Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 108

Die Meinungen über die Ausbreitung der neuen Lehre.

01] Sagt hierauf Simon Juda: »Ich bewundere des Mathael wahrlich große Weisheit und die darin verborgene Wissenschaft über das Altertum! Ja, solch eine Weisheit tut in dieser Zeit auch ebenso not wie die tiefe Erkenntnis der aus dem Munde Gottes kommenden Lebenswahrheiten! Wahrlich, wir könnten uns die Zunge krumm reden vor den Ohren eines Volkes, das schon seit mehr denn einem Jahrtausend im allerabsurdesten Schmutze des finstersten Aberglaubens begraben schmachtet! Da ist ein Wort wie hunderttausend der schönsten Worte rein vergeblich; die eigene Dummheit und Blindheit erkennt es nicht, und die ihm gepredigte schönste und reinste Wahrheit noch weniger.
02] Was sollte man da mit einem solchen Volke noch weiteres anfangen? Wunder wirken? Dadurch wird ein Volk noch dümmer und abergläubischer! Es strafen? Oh, ein solches Volk ist ohnehin gestraft zur Genüge!
03] Aber man suche die Zugänglicheren aus dem Volke und predige nach der Art unseres Mathael wider das Heidentum, und in längsten hundert Jahren besteht mit der Gnade des Herrn kein Götzentempel mehr!
04] Urteilet, Brüder, ob ich recht geredet habe oder nicht! Ein einfältiger Sinn der Kinder ist wohl mehr wert als der Verstand aller Verständigen der Erde; aber hier ist auch der Verstand völlig an seinem Platze. - Was ist da eure Meinung, liebe Brüder?«
05] Sagen alle bis auf Judas: »Da sind wir ganz einverstanden, und es läßt sich dagegen nichts einwenden!«
06] Hier tritt Judas in den Vordergrund und sagt: »Doch, doch, so manches noch!«
07] Sagt Simon: »Was denn? Rede! Ich wüßte hier wahrlich um nichts, was sich dagegen einwenden ließe!«
08] Sagt Judas: »Man gewinne die Mächtigen, und man wird mit den Ohnmächtigen dann auch ohne diese Wissenschaft ganz wirksam reden können!«
09] Sagt Mathael, sich etwas erregt nach dem Judas umsehend: »Aha, du möchtest somit gerne den Armen am Geiste und an den irdischen Gütern die Friedensbotschaft aus den Himmeln mit Rute und Schwert verkünden! Bist ja ein gut seltener Mensch, du! Mir scheinst du auch sonst so ein eigenes Wesen aus der Unterwelt zu sein, daher diese deine Ansicht, die wahrlich keinem Teufel eine Unehre machen würde! Du bist ein ganz rarer Teufel!
10] Sage mir aber doch, wie du dich in diese sonst rein himmlische Gesellschaft hast einschmuggeln können!
11] Aber ich sage dir: Willst du als Teufel mit Menschen reden und handeln, so mußt du dich besser vermummen in Lämmerfelle, damit man unter ihnen nicht gleich auf den ersten Blick den reißenden Wolf ersieht!
12] Siehe, daß du mir aus dem Gesichte kommst, sonst könnte ich über dich Enthüllungen zu machen versucht werden, die anzuhören du vielleicht eben jetzt nicht am besten aufgelegt wärest; denn mein Geist kennt dich nun aus- und inwendig!«
13] Als Judas von Mathael solches vernimmt, macht er große Augen und sagt: »Du irrst dich an mir, Mathael; denn auch ich gehöre zu der Zahl der Erwählten, habe schon Botendienste im Namen des Herrn verrichtet und bin gleich meinen Brüdern erst vor etlichen Wochen von den Engeln durch die Lüfte getragen worden!«
14] Sagt Mathael: »Oh, das alles weiß ich, und dennoch nehme ich nicht eine Silbe von meinen einmal ausgesprochenen Worten zurück! Wohl gehörst du unter die Zahl der Zwölfe, aber mein Geist sagt es mir: 'Darunter ist einer ein Teufel!' - und wisse: Der Teufel bist du!
15] Mit diesem Zeugnisse, das mir mein Geist gab über dich, kannst da vorderhand zufrieden sein, - willst du aber ein mehreres noch, so kann dir damit aufgewartet werden; denn soeben entdecke ich eine ganze große Kammer voll arger Zeugnisse über dich, und du darfst gut nicht viel machen, so bekommst du sie alle ins Gesicht! Denn du bist auch ein Dieb! - Verstehst du mich?!«
