Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 26

Rede über den Kampf in der Natur.

01] Sagt der Redner: »Welcher aus den vielen uns umgebenden Zusehern ist es denn, daß wir Ihm unsern Dank darbrächten? Denn sonst etwas können wir Ihm wohl in dieser unserer Lage nicht bieten!«
02] Spricht Markus: »Er hat es uns eures Heiles willen untersagt, daß wir Ihn euch nicht vor der Zeit bekanntgeben sollen, und so verschweigen wir Ihn jetzt auch noch vor euch; aber es wird schon noch heute die gute Zeit kommen, in der ihr Ihn und durch Ihn so manche eurer Irrtümer werdet frohen Herzens kennenlernen!«
03] Sagt der Redner: »Freund, mit der Fröhlichkeit unserer Herzen wird's auf dieser Erde wohl ewig seine geweisten Wege haben! Denn Seelen, wie die unsrigen, können ob der zu großen überstandenen Leiden auf dieser dummen Welt wohl nimmer fröhlich werden! Vielleicht dereinst in einem andern vollendeteren Lebensgrade; aber in diesen klein zerknitterten Leibern nimmer!«
04] Sagt nun der ganz in der Nähe stehende Cyrenius: »Seht, ich bin der Oberstatthalter Roms von ganz Asien und einem Teile Afrikas, wie auch vom Griechenlande! Ich habe euch nun kennengelernt und gefunden, daß ihr keine gemeinen Leute seid. Ich nehme euch auf in meine Pflege, und es soll euch nimmer etwas abgehen, und eine für eure Geisteskräfte angemessene Beschäftigung wird sich auch finden lassen.
05] Aber darin müßt ihr am Ende mit euch denn doch ein bißchen handeln lassen, daß ihr uns Römer nicht so mir und euch nichts für Teufel, wenn schon etwas besserer Art, ansehet und gleich, wie meinen alten, biedern Markus, als gute Teufel rufet! Wir sind ja doch ebensogut Menschen wie ihr. Da ihr, aus uns freilich noch unbekannten Gründen des göttlichen Ratschlusses in große Versuchungen geführt worden seid und dadurch auch in sicher unerhört schmerzliche Leiden, wodurch aber eure Seelen, wie es mir scheint, sehr geläutert worden sind, dafür können wohl wir für euch vermeintliche Teufel wenig oder nichts; aber uns habt ihr nun eure Heilung zu verdanken, und das besonders einem aus uns, der ein sozusagen allmächtiger Heiland ist, und sehet ihr wohl, daß wir uns durchaus nicht teuflisch gegen euch benommen haben!?
06] Darum müßt ihr, wie gesagt, darin mit eurer im Grunde des Grundes freilich nicht ganz unrichtigen Ansicht schon ein wenig handeln lassen, und es wird in aller Kürze sicher nicht fehlen, daß ihr noch ganz frohen Herzens werdet.«
07] Sagt der Redner, sich nun schon recht gestärkt vom Boden erhebend: »Freund, siehe an dieser Erde Boden; du siehst nichts als Gutes und dein Gemüt Erhebendes. Die Kräutlein und das Gras erquicken deine Augen, und der sanfte Wellengang des Meeres erheitert deine Brust; denn du siehst es nicht, wie unter all diesen Herrlichkeiten zahllose werdende Teufelchen ihre argen Tod und alles Verderben bringenden Häupter erheben und hervorschieben!
08] Du siehst wohl den schönen Wellengang des Meeres, aber die todbringenden Ungeheuer unter den schön spielenden Wellen siehst du nicht! Du siehst allenthalben ein hehres Leben walten, wir nichts als den Tod und ein unausgesetztes Verfolgen alles guten und edleren Lebens. Du siehst lauter Freundschaft, und gegen deine wenigen Feinde, die du siehst, hast du auch Macht genug, sie dir gegenüber als völlig unschädlich zu halten; wir hingegen sehen nichts als nahe pure, zum größten Teile unbesiegbare Feinde!
09] O Freund, bei solch einem alleruntrüglichsten Sehvermögen ist es wohl schwer, je heiteren Herzens zu werden! Nimm uns dieses traurige Vermögen, oder gib uns eine rechte Erklärung von allem dem, was wir sehen, und wir wollen dir gleich fröhlich und heiter werden!
10] Es kann nach undenklich langen Weltenzeiten vielleicht für eine Seele, die von Lebensgrad zu Lebensgrad sich durchgekämpft hat, wohl einmal ein besseres Los geben; aber wo steht die eherne Gewißheit davon? Welche unerhörten Kämpfe und Stürme aber wird die arme Seele noch bis dahin zu bestehen haben?! Wird sie wohl aus allem siegreich hervorgehen, oder wird sie untergehen für ewig? Welche Gewißheit hast du für alles das?
11] Siehe, wir sehen gewiß Dinge und Verhältnisse, von denen du keine Ahnung je gehabt hast; aber von irgendeiner Gewißheit über den einmal kommenden bestimmt seligen Zustand nach dem Tode des Leibes sehen wir nirgends etwas, - wohl aber ein beständiges Wachen, Sorgen und Kämpfen! Wir sagen es dir, wie wir es sehen.
12] Jedes Leben ist gleichfort ein Kampf mit dem Tode, gleichwie jede Bewegung ein fortdauernder Kampf mit der sie stets zu stören suchenden Ruhe ist. Die Ruhe selbst aber bekämpft gleichfort darum die Bewegung, weil in ihr der stete Hang zur Bewegung als kampffertig dasteht.
13] Wer wird am Ende siegen? Die Ruhe, die stets die Bewegung sucht, oder die Bewegung, die aber ebenso stets die Ruhe sucht?
14] Seit deinem uranfänglichen Lebenskeime hast du nichts als in einem fort gekämpft bis auf diesen Augenblick und wirst fürder ewig stets von neuem wieder kämpfen; und solange du kämpfen wirst, wirst du auch ein Leben haben, aber kein anderes als ein stets kämpfendes, das wohl nur mit sehr spärlichen Seligkeitsmomenten ausgerüstet sein wird! Wann aber wird in diesen ewigen Kämpfen endlich einmal eine wahre kampffreie und sonach vollsiegreiche Seligkeit zum Vorscheine kommen?
15] Es ist daher bald gesagt, heiteren Gemütes und frohen Herzens sein; aber das Seelengemüt fragt da gleich euch Römern: cur, quomodo, quando et quibus auxiliis?« (Warum, wie, wann und wodurch wird uns Hilfe?) Hast du uns wohl verstanden, so ein wenig nur?«


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