Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 27

Mathael über das innere Leben des Cyrenius.

01] Hier macht der Cyrenius, den Redner bei der Hand drückend, ganz große Augen und sagt zu Mir: »Herr, der hat eine ganz sonderliche Lebensanschauung! Man kann ihm im Grunde denn doch nichts entgegenstellen; es ist wahrlich eine leider nackte Wahrheit im ganzen, wie im sonderheitlichen! Was sagst aber Du dazu?«
02] Sage Ich: »Was wundert dich nun dessen? Habe Ich es euch doch zum voraus gesagt, daß diese fünf euch allen ein Hauptwetter machen werden! O höret sie nur an, und ihr werdet Mich darauf sicher um vieles leichter und tiefer verstehen!«
03] Sagt Cyrenius weiter zum Redner der fünf, der Mathael hieß: »Aber könntest du auch also beweisend reden, daß denn doch der größeren Wahrscheinlichkeit zufolge Gott eher war als deine Weltkörper, von denen ich mir noch keine genügende Vorstellung machen kann? Sieh, mir ist wenigstens kein Volk auf der Erde bekannt, das da nicht einen Gott voll Einsicht und Macht vor dem Sein aller Dinge annähme, verehrete und anbetete; und du bewiesest nun gerade das Gegenteil. Sieh, das erfüllt mein Herz mit großer Bangigkeit, darum führe du denn nun auch ebensogut den Gegenbeweis, ich der Oberstatthalter bitte dich sogar darum!«
04] Sagt Mathael: »Schwacher Säugling der Erde, du dauerst mich! Hast aber, wie ich es nun in meiner Seele finde, doch schon so manches weise Wort voll Kraft, voll Lebens und voll Wahrheit vernommen und hast mit deinen Augen geschaut, was Gottes Wort vermag, und kannst in deinem Herzen noch immer die Tiefen so mancher Gedanken nicht fassen!
05] Ja, ja, Freund, siehe, du liebst noch zu mächtig dein Leben und steckst in dessen Mitte; von dem Standpunkte aus aber läßt sich das Leben eben am allerschlechtesten erkennen.
06] Freund, man muß das Leben völlig verloren haben, das heißt dieses Erdenleben, dann erst erkennt man das Leben!
07] Nimm einen Topf und fülle ihn mit Wasser; das Wasser wird ruhig stehen im Topfe, und du wirst nicht erkennen die Dampfgeister im ruhigen Wasser; rührest du das Wasser auch noch so emsig und setzest es in Bewegung, auch dabei werden sich dir die mächtigen Dampfgeister nicht zeigen; setzest du aber das Wasser ans Feuer, da wird es bald zu sieden beginnen, und es werden beim Sieden sich sogleich die mächtigen Dampfgeister über des Wassers heißperlende Fläche zu erheben anfangen, und die noch im siedenden Wasser rastenden Geister werden nun erst erkennen die mächtigen Dampfgeister, die im zuvor kalten Wasser ganz ruhig und ohne eine Daseinsspur rasteten, zuerst sich selbst und dann unter ihnen das heißbewegte Wasser mit vielen tausend Augen schauend, das sie getragen, und daß die Dampfgeister vorher kein anderes Innewerden hatten, als daß sie völlig eins seien mit dem kalten Wasser.
08] Also erkennt aber während des Siedens auch das Wasser, daß es in ihm absonderliche Geister gab und bis auf den letzten Tropfen gibt; ja, ja, das siedende Wasser erkennt, daß es selbst durchgängig Geist und Macht ist, aber in seiner kalten Ruhe konnte es sich nicht erkennen und fassen!
09] Siehst du hier ein treffendes Bild? Dein Leben ist nun auch noch ein zwar reines, aber sonst ganz ruhiges kaltes Wasser im Topfe deines Leibes. Dein Topf kann wohl recht nach allen Richtungen hin- und herbewegt werden, so wirst du daraus dennoch nicht erkennen deine Lebenskraft; im Gegenteile, je mehr oft das Wasser in seinem kaltruhigen Zustande bewegt wird, wie das bei allen großen Menschen der Fall ist, desto weniger erkennt das Wasser des Lebens im starkbewegten Menschentopfe sich selbst und seine Umgebung; denn eine bewegte Spiegelfläche des Wassers zeigt kein Bild mehr rein, sondern sehr zerrissen.
10] Wird aber dein Lebenswassertopf zum wahren Feuer der Liebe, der größten Demütigung und aller Leiden und Schmerzen gesetzt, oh, da fängt es dann im Topfe bald gewaltig zu sieden an, und es werden dadurch gar ehest die frei gewordenen Lebensdampfgeister sich selbst, ihren früheren kalten, trägen Zustand, die sinnliche Seele nämlich und den gebrechlichen Topf erkennen, und das noch im Topfe heißperlende Lebenswasser wird mit tausend hellen Äuglein über sich die aufsteigenden Lebensgeister erschauen und erkennen, daß es nicht nur ein fauler Träger derselben war, sondern daß es mit ihnen völlig eines und dasselbe ist! Aber den Topf, verstehe Freund, den Topf werden die aufsteigenden freien Lebensgeister nicht als eins mit ihnen erkennen, sondern nur als ein leidig notwendig äußerstes Gefäß, das hernach in Scherben zerbrochen und auf die Straße geworfen wird. - Hast du nun einen Dunst davon, was ich dir eigentlich habe sagen wollen?«
11] Sagt Cyrenius: »Es ist mir wohl, als verstände ich dein Bild so ziemlich, das heißt, in der vergleichenden Anwendung auf unser inneres Seelenleben; aber was du damit etwa noch Tieferes hast aufdecken wollen, davon dürfte ich wohl lange noch keinen Dunst haben! Sollte da etwa auch schon darin erörtert sein, daß denn doch ein Gott vor allen Dingen hat sein müssen?«
12] Sagt Mathael: »Allerdings, aber davon kannst du noch keinen Dunst haben, weil du selbst noch lange nicht zu dunsten angefangen hast!«


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