Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 85

Ouran erhält Mathael als Lehrer zugewiesen.

01] Nach diesem Akte schwieg Ouran (also hieß der Grieche, und dessen Tochter hieß Helena) und fing an sich sammeln, um mit dem ihm aufgeführten Mathael, der ihm durch ein paar Worte schon zu verstehen gab, daß er mit der höheren Weisheit wohl versehen ist, als ein Mann von so mancher Lebenserfahrung Worte tauschen zu können und bei jeder Gelegenheit das sapienti pauca (Einem Weisen genügt weniges) zu beachten, um sich nicht als ein Mensch zu zeigen, dem alles bessere Wissen mangelt. Als sich Ouran so ziemlich erholt hatte und auch in eine rechte Fassung gekommen war, so fragte er nach einer ziemlich langen Pause den Mathael, ob dieser ihn auf seinen Weltreisen allenthalben begleiten wollte, und was er dafür fordern würde.
02] Spricht Mathael auf Mich hindeutend: »Sieh hin, dies ist ein Heiland für Leib, Seele und Geist! Es sind noch kaum zwölf Stunden her, als ich noch ein elendstes Wesen dieser Erde war. Meine Eingeweide waren derart von den allerbösesten Geistern besessen, daß dadurch mein ganzes Wesen zu einem irdischen Teufel ward. Unter einer Horde von den ärgsten Straßenräubern war ich der Schrecken der ganzen Gegend, denn alle meine Glieder mußten den Teufeln zu Diensten stehen; aber meine Seele war gelähmt und wußte es nicht, was da vorging mit ihrem armen Leibe. Freund, du siehst aus dem, wie sehr elend ich war! Wer hätte mir aber helfen sollen?! Ich war ja am meisten der Schrecken für jeden, der sich mir nahte; leichter wärest du mit zehn hungrigen Tigern ausgekommen denn mit mir allein. Nur eine Kohorte der verwegensten römischen Krieger konnte meiner und meiner Gefährten Meister werden; wie ein Faß gebunden und gefesselt, ward ich samt meinen vier ärgsten Gefährten hierher zum Todesgericht gebracht.
03] Aber dort ersiehst du den großen Heilmeister, der aus den Himmeln zu uns elenden Würmern dieser harten und teufelvollsten Erde kam, um auch uns leibhafte Teufel zu heilen durch Wort und Tat; Der hat mich und meine Gefährten geheilt, und für solch eine Heilung verlangte Er nicht nur völlig nichts von uns fünfen, sondern Er erwies uns dazu noch übergroße Wohltaten leiblich und besonders geistig!
04] Nun hat dieser mein göttlicher Heiland mich zum ersten Male zu einem Dienste berufen, für den du mich gefragt hast, was ich darum für einen Lohn von dir fordern möchte. O Freund, bevor ich nicht meine Schuld diesem großen Einen werde bezahlt haben, könnte ich ja doch unmöglich von dir etwas verlangen; denn ich diene dadurch ja nur Ihm, der mich berufen hat, und nicht dir!
05] Ihm aber werde ich in Ewigkeit ein stets größter Schuldner verbleiben und nur durch mein Dienen meine große Schuld in etwas mindern. Darum wirst du, Freund, für einen dir erwiesenen Dienst mir auch nie etwas schuldig werden - außer deine wahre Freundschaft und Bruderliebe!
06] Denn umsonst habe ich es empfangen, und um denselben Preis werde ich es auch dir wiedergeben! Gold, Silber und Edelsteine wirst du von mir zwar nicht bekommen; aber was ich habe, das soll dir auch also frei gegeben werden, wie ich es empfangen habe. Darum wolle du mich fürderhin mit jeder ähnlichen Frage verschonen!«
07] Sagt Ouran: »Freund, du bist einer der edelsten Menschen, die mir je irgend entgegengekommen sind! Darum mußt du mein und meiner Tochter weiser Führer werden und bleiben durch mein ganzes Leben!
08] Ich werde dich zwar, nach deinem Willen, nie mehr fragen und sagen: 'Was forderst du dafür?<; aber daß du bei mir auch keine Not leiden sollst als ein Freund und als ein echter Bruder, das wirst du von mir wohl annehmen?!«
09] Sagt Mathael: »Es fragt sich noch, ob du von mir etwas oder alles oder am Ende gar nichts annehmen wirst! Denn meine Gaben schmecken dem Sinnengaumen, wie ich es schon ein wenig erfahren habe, eben nicht so süß wie ein mit reinem Honig versüßter Wein nach der Art, wie ihn die Griechen hie und da gerne genießen, sondern oft bitterer als Galle und frischer Saft einer alten Aloe! Und das nehmen süßgeschmäckige Gaumen nicht gerne zum Genuße! Darum wollen wir erst sehen, wie sich unsere gegenseitigen Gaben werden austauschen lassen!«
10] Sage inmitten Ich: »Wißt ihr was, da wir nun noch eine volle Stunde Sonne haben und der Abend sich auch recht angenehm machen wird, so machen wir nun allesamt einen Gang auf den Hügel des Markus; dort wollen wir uns ein wenig näher kennenlernen! Deine Zelte aber lasse einstweilen bewachen von deinen Dienern; denn du wirst sie erst nach Mitternacht wiedersehen und von ihnen Gebrauch machen!«
11] Sagt der Ouran: »Es sind freilich viele und große Kostbarkeiten darin! Aber ich meine, daß dieser Freund ein sicherer ist!«
12] Sage Ich: »Freund, als du erst vor einer Stunde in der größten Gefahr schwebtest und es mit dir dahin stand, dein Leben und alles zu verlieren, wer errettete dich da?«
13] Hier stutzte Ouran; nach einer Weile erst sagte er: »Ja, ja, großer Meister! Du hast recht, ich bin nur so in meiner alten Gewohnheit ein wenig steckengeblieben und sehe nun eben auch die volle Dummheit meiner Furcht ein; sie soll zum zweiten Male nicht wieder zum Vorschein kommen, und ich gehe nun gleich ohne alles weitere Bedenken mit dir, wohin du willst!«


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