht ganz unbegründet, ist doch etwas zu eitel!
11] Ich kenne ja mein Volk so gut wie mich selbst! Zum größten Teile ist es handeltreibend, macht mit allerlei Völkern Bekanntschaft und daneben auch mit ihren Sitten, Gebräuchen und Religionen. Im Innern des Landes gibt es wohl Gemeinden, die noch ganz fest an ihren Orakeln hängen; aber an den Küsten könnet ihr ihnen das ganze Göttertum um wenige Groschen abkaufen. Das Priestertum steht bei den meisten schon seit langem im übelsten Rufe, und die Philosophie hat schon lange das eigentliche Göttertum aus dem Sattel gehoben.
12] In Taurien, über dessen südliche Seite ich auch zu gebieten habe, ist es aber mit dem Göttertume schon lange gar, wozu der einige Zeit sich dort aufhaltende römische Dichter Ovid durch seine Metamorphosen (eine Dichtung; verdeutscht: Verwandlungen) - durch die er das Göttertum auf eine honette und dichterische Art ins Lächerliche zog - nicht wenig beitrug. Plato, Sokrates und Aristoteles sind nun die Götter dieser Zeit, und bei denen greift diese Lehre ganz leicht Wurzel; denn diese drei Weisen predigen ja auch nur einen wahren Gott und verwerfen das Vielgöttertum als etwas im eigentlichsten Sinne Reelles ganz und gar und betrachten dasselbe nur als etwas Eigenschaftliches des einen und einzig ewig wahren Gottes.
13] Wären wir selbst ja doch kaum je hierher in das Judenland gezogen, so wir nicht davon gehört hätten, daß im Tempel zu Jerusalem eben der einzig wahre Gott als fast ersichtlich gegenwärtig sei, den besonders Plato in seinem Symposion (eine Dichtung; verdeutscht: Gastmahl) beschreibt, und wie man sich mit diesem einzig wahren Gott geistig vereinen kann! Davon ist mein ganzes Volk nicht in der Unkenntnis, und es läßt sich darauf dann schon etwas Ehrliches bauen!
14] Ich hätte mich natürlich in Jerusalem in alles einweihen lassen, und hätte ich dort etwas mich Befriedigendes gefunden, so hätte ich es von dort dann gleich zu meinem Volke gebracht. Daß wir aber hierher gekommen sind, gleich zum Schmiede selbst anstatt zu den Schmiedleins - was nun bei all dem, was wir erlebt, gehört und gesehen haben, wohl keinem Zweifel mehr unterliegt -, das ist wahrscheinlich für unsern ernst guten Willen ein freier und außerordentlicher Gnadenakt Gottes des Herrn, dessen wir uns nie als etwa würdig rühmen wollen und werden. Aber eine um desto leichtere Arbeit werden wir nun daheim haben, weil wir dabei der hier erprobten göttlichen Hilfe bei jeder Gelegenheit ganz vollkommen gewärtig sein können!
15] Wir haben, meine allerliebste Tochter, bei weitem nicht so viel gesucht, als wir gefunden haben. Hätten wir nur etwas mehr gefunden als in Platos Symposion, so wären wir schon unendlich zufrieden nach Hause gezogen. Was nun, was jetzt, wo wir etwas gefunden haben, wovon Plato in seinem Symposion nie etwas geträumt hatte?! Jetzt werden wir mit großem Jubel nach Hause ziehen und werden es den staunenden Völkern laut verkünden, was wir bei unserem Suchen alles erlebt, gehört und gesehen haben! Ich muß es euch sagen, daß ich mich nun schon recht von ganzem Herzen darauf freue!
16] Ich begreife darum noch nicht, wie du, Helena, in eine Furcht darüber hast geraten können!
17] Ich stelle es zwar nicht in Abrede, daß du dazu etwas Gegründetes hast; aber das taugt nicht für unser Land, sondern vielleicht viel eher fürs Judentum, das, wie ich es jetzt schon etwas näher kenne, voll Trugs, voll Herrschsucht und voll bösen Willens ist. Da, da dürfte deine Furcht viel eher einen triftigen Grund haben denn bei meinen wahren Lämmern von Menschen! - Was meinst du da, mein geliebtester und geehrtester Sohn Mathael?«
18] Sagt Mathael: »Bin ganz deiner Meinung; denn im Tempel zu Jerusalem geht es nun so ganz eigentümlich ungeheuer zu, und es wäre sehr gewagt, dort mit dieser Lehre aufzutreten! Im Tempel, wo einstens wohl Jehovas Geist sichtlich gegenwärtig war im Allerheiligsten, herrscht alles, was man nur schlecht und böse nennen kann; nur von etwas Göttlichem ist in der Realität keine Spur mehr vorhanden, sondern allein nur leere Namen! Und die Priester sind Wölfe und Hyänen in Schafspelzen. Wenn wir einmal unter uns sind, werde ich euch gar vieles davon zu erzählen wissen, da ich selbst ein Templer war! Aber für jetzt lassen wir das; denn hier gibt es von etwas viel Besserem zu reden als von dem nun völlig gottlosen Tempel zu Jerusalem!
19] Meiner liebsten Jarah muß ich nun schon besser zusetzen; denn die birgt in ihrer Brust noch Geheimnisse, von denen uns allen noch nichts in irgendeinen Sinn gekommen ist! Jarah, erzähle uns doch etwas von deinen Erlebnissen!«


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