16] Als Judas solche Donnerworte aus des weisen Mathael Munde vernahm, durchlief ihn ein gewaltiger Schauder, und er zog sich ganz bescheiden zurück und bekam beim Rückgehen auch noch vom Thomas einige leise Rippenrüttler mit den Worten: »Hat dich deine Hölle denn schon wieder einmal gejuckt?! Fahre nur also fort, so wirst du schon noch mehr hören als jetzt! Mit dem Mathael, den der Herr so wunderbar geheilt hat an Leib, Seele und Geist, wirst du armer Hascher nie irgend etwas aufnehmen können!
17] Siehe, sogar der Engel des Herrn wagt es nicht, sich ihm zu nahen, und du willst ihm widersprechen in irgend etwas, was er aus seiner tiefsten, nach Moses gut nie dagewesenen Weisheit aufgestellt hat?!
18] Siehst du denn solch eine über alle Himmel hinaus schreiende Dummheit deines allereselhaftesten Herzens noch nicht ein?! Kannst du denn nicht ruhig sein, hören und in einem fort lernen?!
19] Hier ist alle Weisheit aller Himmel und aller Erde auf einem Punkte beisammen, wir sitzen hier im Zentrum des göttlichen Herzens beisammen. Worte und Taten gehen an uns vorüber, die selbst die Engel in ein größtes Erstaunen setzen, und du als der größte Esel unter uns kannst deinem wahrhaft argen Gelüste nicht widerstehen, nicht nur Mir -, sondern auch sogar Gegenreden aus deiner Dummheitspfütze an das nun gottvollste Tageslicht zu fördern! O du Hauptesel du!«
20] Sagt Judas ganz trotzig: »Ei - laß mich! Bin ich schon ein Esel, so bin ich es ja für mich und nicht für dich! Und hat mich Mathael auch nun gut so sehr verhauen, so wette ich doch, was du willst, daß diese an sich noch so reine, göttliche Lehre nicht mit sanften Worten des Friedens, sondern mit Schwert und allerlei tödlichem Geschosse den armen Heiden wird verkündet werden!
21] Man wird keinen fragen, ob er das verstanden habe, sondern man wird ihn zu dem neuen Glauben schwören lassen! Und wird er mit der Zeit von dem nie verstandenen Glauben abfallen, so wird er als des schändlichsten Meineides schuldig erklärt und dafür zum allerwenigsten lebendig verbrannt werden!
22] Und wird man bei der Weiterverbreitung dieser an und für sich noch so göttlichen Lehre nicht vor allem darauf sehen, gleich zuerst die Machthaber dafür zu gewinnen, dann möchte ich wahrlich, trotzdem ich ein Teufel sei, die Menge der Blutzeugen nicht zählen, die da unter dem Schwerte der großen heidnischen Machthaber verbluten werden! Göttlich hin, göttlich her! Der Teufel ist auch göttlich! Mit der Zeit wird selbst das reinste und erhabenste Göttliche auch teuflisch!
23] Sehen wir zum Beispiel nur die göttlichste Lehre Mosis an! Was ist sie nun im Tempel des einst so himmelweisen Salomo?! Darum sage ich als Mathaelischer Teufel und als dein Hauptesel noch einmal: Mathael hat recht, und ich erkenne seine Weisheit so gut an, als du sie anerkennst; aber so gut Mathael recht hat, habe auch ich recht!
24] Ich sage es dir: Diese Friedenslehre aus den Himmeln wird in gut nicht zu langer Zeit über den ganzen Erdboden den größten Unfrieden ausstreuen und Völker untereinander in den größten, unversöhnlichsten Hader, Zank und Krieg stürzen!
25] Im Leibe wirst du das wohl noch nicht so sehr erleben; aber dein Geist wird dereinst ein desto sicherer Zeuge von all dem sein, was ich dir jetzt gesagt habe, und du wirst erst dann eingestehen, daß der Teufel und Dieb Judas auch einmal geweissagt hat! - Nun frage ich dich, ob du mich wohl verstanden hast!?«


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