Das große Evangelium Johannes

Band 3, Kapitel 1

Niederschrift nach wörtlichem innerem Diktat an Jakob Lorber

Jesu Wiederoffenbarung seiner Lehren und Taten (02.08.1851-19.07.1864)


Das Orakel zu Delphi.

01] (Julius:) »Es hat bei den Griechen und Römern noch allzeit Männer gegeben, die, wenn sie auch keine Juden waren und auch nicht in deren Prophetenschulen gebildet worden sind, dennoch eine göttliche Inspiration (Eingebung) gehabt und sie als solche auch anerkannt haben.
02] Als einst Krösus, König der Lydier, gegen die Perser einen Krieg führen wollte, so war es ihm sicher sehr daran gelegen, im voraus zu erfahren, ob der Krieg für ihn günstig oder ungünstig ausfallen werde. Wer aber sollte ihm darüber ein Licht geben? Er dachte darum bei sich und sprach: 'Es gibt ja der Orakel in Menge; eines davon wird etwa wohl die Wahrheit sagen können! Aber wer wird es mir hernach bestimmen können, welches Orakel mir die Wahrheit gesagt hat? Ha!' dachte er bei sich weiter und sagte: 'Ich werde zuvor den Orakeln auf den Zahn fühlen, und es wird sich dann schon zeigen, welches Orakel da zu gebrauchen sein wird!
03] Er nahm darauf ein Lamm und eine Schildkröte, zerschnitt beide in kleine Stücke, tat sie zusammen in einen ehernen Topf, bedeckte solche auch mit einem ehernen Sturz und setzte dann solch Gemenge zum Feuer, daß es kochte. Zuvor aber sandte er Forscher nach Delphi (Wahrsagerstätte), nach Abä (Wahrsagerstätte) in der Phoker Land, nach dem alten Dodona (Wahrsager des Altertums), also auch zu Amphiaraos und Tophonios (Wahrsager des Altertums), am hundertsten Tage nach der Abreise von Sardis die Orakel zu befragen, womit er sich im Augenblick beschäftige; denn in dieser Zeit kochte er eben sein Lamm und seine Schildkröte auf die vorerwähnte Art und Weise.
04] Die meisten Orakel gaben so verworrene Antworten, daß daraus niemand hatte klug werden können; aber das Orakel zu Delphi sprach, wie gewöhnlich, in Hexametern (Versmaß: Sechsfüßler):
05] Sieh', ich zähle den Sand, die Entfernungen kenn' ich des Meeres, höre den Stummen sogar, und den Schweigenden selber vernehm' ich! Jetzo dringt ein Geruch in die Sinne mir, wie wenn eben mit Lammfleisch gemenget in Erz Schildkröte gekocht wird; Erz ist untergesetzt, Erz oben darüber gedecket.<
06] Nach dieser Probe befragte er das Orakel zu Delphi, ob er gegen die Perser ziehen solle, bekam aber die bekannte Antwort, daß, wenn er über den Halys ginge, ein großes Reich zerstört würde! Er fragte das Orakel zum dritten Male, ob seine Herrschaft lange bestehen werde. Und die Pythia antwortete:
07] Wird dem Meder dereinst als König gebieten ein Maultier, dann, zartfüßiger Lyder, entfleuch zu dem steinigen Hermos! Zögere nicht, noch fürchte die Schmach feigherziger Eile!'
08] Nach des Orakels eigener Auslegung, die es nach der Gefangennehmung des Krösus gab, war unter dem Maultiere Cyrus, sein Sieger, zu verstehen, weil er von einer vornehmen Mederin, einer Tochter des Astyages, und von einem persischen Vater, der jener untertan war, gezeugt war.
09] Eben dieser Krösus befragte einst auch das Orakel, ob sein Sohn, der stumm war, nicht genesen könne, und erhielt zur Antwort:
10] 'Lyder, wiewohl ein mächtiger Fürst, doch törichten Herzens, sehne dich nicht zu vernehmen in deinem Palast die erflehte Stimme des sprechenden Sohnes! Das wird traun besser dir frommen! Wiss', er redet zuerst an dem unglückseligsten Tage!'
11] Und sehet! Am Tage, als Sardis erobert ward, ging ein wütender Perser auf Krösus los, um ihn niederzustoßen. Da lösten Furcht und Angst des Sohnes Zunge, und der Sohn sprach: 'Mensch, töte Krösus nicht!' Das war des stummen Sohnes erstes Wort, und er konnte fürder immer reden sein Leben lang.
12] Seht, dies Orakel war, wie schon früher bemerkt, kein Weisheitstempel aus der jüdischen Schule der Propheten! Wer aber könnte ihm nach den angeführten wahrhaftigen Exempeln irgendeine göttliche Inspiration streitig machen?!«


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