Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 242

Erzengel Raphaels Dematerialisation und Wiedermaterialisation eines Steines.

01] Sagt die Jarah: »Ja, meine liebwerten Freunde, von dem Heilande aus Nazareth könnte ich euch tausend Jahre hindurch in einem fort die seltensten Dinge erzählen, wenn es durchgängig schon an der Zeit wäre, alles erzählen zu dürfen, was man alles gesehen und erlebt hat; aber Er hat es mir aus höchst weisen Gründen verboten, und darum darf ich nicht alles von Ihm erzählen, was ich weiß, sondern nur etwas weniges, dazu Er Selbst mir die billige Erlaubnis erteilt hat.
02] Aber ich hatte zuvor zu euch unter anderem auch gesagt, daß Ihm, dem guten Heilande aus Nazareth, auch Sonne, Mond und all die Sterne gehorchen müßten, dieweil Ihm sogar die Engel der Himmel gehorchen. Und ich bemerkte, daß darob unter euch einige lächelnd den Kopf schüttelten und dadurch gewisserart sagen wollten: >Liebes Kind, da gehst du in deiner kindlichen Einbildungskraft etwas zu weit; denn die reinen Engel der Himmel gehorchen nur Gott allein und sonst niemandem in der ganzen Unendlichkeit!< Aber ich sage es euch, daß sich hier die Sache dennoch also verhält, wie ich sie euch ganz harmlos kundgetan habe.
03] Ich hätte euch schon eher dafür den handgreiflichen Beweis geliefert, so ihr nicht gelächelt und mit dem Kopfe sehr zweifelgebend geschüttelt hättet; aber nun will ich darin euren Zweifel aufs Haupt schlagen, und ihr werdet mich darauf nicht gar so leicht wieder für eine junge verliebte Hascherin (Närrin) ansehen, die in bezug auf den Gegenstand ihres Herzens auf die gewöhnliche Weise, wie sie in der Welt gang und gäbe ist, aus einer Mücke nur gar zu gerne einen Elefanten macht. Oh, das mag wohl bei gar vielen Weltmädchen der großen Welt ungezweifelt der Fall sein; aber bei mir ist davon wahrlich auch nicht eine allerleiseste Spur anzutreffen, - wovon ich euch sogleich den lebendigsten und sicher handgreiflichsten Beweis liefern werde.
04] Da sehet hin, den Jüngling, der als zweiter zu meiner Rechten sitzt und sich soeben mit dem fest an meiner Rechten sitzenden Sohne des hohen Cyrenius bespricht, - für wen haltet ihr diesen Jüngling?«
05] Sagen die Befragten: »Nun, für einen Menschen von Fleisch und Blut gleich uns allen!«
06] Sagt die Jarah, dabei nun ein wenig lächelnd und den Kopf schüttelnd: »Weit, ja himmelweit gefehlt, meine liebwerten Freunde! Sehet, das ist ein reinster Erzengel Gottes, den mir eben der berühmte Heiland aus Nazareth aus der nahezu von allen gesehenen Unzahl von Engeln auf meine höchst eigene Wohl zu meiner Leitung, Belehrung und Führung auf eine längere Zeit gegeben hat! So ihr aber solches nicht glauben könnet auf mein Wort, so kommet nur her und überzeuget euch davon mit allen euren Sinnen; denn er wird euch zu Diensten stehen auf einige Augenblicke!«
07] Sagt der frühere Redeführer: »Ja, davon muß ich mich denn doch wohl mit Händen und Füßen zugleich überzeugen; denn sonst geht mir die Aussage des sonderbar weise redenden Mägdleins schon rein ins mehr als allertiefst Himmelblaue über!«
08] Nach diesen Worten erhebt sich der Junge Pharisäer und geht ganz ehrerbietigst zu Jarah hin und sagt: »Nun, wie wirst du mich von der Wahrheit deiner Aussage überzeugen?«
09] Sagt die Jarah: »Gehe hin zu dem Jünglinge, der den Namen Raphael führt, der wird dich davon selbst überzeugen!«
10] Der junge Pharisäer tritt darauf gleich zum Raphael hin, und Raphael erhebt sich, sieht dem jungen Pharisäer fest ins Auge und sagt: »Warum zweifelst du an dem, was dir meine Jüngerin von mir kundgegeben hat? Da, ergreife meine Hand, und sage es mir, was du dabei fühlst!«
11] Der Pharisäer tut das sogleich und sagt ganz verwundert: »Hm, merkwürdig, ich fühle eigentlich gar nichts, außer meine höchst eigene, ganz fest geschlossene Hand, in der nun nicht einmal eine Mücke, geschweige deine volle Hand Platz hätte! Kurz, ich greife dich durch und durch und ersehe daraus, daß du wahrlich nicht wie unsereins aus Fleisch und Blut bestehst.«
12] Spricht Raphael: »Hebe einen Stein, der zu deinen Füßen liegt, auf und reiche mir ihn dann!«
13] Der Junge hebt einen Stein auf, der ganz gut seine dreißig Pfund wog, sagte aber dabei bemerkend: »Geistig Wesen, wenn meine Hand die deinige durch und durch greift, so wird dieser schwere Stein am Ende wohl auch durch deine Hände fallen, wie durch die nichtige Luft; denn der Stein wiegt wenigstens dreißig Pfund, und wenn er mir am Ende durch deine Hände auf meine Füße fällt, so zerquetscht er mir dieselben!«
14] Sagt Raphael: »Wenn dies geschieht, so heile ich sie dir im schnellsten Augenblick darauf. Darum gib du den Stein nur ganz sorglos in meine Hände!«
15] Darauf gibt der junge Pharisäer den Stein in die Hände des Raphael.«
