Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 109

Das Wesen des Judas.

01] Sagt Thomas: »Du meinst nun wohl, daß du eine große Weissagung getan hast und wir sie ohne dich nicht herausgebracht hätten?! Bist wohl bei all der nun seit mehr denn einem halben Jahre angehörten höchsten Weisheit ein armer, dummer Tropf!
02] In welcher Zeit sind sich etwa Licht und Finsternis nicht feindlich begegnet? Wann sind je noch Leben und Tod in brüderlicher Eintracht miteinander lustwandeln gegangen? Wann haben der grimmige Hunger und die volle Sättigung zum Frieden des Paradieses sich die Hände gereicht? Tor! Das versteht sich von selbst: So von hier aus das höchste und klarste Licht aus dem Himmel in die dickste Finsternis der Erde dringen wird, so wird es ohne Gegentätigkeiten nicht abgehen!
03] Sieh an die unermeßlichen Eisfelder des überhohen Ararat! Sie schmelzen nicht bei den geringen Wärmegraden, wie solche die weisen Ägypter bestimmen nach der Farbe und Dichtigkeit des Eises und Schnees; laß aber einmal die Sommerhitze Hinterägyptens auf solche Eisfelder dringen, so wird wohl in Kürze all das Eis zu Wasser werden! Aber wehe den Tälern, die dann von solchem Wasser hoch überflutet werden!
04] Und siehe, was da materiell unvermeidbar wäre, das wird in der Folge geistig sicher um desto weniger ausbleiben!
05] Fangen aber wir schon mit dem Schwerte in der Hand das Evangelium Gottes zu predigen an, so werden wir das Schwert der Welt um desto eher gegen uns erwecken; fangen wir solches mit der Waffe des Friedens an, welche Waffe da Liebe heißt, so werden wir auch vielfach den Frieden finden.
06] Daß es bei solch einer Gabe aus den Himmeln mit der Zeit Kriege und allerlei Kämpfe absetzen wird, solange die Welt der Materie infolge der göttlichen Ordnung das verbleiben wird, was sie allzeit war, noch ist und also sein und bleiben wird, das versteht sich ganz leicht von selbst, und es bedarf da keiner Weissagung; aber eben dadurch, daß den Menschen von irgend reiferer Einsicht das Heidentum auf die Art und Weise des Mathael aus dem handgreiflichen Fundamente lächerlich und dumm in seiner vollsten Leerheit gezeigt wird, werden wenigstens die zu mächtigen und verderblichen Gegenkämpfe nicht in der alles verheerendsten Intensität (Stärke) gegen uns hervorgerufen werden!
07] Wenn du dies von mir dir nun Gezeigte nur ganz wenig gewürdigt hast, so muß dir der vollste Unsinn deiner mir gemachten Weissagung wie eine Mittagssonne einem Siebenjahrschläfer in die Augen fallen!«
08] Sagt Judas: »Ja, ja, du bist wohl stets der weise Thomas, und alles, was ich sage, muß dumm sein! Du hast freilich recht; aber es ärgert mich, daß ich nie recht haben kann! Ich kann mir die Sache schon noch so gut überdenken, bevor ich sie in Worte kleide, - und siehe da, nur den Mund aufgemacht, und alles fällt mich wegen der ausgesprochenen Dummheit an wie der Löwe ein Lamm! Ja, da möchte einer denn doch zerplatzen vor Ärger gleich wie ein aufgeblähter Laubfrosch! Aber ich werde von nun an keine Silbe mehr reden, sondern stumm sein wie ein Stock, dann werdet ihr mir ja etwa doch nichts einzuwenden haben?!«
09] Sagt Thomas: »Ja, tue du das, dann wirst du ein Weiser sein!«
10] Hier beruft Mathael den Thomas und sagt zu ihm: »Ich danke dir im Namen der guten Sache, daß du dem Bruder Judas einen so bescheidenen Verweis gegeben hast. Denn es hat ihm das durchaus nicht im geringsten geschadet, und vielleicht wird ihm das erst einmal in der andern Welt zunutze werden, was er hier als eine Beleidigung seines Verstandes betrachtet; denn von einer inneren Weisheit ist bei ihm noch lange keine Spur und wird höchst wahrscheinlich in diesem seinem Leben auch nie eine sein.
11] Aber für die Folge lasset ihn; denn seine Seele ist nicht von oben her, und sein Geist ist zu klein und zu schwach, um seine weltsteife Seele zu erweichen und zu beleben gleich der eurigen!«
12] Hier trete Ich hinzu und sage zu Mathael: »Wahrlich, ein Rüstzeug, wie du Mir bist, gibt es wenige, und Ich muß dir darum nun Mein Lob erteilen! Fahre du nur also fort, und du wirst für einen andern Apostel, den Ich erst später aus Meinen Feinden erwecken werde, ein tüchtiger Vorläufer sein bei den Heiden! Und nun erst gebe Ich dir die vollste Versicherung, daß du und deine vier Brüder nimmer zurückfallen werdet in die von euch schwer ausgestandene Krankheit! Deine vier Brüder aber wirst dann du zu verteilen haben und ihnen auch zeigen den vollends rechten Weg.
13] Wir werden aber von nun an noch ein paar Tage hier verziehen, und morgen als am Sabbat wird sich hier so manches ereignen, wobei du Mir ganz gute Dienste wirst leisten können; denn du bist einer, der keine Welt fürchtet und keinen Tod, und eben darum bist du Mir ein tüchtiges Rüstzeug.
14] Nun aber führe du Mich zu der Helena hin; denn sie hat eine übergroße geheime Sehnsucht nach Mir, und somit wollen wir sie besuchen und sie stärken!«
15] Sagt Mathael: »O Herr, welch endloseste Gnade für mich! Du, mein Schöpfer, lässest Dich von mir führen zu der hin, die so gut wie ich Dein Geschöpf ist! Aber das Mägdlein ist rein und voll guten Willens; es weiß sicher von keiner Sünde etwas, und es lohnt sich da wohl der Mühe, solch ein Herz zu stärken, durch das späterhin tausendmal Tausende können gestärkt werden!«


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