Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 30

Cyrenius wird von Jesus auf die Reden des Mathael verwiesen.

01] Sagt Cyrenius zu Mir: »Herr und Meister, was sagst denn Du dazu? Was ist davon zu halten? Spricht Mathael die volle Wahrheit? Du kannst so etwas ja doch am ehesten vom Grunde aus beurteilen; rede nun doch auch ein paar Wörtlein dazu!«
02] Sage Ich: »Habe Ich dir denn nicht eher schon gesagt, daß ihr sie hören sollt? Sähe Ich, daß sie Falsches sprächen, sicher würde Ich sie euch nicht anzuhören empfohlen haben. Darum höret den Mathael nur noch weiter an! Er hat zwar einen scharfen, aber guten Wind; mit solchem Winde, wenn auch über ein stark wogendes Meer, kommt man viel geschwinder weiter als mit der allerbesten Ruderei!
03] Höret ihn nur noch weiter an, denn bis jetzt hat er euch noch durch die Finger geredet; wenn er aber so noch ein wenig mehr warm wird, wird er euch auch noch mit ganz andern Beweisen kommen!«
04] Sagt Cyrenius: »Dafür danke ich im voraus! Als Teufel stehen wir ohnehin schon da! Zu was Ärgerem sollte er uns wohl noch zu machen imstande sein? Ist es nicht löblich von mir, daß ich diese fünf armen Teufel versorgen will in alle ihre irdische Zukunft, und dafür machen sie uns ein Wetter, wie Du selbst uns noch nie eines gemacht hast!
05] Ah, diesen Mathael höre ich eigentlich gar nicht mehr an; seine Ansicht über das Leben mag in sich noch so richtig sein; aber sie taugt nicht zu den irdischen Lebensverhältnissen, und kein Mensch kann dabei für seinen Leib etwas tun!
06] Ja, Menschen wie die Propheten und die alten Priester haben freilich gut sorgen gehabt fürs ewige Leben allein; denn für ihre Leibesbedürfnisse sorgten sich andere, denen es am Ende gleich sein mußte, ob es ein ewiges Leben der Seele gibt oder auch nicht gibt! Sie erhielten bloß Gesetze, die sie zu beobachten hatten, ohne je den eigentlichen Grund zu erfahren, warum und was sie dadurch so ganz eigentlich erreichen sollten.
07] Für Millionen mußte das genügen mit oder ohne Aussicht auf irgendein ewiges Leben, und für uns aber soll es nicht mehr genügen?!
08] So es aber für uns nicht mehr genügt, da fragt es sich dann für jeden Menschen, der einen Funken von wahrer Nächstenliebe in seinem Herzen trägt: Wer entschädigt am Ende die vielen Millionen von armen Teufeln, daß sie alle trotz der Haltung irgend äußerer Gesetze dennoch dem ewigen Tode verfallen sind? Sind sie ein Werk des Zufalls, dann mag die Lehre einen guten Grund haben; sind aber die Menschen alle, was aus ihrer höchst weisen Einrichtung wohl zu erkennen ist, ein Werk eines höchst weisen und guten Gottes, so muß es einen andern und für alle Menschen praktischeren Weg zur Erreichung des ewigen Lebens geben; und gibt es keinen andern, dann ist alles Leben das Verächtlichste, was des Menschen Vernunft nur immer als verächtlich und verabscheuungswürdig erkennen kann!
09] Denn, wenn ein ewiges Leben nur dem beschieden ist, der es gewisserart auf Kosten von tausend andern Menschen, die für so einen ewigen Lebenshelden arbeiten müssen, auf daß er bloß das ewige Leben in sich auskosten kann, erreicht, - dann verlange ich selbst ewig vom ewigen Leben auch nicht einmal ein kleinstes Fünklein, und ein voller ewiger Tod ist mir lieber! Das ist nun so meine Ansicht.
10] Deine Lehre, Herr und Meister, ist mir angenehm, lieb und wert; denn da steht mir ein allmächtiger Helfer an der Seite, wenn ich irgend schwach werde; nach der Lehre Mathaels aber habe ich niemand denn mich selbst. Ich allein nur kann mir das ewige Leben geben oder nehmen, und irgendein Gott hätte dabei gar nichts zu tun, als bloß mit ärgerlichen oder wohlgefälligen Augen zuzusehen, wie sich irgendein armer Teufel aus allen Klauen des Todes durcharbeitet und sogestaltig auf den unwirtlichsten Wegen, die voll Dornen, Klippen und giftigen Geschmeißes sind, zum ewigen Leben emporklimmt!
11] Nein, nein, das kann nicht sein; ihr seid Narren mit all eurer ewigen Lebenslehre! Ja, wenn ich mir einen Geber des ewigen Lebens denken kann, der, wie Du, o Herr, einem auch schon irdisch das Leben wiedergeben kann, so er will, dann tue ich alles, auf daß er mir auch dereinst gebe das ewige Leben. Aber so ich es mir selbst aus allen den Prophetenweisheitswinkeln erst irgend zusammensuchen soll, dann brauche ich von einem ewigen Leben, wie gesagt, auch ewig nichts! - Also spricht und sprach ein Cyrenius, Roms Oberstatthalter über Cölesyrien und über alle Lande Asiens, Afrikas und eines großen Teils vom Griechenlande!«
12] Sage Ich: »Freund, diesmal hast du dich wahrlich für nichts und abermals nichts überboten an allerlei leeren Redereien. Was die fünfe waren, weißt du; warum, das weißt du hoffentlich nun auch!
13] Ich habe sie aber nun vollkommen gereinigt und habe in ihnen angezündet das allein wahre, untrügliche Licht des Lebens und habe dadurch verrammt den Pfad, auf dem möglicherweise die ausgetriebenen argen Gäste ihnen noch einmal einen schädlichen Besuch abstatten könnten.
14] Diese fünf sind demnach nun vorderhand völlig rein und durchschauen in sich die feinsten Fäden alles Lebens, wie es eigentlich von Urbeginn an beschaffen war, und geben nun solches jedermann offen kund, was in den alten Zeiten nur wenigen für wenige gegeben war; wie möglich kannst du ihnen darum gram werden?!
15] Denn siehe, was sie sagen, ist ganz dasselbe, was Ich Selbst euch gesagt habe, nur mit etwas nackteren Wahrheitsreden geben sie es von sich.
16] Erkenne erst den wahren Wert dessen, was sie sagen, und werde darauf grämlich, so es dir möglich ist; aber nun, da dir das, was sie sagen, ein wenig zu unbequem vorkommt, hast du mit deinem Grämlichwerden offenbar unrecht. Laß den Mathael weiterreden, und es wird sich wohl zeigen, ob das, was er sagt, praktisch ist oder nicht, oder ob es Meiner Lehre zuwiderläuft!«


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