16] Als Raphael den schweren Stein zum Erstaunen des Pharisäers in seinen Händen so spielend leicht hält, als hätte er das Gewicht von einem Federflaume, und denselben auch von einer Hand in die andere mit einer so erstaunenswerten Leichtigkeit herumwirft, als wäre er ein leichtester Flaumenball, da sagte der Junge Pharisäer: »Höre, du lieblichster Geist oder sonsten was, mit dir sich in einen Kampf einzulassen, wäre nicht gut; da würde man sicher ganz entsetzlich den kürzeren ziehen! - Wo aber nimmst du diese ungeheure Kraft her?«
17] Sagt Raphael: »Siehe, das ist aber ja alles noch nichts; ich werde nun vor deinen Augen diesen sehr harten Kiesstein auch zum feinsten Staube zerquetschen!« - Hier zerdrückt Raphael im Augenblick den Stein zu sichtlichem Staube, so daß sich auf dem Tische vor dem Raphael nun ein ganzer Haufe weißen, feinsten Staubes befand.
18] Als der junge Pharisäer dies zweite Manöver sah, bog er sich vor Erstaunen, und es eilten auch seine Kollegen hinzu, um dies Wunder mehr in der Nähe ansehen zu können.
19] Darauf sagt der Engel: »Es ist für einen, dem die Kraft eigen ist, eben nicht so schwer, einen solchen Stein zu Staub zu zermalmen, als den Staub dann wieder zu seiner früheren Festigkeit und in seine frühere Form zusammenzudrücken. Denn zermalmen kann jeder Mensch so einen Stein, wenn schon gerade nicht mit den Händen, gleich mir, so aber doch mittels sehr harter, eherner Schlägel. Aber das nachherige Zusammenpressen des Steinstaubes wird wohl kaum einem Menschen möglich sein, - besonders in die frühere Form. Auf daß du aber siehst, daß mir auch das möglich ist, so gib nun acht und siehe, ob du es mir nachmachen wirst!«
20] Hier schob Raphael den Steinstaub auf dem Tische zusammen, und in einem Augenblick ward der Stein wieder in seiner früheren Form und Schwere auf dem Tische vor dem Engel.
21] Bei diesem Manöver gehen dem Jungen Pharisäer samt allen seinen Kollegen vor lauter Staunen die Augen über, so daß er nun nicht imstande ist, ein gesundes Wort über seine Lippen zu bringen.
22] Aber der Engel sagt zu ihm: »Sieh, das ist aber alles noch nichts! Gib nun acht, ich werde diesen Stein sogar bloß durch meinen Willen im Augenblick völlig zunichte machen!« - Darauf spricht der Engel zum Steine: »Löse dich in den entsprechenden Äther auf und werde flüchtig, gleich dem feinsten Äther!« - Auf diese herrschenden Worte war im Augenblick der Stein völlig unsichtbar geworden, und kein Mensch sah irgendwo mehr etwas vom Steine. - Da fragte der Engel den jungen Pharisäer: »Nun, wie gefällt dir das, mein Freund? Könntest du mir das wohl nachmachen?«
23] Sagt der junge Pharisäer: »Höre, du lieber Engelsgeist oder was du noch irgend bist, das ist etwas Unerhörtes! Nun glaube ich für meinen Teil vollkommen, daß du ein Engel Gottes bist. Nur begreife ich das eine nicht, wie du nämlich einem Menschen dieser Erde bei deiner, man kann es sagen, allmächtigen Kraft untertan sein kannst! Denn solches sagte auch dies Mädchen aus von dem bewußten Heilande aus Nazareth, und ich muß es ihr nun glauben, will ich's oder will ich's nicht.
24] Gibt es denn im Ernste ein Mittel auf dieser Erde, durch das man sich euch untertan machen kann? Wie ist jener Mensch dazu gekommen? Wir wissen aus der Schrift wohl auch Beispiele, wo Engel den Menschen auf Gottes Geheiß gedient haben; aber daß und wie du dich nun unter den sterblichen Menschen befindest, davon hat die Schrift wahrlich kein Beispiel aufzuweisen! Nein, nein, Freunde, da geht es auf keinen Fall so ganz geheuer zu! Du kannst zwar wohl ein Engel Gottes sein, aber auch ebensoleicht jemand ganz anders, wo man sagt: >Jehova, steh uns bei!< - Es ist nun Nacht, ja gar Mitternacht auch noch dazu, und da gesellen sich gerne die >Johova-steh-uns-bei< zu den Menschen. Du scheinst mir zwar für einen gewissen >Jehova-steh-uns-bei< viel zu schön, sanft, gut und weise zu sein; aber es sei auf das nicht immer viel zu geben!? Solltest du aber doch so etwas vom >Jehova-steh-uns-bei< zu sein die verfl- Ehre haben, dann schaffen (halten) wir von der Bekanntschaft mit dem merkwürdigen >Heilande< aus Nazareth eben nicht gar viel; denn das Pröbchen mit dem Steine hat mich nun auf ganz sonderbare Gedanken gebracht, - Jehova steh uns bei! Man sagt nicht umsonst, daß der Satan auch die Lichtgestalt der Himmel annehmen kann, wann er will! Und wärest du so etwas von einem >Jehova-steh-uns-bei<, dann möchten wir wohl lieber fliegen als gehen von hier; denn es möchte hier für uns fürderhin eben nicht geheuer sein!«
25] Auf diese Worte des jungen Pharisäers wollen nun alle die Flucht ergreifen; aber Cyrenius hindert sie daran und bescheidet sie wieder an ihre alten Plätze. Sie nehmen nun wohl wieder Platz, sitzen aber nun auf ihren Bänken, wie wenn diese mit lauter Nadeln besteckt wären.«


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