Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 235

Markus rettet schiffbrüchige Pharisäer und Leviten.

01] Als Markus in wenigen Augenblicken an das dem Untersinken schon sehr nahe gekommene Boot kam, hieß er die Unglücksbedrohten schnell in sein Boot übersteigen, nahm das morsche Sibaraber Boot ins Schlepptau und erreichte sogestaltig bald das Ufer. Der Geretteten aber waren bei dreißig an der Zahl.
02] Als sie gerettet im Trockenen waren, so fragten die Leviten denn auch gleich, welchen Lohn der Lotse für seine Mühe verlange, da sie erkannten, daß er ein alter Römer sei. Einen Juden hätten sie sicher nicht gefragt; denn der hätte sich es noch für eine große Gnade halten müssen, daß ihn Jehova dadurch würdigte, daß Er durch ihn Seine Diener von einer Gefahr habe erretten lassen. Denn Jehova würde solches dann und wann bloß nur der Menschen willen zulassen, damit sie dadurch eine Gelegenheit bekämen, ihre Festigkeit im Glauben und ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an den Tempel zu zeigen, der da sei eine alleinige rechte Gotteswohnung auf Erden, wie sonst keine in Ewigkeit.
03] Aber Markus sagte: »Wenn ich auch ein alter Römer bin, so kenne ich dennoch den wahren Gott besser, denn ihr alle Ihn kennt; denn«, sagte er weiter zu den Geretteten, »kennetet ihr Gott, fürwahr, ihr wäret weder Leviten noch Pharisäer, sondern ihr wäret Menschen! Aber weil ihr eben Den nicht im geringsten kennet, dessen Diener ihr euch zu sein dünket, so sage ich es euch: Verflucht sei der, der seinem Bruder in der Not half und darum einen Lohn verlangt! Denn Gott läßt nie eine gute Tat, die wir in Seinem Namen ausgeübt haben, unbelohnt. Belohnt uns aber Gott, der allein jeden Menschen wahrhaft belohnen kann, wie und weshalb sollten wir da dann noch von uns gegenseitig einen Lohn verlangen? Ihr aber seid darum allesamt schlechte Diener Gottes; denn ihr saget es, daß ihr Gott dienet, nehmet aber dafür von den armen Menschen einen oft unerschwingbaren Lohn.
04] Darum lernet es nun von mir, einem ergrauten Krieger des mächtigen Roms, wie man dem wahren und ewig lebendigen und allmächtigen Gott zu dienen hat, so man von Ihm angesehen und belohnt werden will!
05] Darum nehme ich auch nie einen Lohn von einem Menschen, dem ich in einer Bedrängnis Hilfe geleistet habe. Habe ich aber für mich und mein Haus gearbeitet, so nehme ich auch den geziemenden Lohn für meine Mühe und lasse mir meine Fische, die ich zu Markte bringe, nach Recht und Billigkeit bezahlen. Wollet ihr aber hier etwas zum Essen und Trinken haben, so werde ich mir solches von euch wohl nach Recht und Billigkeit bezahlen lassen.«
06] Sagen die Geretteten: »Wahrlich, aus deiner Rede gehet hervor, daß du ein Jude und kein Heide bist; denn so wahrheitstüchtig haben wir noch nie irgendeinen Heiden reden hören. Oh, wir werden dir darum ewig keinen Gram bezeigen. Wir sind auch nicht gar so stockfest mit all dem einverstanden, was du mit Recht an uns tadelst und verwirfst; aber wir sind denn nun einmal schon in dem Strome und müssen wenigstens im Angesichte des Tempels mit demselben schwimmen. Hätten wir irgend andere Aussichten, so kehrete kein Mensch dem Tempel eher den Rücken als wir; denn wir glauben, daß Gott nirgends weniger ist als in unserem Tempel. Aber was wollen wir und was können wir dagegen tun! Oh, wir sehen es so gut wie du nur zu gut ein, daß der Tempel zu Jerusalem nunmehr nichts anderes ist als eine großartige Betrugsanstalt, hinter der kaum mehr eine wahre Silbe, geschweige irgendein wahres Wort mehr besteht; aber diese Anstalt ist nun von der großen Macht Roms sanktioniert, und da läßt sich dann nichts mehr dagegen tun.
07] Gibt es noch irgendeinen wahren und allmächtigen Gott, so wird Er solch einem Unfuge wohl ohnehin bald ein glorreiches Ende machen; gibt es aber keinen wahren Gott, und ist alles, was wir kennen und wissen, nichts weiter als eine pure alte Dichtung und Fabel, nun, so dichten und fabeln wir denn auch mit, und die Welt, die ohnehin den Betrug lieber hat als die Wahrheit, ist damit vollkommen zufrieden, und wir können da weder von uns noch von der blinden Welt unmöglich mehr verlangen.«
