Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 57

Jesus verspricht den beiden, sie auf den Heiland aufmerksam zu machen.

01] Es kommt aber nun Markus, anzuzeigen, daß das Mittagsmahl fertig ist, und daß man zu Tische gehen wolle.
02] Sagt Suetal zu Markus: »Höre, du alter, guter Freund! Sieh, wir zwölf sind total arm und haben nichts, womit wir unsere Zeche bezahlen könnten; aber da sieh, dieser junge Jünger des großen Meisters aus Nazareth, der sich irgend hier in deinem Hause aufhält, hat durch seine Wunderkraft uns einen alleredelsten Fisch von sicher nahe hundert Pfund und nachher diesen Esel hervorgezaubert! Nimm du diese zwei Tiere in dein Eigentum anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung; denn was sollen wir mit dem Esel und was mit dem Fische? Was sie uns aber als Sinnbilder sagen zu unserer Zurechtweisung, das haben wir schon heraus! Denn ein Fisch und ein Esel sind unseres Wissens noch nie als Symbole der Weisheit, sondern noch allzeit als Symbole der Dummheit gebraucht worden! Sei demnach so gut und nimm die beiden Tiere, die doch auch etwas wert sind, anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung in deinen vollen Besitz!«
03] Sagt Markus: »Das will ich recht gerne tun, obschon ihr mir nichts schuldig seid; denn alles, was ihr hier schon verzehrt habt, und was ihr allenfalls noch verzehren werdet, ist ohnehin schon mehr denn hundertfach bezahlt! Jetzt aber seht ihr euch nur um einen Tisch um; denn es werden sogleich die Mittagsspeisen aufgetragen werden!«
04] Sagt Suetal: »Freund, sage uns, wer für uns denn schon also großmütigst die Zeche im voraus bezahlt hat, auf daß wir ihm unseren schuldigsten Dank abstatten können!«
05] Sagt Markus: »Das zu sagen ist mir nicht gestattet; darum begnüget ihr euch nur mit dem, was ich euch nun gesagt habe!« - Mit diesen Worten entfernt sich Markus auf Meinen geheimen Wink, nimmt zugleich den Esel mit und übergibt ihn einem seiner Söhne zur einstweiligen Versorgung.
06] Nachdem Markus fort ist, sagt Suetal zu Mir: »Freund, ist der Alte nicht ein köstlicher Mensch?! Sieh, so ehrliche Menschen dürften wohl wenige auf dieser Welt zu treffen sein! Aber was meinst denn du, wer etwa für uns gar so übermenschlich großmütig mag die Zeche bezahlt haben?«
07] Sage Ich: »Wer sonst, als der große Meister aus Nazareth!? Denn der verlangt nichts umsonst. Wer ihm eins tut, dem zahlt er dafür zehn, und wer ihm zehn tut, dem bezahlt er dafür hundert!«
08] Sagt Suetal: »Ja, aber wir haben ihm weder eins noch zehn getan, und er hat für uns dennoch schon tausend bezahlt!«
09] Sage Ich: »Dieser Meister aber ist auch allwissend und weiß darum, daß ihr noch etwas (für ihn) tun werdet, und bezahlt euch darum schon zum voraus!«
10] Sagt Suetal: »Das lassen wir uns gefallen und werden solche seine Güte auch mit unserem Fleiße und großem Eifer abzudienen bereit sein, wenn wir nur einmal erfahren werden, welchen Dienst er von uns will!«
11] Sage Ich: »Ja seht, da wird es denn am Ende doch noch nötig werden, daß ihr mit ihm in eine nähere Bekanntschaft tretet! Am Ende nimmt er euch gar zu seinen Jüngern an?!«
12] Sagt Suetal zu Ribar: »Du, das wäre was! Am Ende könnten wir auch bald so etwas zustande bringen wie dieser schönste junge Mensch hier!? Wahrlich, unter solcher Aussicht möchte ich nun doch, wenn es leicht möglich wäre, seine persönliche Bekanntschaft machen!«
13] Sagt Ribar: »Ich auch, und wir alle so ganz eigentlich! Aber der erste Zusammenstoß wird wahrscheinlich ein noch ärgerer sein als mein ehemaliger mit dem verzweifelten Fische.«
14] Sagt Suetal: »Wer weiß? Der Schmiedl hämmert oft viel ärger auf seinem Amboß als der Schmied, um zu zeigen, daß er auch den Hammer zu führen versteht. Wenn sich so eine gute Gelegenheit etwa während des Mittagsmahles ergäbe, so könnte allenfalls dieser unser guter griechischer Freund uns durch einen Wink auf ihn aufmerksam machen!?«
15] Sage Ich: »O ja, diesen Gefallen kann Ich euch ganz leicht erweisen; aber wenn ihr ihn werdet erkannt haben, müßt ihr euch alle ganz ruhig verhalten und kein Aufsehen machen, denn das liebt er nicht! Er sieht da nur in das Herz und begnügt sich da vollkommen, wenn ihm darin ganz still eine rechte, lebendige Huldigung dargebracht wird!«
16] Sagt Suetal: »Oh, das können wir schon, und es ist auch so etwas um vieles gescheiter und weiser; darum sei du, liebster Freund, nur so gut und mache uns bei einer günstigen Gelegenheit während des Mittagsmahles aufmerksam auf ihn!«
17] Sage Ich: »Ganz gut, ganz gut; das wird schon geschehen! Aber nun sind die Speisen bereits auf die Tische gestellt; daher gehen wir hin und nehmen gleich den nächsten besten in Beschlag! Seht, dort unter der großen Linde stehen zwei Tische! Bei dem langen muß Ich schon der hohen Römer wegen Platz nehmen; ihr aber setzet euch gleich an den Tisch daneben, und wir werden also recht leicht miteinander korrespondieren können!«
18] »Ja ja«, sagt Suetal, »so wird es sich am besten machen! Bin nun aber wahrlich über die Maßen begierig, den großen Mann, den wahren Messias der Juden zum ersten Mal persönlich kennenzulernen.«
19] Sage Ich: »Ganz gut, aber nun gehen wir an die Tische!« - Ich gehe nun voran und die zwölf folgen Mir, und Raphael geht neben dem Suetal, was diesem nicht recht behagt, so daß er ihn darum fragt, ob er etwa gar willens sei, an ihrem Tische Platz zu nehmen.
20] Und Raphael bejaht solches mit der größten Freundlichkeit von der Welt, was aber dem Suetal eben nicht zu sehr mundet, weil er vor des Engels Allmacht noch immer einen ungeheuer großen Respekt hat. Aber weil der Raphael gar so freundlich mit ihm spricht, so fängt er an, ihn nach und nach etwas mehr liebzugewinnen, und macht sich aus dessen Gegenwart nicht mehr gar so viel.


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