Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 64

Die göttliche Ordnung und unser Weltverstand.

01] Sagt Hebram: »Ja und nein! In rein diesirdisch menschlicher Weise hast du nach meiner Ansicht freilich wohl recht, aber nach der rein göttlichen hast du sehr unrecht und bist darum dennoch auf dem Holzwege; denn Gottes Pläne sehen sicher ganz anders aus denn die unsrigen. Sieh, hätten wir die Sterne ans Firmament gesetzt, so würden wir sie sicher mehr gleichmäßig gestellt haben; so aber hat sie Gott, der allein Allmächtige, wie einen Lichtleinspuk hinausgestellt! Warum denn also?
02] Sieh an das Gras auf dem Felde, wie da die Kräuter durcheinander gemengt sind! Warum da keine Ordnung, an der unser symmetrischer (gleichmäßiger) Sinn irgendein mathematisches Vergnügen haben könnte?! Überall, wohin du deine Sinne auch wenden magst und willst, wirst du viel mehr Chaotisches als irgend symmetrisch Geordnetes in aller Kreatur antreffen! Und dennoch muß Sich der Schöpfer auf die Symmetrie auch recht verstehen; denn davon liegen zunächst in unserer menschlichen Form die handgreiflich überzeugendsten Beweise. Wenn der gute Schöpfer aber in einer Hinsicht die höchste Symmetrie zu beobachten sicher imstande ist, anderseits auf sie aber auch nicht die geringste Rücksicht zu nehmen scheint, so muß dahinter irgendein uns Würmern des Staubes freilich noch sehr unbekannter Grund stecken, aus dem der Schöpfer einerseits die höchste Symmetrie und anderseits das schnurgeradeste Gegenteil beachtet! Warum - ist denn nicht ein Jahr wie das andere, warum nicht ein Tag wie der andere?
03] Sieh, wenn man die Sachen also betrachtet, so muß da die sogenannte symmetrisch gesunde Menschenvernunft ja so manches finden, das sie mit der gehörigen Schärfe ihres Witzlichtes bemängeln könnte; aber da kommt der große Meister Selbst und sagt: 'Schuster, nur soweit dein Leisten geht, - kannst du urteilen, - aber weiter hinauf nicht!'
04] Wie wir es aber erschauen, daß da in der großen Schöpfung Gottes allenthalben eine scheinbar höchste, rein chaotische Unordnung mit der höchsten Ordnung verbunden ist, ebenso kommt es mir auch mit den verschiedenen Offenbarungen Gottes an die Menschen dieser Erde vor. Er als der alleinige Schöpfer wußte es am besten, was in den verschiedenen Zeiträumen und für die verschiedenen Völker zu ihrer geistigen Entwicklung am besten taugte.
05] Er aber läßt mit der Zeit auch aus sicher höchst weisen Gründen eine einmal gegebene Lehre ebenalso verwelken, wie da auf dem Erdboden verwelken zahllose Kräuter und Blumen; aber der Same, der sich aus der Blume entwickelt gleich der reinen, lebendigen Wahrheit, verwelkt nicht, sondern bleibt lebendig fort und fort.
06] So wir aber sehen, daß der Schöpfer mit der Zeit all das für eine Zeit notwendige noch so schöne Äußere zugrunde gehen läßt und am Ende alle Sorge auf die Entwicklung des inneren Lebens verwendet bei allen uns bekannten irgendein Leben tragenden Dingen, können wir uns da verwundern, wenn wir solches auch mit den Offenbarungen geschehen sehen?
07] Ohne ein irdisches Zungenwort kann keine noch so reine Lehre zu uns gelangen; das äußere Wort aber ist da schon materiell und muß am Ende, wenn sich der innerste, reine Geist entwickelt hat, hinwegfallen. Und so geht mit den äußeren Gotteslehren mit den Zeiten wohl der Außenprunk notwendig in stets etwas Mißlicheres über; aber dafür entwickelt sich im Hintergrunde stets mehr und mehr die reinste, geistige Kraft und Wahrheit einer früheren Offenbarung Gottes an die Menschen. - Ist es also oder nicht, Freund Risa?«
08] Sagt Risa: »Bruder Hebram, ich bewundere dich! Bei Gott, du hast nun mit deiner wahrhaft weisen Rede meine ganze Denkweise umgestaltet, wofür ich dir wahrlich sehr zum Danke verpflichtet bin! Es ist wahrlich also, wie du es mir nun dargestellt hast; ich mag denken, wie ich will, so finde ich die Sache nun stets klarer! Kurz, du hast über meine Vernunft in jeder Hinsicht gesiegt! Ich bin dir dafür sehr vielen Dank schuldig.«


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