Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 124

Helena über die Priestermacht.

01] Sagt Helena: »Was du nun gar so wahr geredet hast, habe ich gar wohl verstanden; nur das einzige verstehe ich nicht, wie du gar so weise geworden bist!«
02] Sagt die Jarah: »Das kümmere dich nicht; denn das ist eine Sache des Herrn, der da den Menschen je nach ihren Fähigkeiten verschiedene Gnadengaben erteilt und unter sie wie ein Sämann den Weizen auf einen aufgelockerten Acker ausstreut. Wo der Same auf einen guten Boden fällt, da bringt er auch leicht und bald viele Frucht. Ich meine, daß dein Herz auch ein guter Acker ist!?«
03] Sagt Helena: »Sollte es wohl sein; aber ich lebte zu lange im stockblinden Heidentume, das in mir noch immer nachklingt wie ein schlecht gestimmter Ton auf einer Wandleier (Windharfe oder Äolsharfe). Wohl kenne ich nun die Wahrheit, und sie ist nun mein Leben geworden; aber bedenke mein großes Volk daheim, das noch nagelfest am Heidentume und an dessen Götzen hängt! Welche Mühe wird es uns nun kosten, dem Volke ein anderes Licht zu geben und ihm den alten Aberglauben zu nehmen! Wenn des Herrn allmächtiger Wille uns da nicht gar gewaltig unterstützt, so werden wir wenig oder nichts ausrichten!«
04] Sagt die Jarah: »Aber du warst ja auch samt deinem Vater eine Heidin, und es hat denn doch nicht gar so viel Mühe und Arbeit gekostet, dich zur reinen Wahrheit herüberzubringen!«
05] Sagt Helena: »Wohl kann ich es nicht aufnehmen mit deiner Weisheit in rein geistigen Dingen; aber auf der Welt gibt es auch gar verschiedene Dinge, und zwar zumeist im Verbande mit den verschiedenen Religionen der Menschen, die bei weitem schwerer zu beseitigen sind als die Irrtümer einer Irrlehre selbst.
06] Zuerst hast du es mit der Priesterschaft zu tun, die sich eine Götterlehre gerade so eingerichtet hat, wie sie ihr am meisten einträgt und sie dabei überaus gut bestehen kann. Die Tempel aber brauchen eine Menge Sachen und beschäftigen stets eine Menge Künstler und Handwerker, und sonstige Diener und Knechte. Alle diese Menschen leben von den Tempeln und verlieren mit dem Aufhören der Tempel ihren Verdienst und ihr Brot. Welchen Lärm werden diese schlagen!?
07] Könnte man diesen Menschen irgendeinen andern Verdienst geben, so ginge die Sache vielleicht besser und leichter; aber woher in einem nicht zu großen Reiche geschwind für Tausende eine neue Erwerbsquelle schaffen, und woher das Brot nehmen für so viele Menschen!? Für etliche Tage wohl würden wir in keine Verlegenheit kommen; aber für viele Jahre hindurch! Wo hernehmen und dabei gar und redlich bleiben!?
08] Nebstbei aber besitzt die Priesterschaft beim Volke stets den größten Glauben und steht bei ihm im höchsten Ansehen; es dürfen die bösen Priester dem Volke dann nur sagen, daß die Götter uns verflucht haben, und wir werden dann schauen können, wie wir mit heiler Haut aus unserem Lande kommen werden. - Siehe, Freundin, das sind wohl Dinge, die uns sehr zu denken zwingen! Wie gesagt, nur eine wunderbare Hilfe des Herrn kann da Rat schaffen!
09] Es wird schwer sein, hier im Judenreiche dieses reinste Licht aus den Himmeln auszubreiten, weil die alte Lehre Mosis schon zu sehr mit derartigen Falschheiten und Betrügereien unterspickt ward, bei denen die Priesterschaft zu reich geworden ist und nun zu gut lebt. Zugleich versteht die Priesterschaft sich allzeit prächtig darauf, mit den Machthabern gemeine Sache zu machen und sich denselben aus allerlei politischen Rücksichten unentbehrlich zu machen.