08] Sagt Markus: »Ihr seid wohl schöne Helden und schöne Menschen! Epikur ist euer Lehrer, wenn auch nicht in der Person, weil er schon hübsch lange das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat; aber desto mehr faktisch nach seiner Freßphilosophie. Saget darum, ob ihr etwas essen und trinken wollt, und es soll eurem Wünsche gewillfahrt werden!«
09] Fragt einer: »Was hast du denn dort neben deiner Behausung noch für wache Gäste? Denn es dürfte nun wohl schon um die Mitternachtsstunde sein - und noch so viele Gäste vor deinem Hause? Sind das vielleicht auch Gerettete? Denn das Meer geht heute sehr hoch ohne irgendeinen besonderen Wind.«
10] Sagt Markus: »Jene Gäste gehen euch wenig an und sind zu hohe römische Herrlichkeiten, als daß ihr euch zu ihnen hinwagen dürftet. Kurz, euer Charakter steht zu tief unter dem jener Gäste. Unter anderen ist auch der Hauptmann Julius von Genezareth dort anwesend, so ihr etwa mit ihm etwas zu reden habt, so kann ich ihn zu euch hierher bescheiden.«
11] Als die jungen Leviten und Pharisäer den Namen hörten, erschraken sie gewaltigst und baten den Markus, daß er sie nur mit diesem verschonen möchte; denn der sei kein Mensch, sondern ein unerbittlichster Teufel. Denn es waren hier etliche darunter, denen der Julius erst vor etlichen Tagen in Genezareth mit Lehm Augen und Ohren hatte verstopfen und sie dann unter militärischer Begleitung gen Kapernaum hatte befördern lassen. Sie überkam darum auch ein so gewaltiger Schreck, weil sie dachten, Julius werde ihnen solches wieder antun.
12] Aber Markus sagte zu ihnen: »Hier habt ihr nichts zu befürchten außer eine Revision der Wanderscheine, auf die bekanntermaßen die Römer überhaupt sehr strenge sind.«
13] Sagte einer aus der Zahl der Leviten: »Da ist eigentlich für uns der Stein des Anstoßes. Der Tempel will sich dieser römischen Anordnung noch immer nicht fügen, und wir unteren Diener des Tempels kommen darum in tausenderlei Verlegenheiten, die uns dann kein Mensch mehr vergütet, der Tempel nicht und jemand anders auch nicht, und doch müssen wir, vom Tempel aus bemüßigt, allerlei Bereisungen machen von einem Weltende zum andern; und leiden wir irgend Schaden, so wird er uns von keiner Seite her vergütet.
14] Wohl sind wir Kinder reicher Eltern, ansonst uns der Tempel sicher nicht in seine Dienste gelockt hätte. Nun aber sind wir schon einmal verdammt in die Gesetze der Mauern und können uns daraus nicht mehr losmachen. Die Folge davon ist, daß wir nun die eigentlichen Sündenböcke für die ganze Welt abgeben müssen. Wir sind nun einmal im Joche der wahren Weltverdammnis. Mache uns davon los, wenn du solches vermagst! Auf der einen Seite unsere zelotischen (glaubenseifrigen) Eltern und Verwandten, auf der andern Seite das eiserne Muß des Tempels. Da bewege sich einer frei, der da mag und will, wir aber können es nicht!«
15] Sagt Markus: »Wißt ihr was? Nach euren Worten taugt ihr doch nahehin für die Gesellschaft dort vor meinem Hause. Kommet nun mit mir, und ich werde ein gut Wörtlein für euch einlegen! Vielleicht rette ich euch doch aus dem Rachen des Tempels, der nach eurer Aussage gar so 'menschenfreundlich' um euch, seine Diener, besorgt ist.«
16] Sagen die Geretteten: »Wäre alles wohl schön und recht, wenn der Julius nicht anwesend wäre; denn wir haben keine Wanderscheine.«
17] Sagt Markus: »Nun, so wird er euch welche verschaffen.«
18] Sagen die Geretteten: »Das sicher; aber was für welche!«
19] Sagt Markus: »Kommt und folget mir! Die Wanderscheine werden besser ausfallen, als ihr meint; denn der Julius ist, wie ich, ein Freund von offenen Gemütern.«
20] Auf dieses Zureden von seiten des alten Markus und seiner beiden Söhne lassen sich endlich die Geretteten doch bewegen mitzugehen, und Markus führt sie etwas weilenden Schrittes recht frohen Mutes zu uns.


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