Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 29

Cyrenius Rede über seine Weisheit und Mathaels Antwort darauf.

01] Sagt Cyrenius: »O ja, nun habe ich einen recht tüchtigen Dunst, und das um so leichter, da ich erst in dieser Nacht eine dieser ganz ähnliche Erläuterung der mosaischen Urschöpfungsgeschichte vernommen habe. Es wird sich die Sache schon also verhalten; aber es geht mir das schon ins zu unendlich Weise hinüber, und ich kann und will mich nicht zu sehr anstrengen, um etwas in der tiefsten Tiefe zu erfassen. Es muß bei mir die Sache leicht gehen, wenn sie mir nützen soll; geht sie aber etwas zu tief und zu weise, dann ist es mit meinem Begreifen oft auf einmal aus!
02] Kurz und gut, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; ihr seid von mir aus versorgt, und es soll euch keine Gelegenheit benommen sein, in eurer Weisheit so tief als nur immer möglich zu dringen und die arme Menschheit, wo nur immer tunlich, auf den rechten Weg zu bringen, - obschon ich euch offen gestehe, daß ein zu tiefes Eindringen in das Wesen des Lebens fürs allgemeine eher nachteilig als vorteilbringend wäre.
03] Seht euch selbst nur, und fragt euch, ob alle eure wahrlich außerordentliche Wissenschaft und Weisheit euch glücklich macht! Ja, der menschliche Geist kann in unendliche Weisheitstiefen dringen und am Ende wundervollste Dinge hervorbringen; aber glücklich ist bei mir doch nur der Mensch, der ganz einfach ist und Gott, seinem Schöpfer, in aller Liebe ergeben, und Seine Gebote hält. Will ihm dann Gott wie einem Salomo die Weisheit geben, so soll er sie dankbarst annehmen und sie mit heiterem Gemüte weise benutzen. Wenn aber die einem Menschen verliehene Weisheit eben den Menschen nur unglücklich machen soll, so ist mir am Ende aber schon jede Dummheit lieber, durch die des Menschen Herz erheitert wird.
04] Ich lebe einmal und weiß nun, daß ich ewig fortleben werde, und die Wege zur Erreichung eines glückseligen ewigen Lebens sind mir bekannt; was sollte ich dabei denn noch mehreres wollen?!
05] Begebet auch ihr euch in diese meine Ansicht, und ihr werdet auch gleich mir noch auf dieser Erde recht glücklich sein; aber mit eurer allertiefsten Weisheitsbrüterei werdet ihr kaum je den Wert und das Glück, ein Mensch zu sein, fühlen!
06] Darum folget auch meinem Rate, wenn er auch nicht aus der Kammer der tieFsten Weisheit stammt; aber er kommt von einem freundlichen und sicher nicht liebelosen Herzen, und das hat sogar vor Gott einen hohen Wert! Warum soll es bei euch keinen Wert haben?
07] Die Weisheit ist es nicht, die uns das Leben gibt, sondern die Liebe; bleiben wir daher bei der Liebe, und uns wird es nicht am Leben gebrechen und an dessen glückseliger Empfindung! Seht, das ist aber meine Weisheit, und ich möchte fast behaupten, daß sie dem Leben der Menschen um vieles dienlicher ist als alle eure noch so tief gefaßte Weisheit!«
08] Sagt Mathael: »O ja, o ja, du hast ganz recht! Siehe, solange das Wasser im Topfe nicht ans Feuer kommt, hat es auch ein gutes und ruhiges Sein; aber kommt es hernach zum Feuer, da sieht es dann aber auch gar bald ganz anders aus. Einmal muß es gebrochen sein!«
09] Was du werden willst, dazu darf es dir an den nötigen Kenntnissen sicher nicht fehlen. Willst du ein Feldherr sein, so mußt du mit allen Kenntnissen für solch ein Amt ausgerüstet sein, ansonst du eine schlechte Figur als Feldherr spielen wirst; willst du ein Apotheker und Heiland sein, so mußt du mit all den dazu nötigen Kenntnissen versehen sein!
10] Nun, du willst aber das ewige Leben erhalten, willst aber das Leben selbst durchaus nicht näher erforschen und erkennen; wie wohl wird das möglich sein?
11] Siehe, wollte ich mir ein Weib nehmen, flöhe aber jede Gelegenheit, nur von ferne hin je mit einer Maid zusammenzukommen; da weiß ich dann wahrlich nicht, wie ich und ein Weib zusammenkommen werden!
12] Du willst aber am Ende sogar ein ewiges Leben und scheuest aber nun schon die kleine Mühe, nur dies irdisch zeitliche Leben ein wenig tiefer zu erforschen und dich zu erkundigen nach seinen Grundwurzeln!
13] Ja, du lieber Freund, hinge das ewige Leben nur davon ab, daß es mir ein Gott, wie du mir ein Stück Brot, geben könnte, dann wäre deine Lebensmaxime der unsrigen offenbarst weit vorzuziehen; aber es ist die Bereitung und Erreichung des einstigen ewigen Lebens ganz uns allein anheimgestellt!
14] Wir müssen tun und handeln und müssen wahrlich durchs Wasser mit unserem Lebenswasser und durchs Feuer mit unserem Liebelebensfeuer; da erst fängt unser Lebenswasser am Feuer der innersten Liebe zu Gott, zum Nächsten und am Ende zu uns selbst zu kochen und zu sieden an, und wir werden erst dadurch gewahr, daß es in uns eine unverwüstbare Lebenskraft gibt, die sich von dem Augenblick an erst als solche zu erkennen beginnt und die rechten Mittel ergreift und anwendet, sich als solche für ewig hin zu erhalten!
15] Da ist es sonach vorderhand nichts mit dem sogenannten gemütlichen Leben, das vollends einem süßen Schlafe ganz ähnlich ist, sondern da heißt es arbeiten und kämpfen und forschen ohne Rast und Ruhe!
16] Erst wenn man über das stets einschlafen- und sterbenlüsterne Leben einen vollends lebenswachen Sieg gewonnen hat, dann erst läßt sich von irgendeiner Seligkeit ein Wörtlein reden!
17] Du kommst uns vor wie ein noch am Morgen recht süßschlafender Mensch, den seine schon lange wachen Freunde zu wecken beginnen, worüber er sich im Anfange äußerst ärgerlich gebärdet; erst wenn er mit einiger Mühe vollends wach wird, ersieht er die Wohltat des vollen Wachseins und freut sich endlich seines hellen und freien Lebens.
18] Wir sind vollen Rechtes mit unserer Weisheit; aber du noch lange nicht! Erst wenn du wach geworden sein wirst, wirst du auch einsehen, wie sehr wir hier im vollsten Rechte sind.«


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