10] Die Machthaber erteilen ihr dann gewöhnlich zu viel Freiheiten und Privilegien, mit denen die Priester dann das blinde Volk durch allerlei Blendwerk bald ganz für sich gewinnen und die Machthaber am Ende zum bösen Spiele noch eine gute Miene machen müssen, wenn sie nicht ganz verloren sein wollen. Unter solchen Umständen ist es dann schwer, Herr eines Volkes zu sein. Man muß am Ende sogar zufrieden sein, daß man noch einen Herrn spielen kann und darf, wenn man auch schon lange der Wirklichkeit nach keiner mehr ist.
11] Glaube du mir, die eigentlichen Herren des Volkes und der Völker sind schon lange die Priester, und die Kaiser, die Könige und Fürsten sind bloß ihre heimlich sehr verdrießlichen Handlanger, und es möchten sich viele die Sache anders und besser einrichten und alle die feisten und wohlgenährten Götterdiener zum Plunder schicken, wenn es ginge! Aber es geht nicht, und auf eine humane Art schon am allerwenigsten; und sieh, wenn ich nun daran denke, so steigen mir ordentlich die Haare zu Berge! - Siehst du diese Schwierigkeiten wohl ein?«
12] Sagt die Jarah: »Allerdings, und ich weiß aber auch, daß sich nicht alles, was Holz heißt, übers Knie brechen läßt; dazukommt aber als sehr zu berücksichtigen auch das, daß bei uns Menschen gar vieles nicht möglich ist, was bei Gott und mit Seiner Hilfe gar leicht möglich sein kann!
13] Darum tue du soviel nur, als du kannst, und überlasse alles andere dem Herrn, es wird dann schon alles zum erwünschten, guten Ziele gelangen!
14] Dann hast du den Mathael, der vom Herrn mit vieler Weisheit, Kraft und Macht versehen ist, und seine fast ebenso weisen und mächtigen Gefährten; diese alle werden mit der Zeit schon auch etwas ausrichten, und so kannst du nun schon ganz ruhig sein!
15] Und wenn der Mathael seine Belehrungen in deinem Lande also beginnt, wie er es bei dir gemacht hat, so dürfte es ihm eben nicht zu schwer werden, vor allem sogar die Priesterschaft für sich zu gewinnen, die er dann mit dem neuen Amte versehen kann; und sie wird das Weitere beim Volke schon einzuleiten verstehen. Was aber dann weiter die Künstler und Handwerker betrifft, so werden sie von der umgewandelten Priesterschaft schon auch zu andern Zwecken zu verwenden sein!
16] Aber so du, liebste Freundin, nun bei deiner Heimkehr alles Alte, wenn auch noch Irrtümliche, über den Haufen stürzen möchtest, da freilich wäre es wohl begreiflich, wie dir eine solche Mühe und Arbeit sicher sehr schwer belohnt werden würde.
17] Die rechte Weisheit aus Gott muß auch überall die rechten Mittel zu schaffen wissen; weiß sie das nicht, so ist sie auch noch lange keine rechte Weisheit aus Gott. Was sich mit einem Menschen tut, das muß sich auch mit Tausenden tun lassen, nur gehört dazu natürlich mehr Zeit und Geduld als bei einem Menschen; aber gehen kann alles mit der Zeit und mit den dazu tauglichen Mitteln. Auf einen Streich füllt kein Baum um, und mit einem Eimerzuge schöpft man keinen Brunnen aus. Und so geht es überall; der gute Wille, die Zeit und die rechten Mittel können Berge versetzen und ein Meer trockenlegen!
18] Bei Gott ist kein Ding unmöglich; wo Er hilft geistig und natürlich, da geht alles! Daher sei du nur ganz getröstet, und vertraue fest auf den Herrn, und es wird dann schon alles um vieles besser gehen, als du es dir nun vorstellst! - Sage du, lieber Mathael, ob ich recht habe oder nicht!«


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