Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 82

Raphael als Lotse rettet bedrängte Griechen.

01] Cyrenius strengte vergebens seine Augen an; er konnte von keinem Schiffe etwas wahrnehmen. Ebensoschlecht ging es dem Markus; aber andere scharf sehende Augen bemerkten die Schiffe wie drei Mücklein groß im Meere dahinziehen und sagten: »Herr! Die haben bei günstigem Wind gute zwei Stunden bis an dieses Ufer!«
02] Sage Ich: »Sorget euch nur nicht darum; Mein Schiffsmann wird die Sache zur rechten Zeit am Ufer haben!«
03] Fragen die dreißig jungen Pharisäer: »Wo und wer ist der, dem solches möglich ist?«
04] Sage Ich: »Ihr kennet ja den jungen Mentor (Erzieher) des Cyrenius' Ziehsohnes; der ist es!«
05] Fragen ängstlich die dreißig: »Wo ist denn ein Schifflein für ihn bereit?«
06] Sagt nun Raphael: »Ich brauche deren keines!« und verschwindet in diesem Augenblick. Alle erschrecken in der Meinung, der Jüngling sei ins Wasser gesprungen und werde nun den Fischen gleich schnell nach den Schiffen im Wasser hinschießen. Denn es wußten das noch viele nicht, daß Raphael eigentlich ein Engel und somit ein ganz reiner Geist sei; viele hielten ihn für den Mentor des Josoe, während er nur ein Mentor der Jarah war. Aber da er sich hier mehr mit dem Josoe denn mit der Jarah abgab, so galt er hier bei vielen als ein junger Mentor des Josoe.
07] Ehe sich aber die Frager noch recht umsahen, war Raphael auch schon am Ufer mit den drei ziemlich großen Schiffen und stand an Bord desjenigen Schiffes, darin der fromme Grieche mit seiner noch frömmeren Tochter sich voll Staunens und Entsetzens befand; denn fürs erste kam ihm die unbegreiflich schnelle Landung an einer ihm ganz unbekannten Küste wie ein Traum vor, und fürs zweite wußte er nicht, was er aus dem jungen Schiffsmanne machen sollte und konnte sich über diese wunderbare Erscheinung auch keine Rechenschaft geben; denn die Veränderung ist zu schnell erfolgt und hat ihn zu wunderlich überrascht.
08] Auch die Schiffsknechte standen bei ihren Rudern voll Staunens wie Bildsäulen und getrauten sich ihre Ruder nicht mehr ins Wasser zu stoßen. Nach einer kleinen Weile des tiefsten Staunens und Wunderns erst fragte in tiefster Ehrfurcht der Grieche den Jüngling, sagend: »Wer bist du, mächtiges Wesen? Wer hieß dich uns so schnell an ein gutes Ufer bringen und aus welchem Grunde?«
09] Spricht Raphael: »Frage nicht, sondern sieh nach der Sonne, die nun bald auf einige Augenblicke ihren Lichtglanz verlieren wird! Wärest du auf des Wassers Höhe, so hätte der Schiffsknechte böser Aberglaube dich samt deiner Tochter über Bord ins Meer geworfen und dann deine mitgenommenen Schätze unter sich geteilt; solches sah aber unser großer, göttlicher Meister zum voraus und sandte mich darum dir zu deiner schleunigsten Rettung. Du bist nun schon in vollster Sicherheit, aber dennoch werden dir noch unangenehme Sachen vorkommen, und ich muß darum während der finsteren Katastrophe bei dir im Schiffe verbleiben, ansonst du noch immer mit den rohen Schiffsknechten viel Ungemach zu bestehen hättest.«
10] Der Grieche sieht sich nun nach der Sonne um und bemerkt zu seinem und seiner Tochter Entsetzen, daß von der Sonne nur noch ein ganz schmaler Rand übrig ist, erhebt sich von seinem Sitze und donnert einen Fluch dem bösen Drachen empor, der die Sonne nun total zu verschlingen drohe.
11] Es war das einiger Heiden von Kleinasien fromme Sitte, bei Gelegenheit einer Sonnenfinsternis dem argen Drachen eine Menge der härtesten Flüche emporzusenden, auf daß er sich davor erschrecke und die verschlungene Sonne wieder ausspeie und sie dann wieder weiterhin fortleuchte. Aber der Alte war mit seinen frommen Fluchen noch nicht zu Ende, als die Sonne ganz vom Monde verdeckt wurde.
12] Da entstand ein plötzliches, wildes Geheul unter den Schiffsknechten, aber auch am Ufer unter den römischen Soldaten, und die nahe vor Angst wütenden Schiffsknechte fielen über den Griechen her und wollten ihn samt der Tochter und samt dem Raphael ins Meer werfen; denn sie gaben den dreien die Schuld dieser schrecklichsten Geißel der Götter und wollten diese dadurch versöhnen. Aber Raphael hob alle Schiffsknechte aus den Schiffen und setzte sie ans Land; den Ärgsten aber warf er ins Meer, und dieser hatte zu tun als ein guter Schwimmer, um ziemlich weit unter den Schiffen ganz ermattet das Land zu erreichen.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 3  |   Werke Lorbers