Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 230

Die Belehrung Luzifers und der Urgeister vor ihrem Fall.

01] Sagt Cyrenius: »Ich habe nun wohl so einen Dunst bekommen, und es kommt mir vor, als verstünde ich so etwas davon, aber von einer gewissen Klarheit ist da noch lange keine Rede. Die Sache scheint in eine solche geistige Subtilität übergehen zu wollen, mit deren Klarheit es ein ganz anderes Einsehen hat, als wie man ungefähr einsehen kann, daß zwei Birnen und abermals zwei Birnen zusammen vier Birnen ausmachen. Es ist bei mir in dieser Hinsicht von einer klaren Einsicht noch lange keine Rede: denn die Abwägung der Kräfte untereinander ist also gestaltig subtil, daß sie in einem Wesen wie ich schwer in ein geordnetes gutes Verhältnis treten können und untereinander in ein und demselben Wesen sich also verhalten, daß daraus ein vollkommen gottähnliches Wesen wird in allem Tun und Lassen.
02] Das, bin ich der Meinung, kann denn doch ein neugeschaffenes Wesen, wie wir alle ein ähnliches sind, in sich und aus sich selbst unmöglich je vollkommen zustande bringen, und es kann sonach ja auch nicht gewisserart ganz allein die Schuld tragen, ob es sich ganz in der guten Ordnung oder teilweise, wo nicht ganz, wider die gute Ordnung ausgebildet hat; denn wer könnte einem Menschen die volle Schuld seiner Roheit beimessen, so er von der Geburt an nie die volle Gelegenheit hatte, sich in den feinen Sitten, wie sie unter wohlgebildeten Menschen gang und gäbe sind, auszubilden?
03] Wie aber läßt es sich denken, daß die primitiven Geistwesen, die sich erst als Urgedanken und Urideen Gottes zu einem Sein ergriffen haben, auch schon jene Einsicht hätten haben können, mit deren Hilfe sie sich nach der Ordnung des Schöpfers alsbald hätten ausbilden können? Das gewisserart persönliche Urwesen Satans konnte unmöglich die Einsicht eines Michael haben, sonst müßte es sich ja gleich dem Michael ausgebildet haben. Kurz, Herr, da bin ich noch sehr in einem Schwanken zwischen Licht und Finsternis und weiß es nicht, wie ich da so ganz eigentlich das Licht recht fassen soll! Wo ich mich demselben zu sehr nahe, da kommt es mir vor, als finge es wie eine Flamme mich zu brennen an; und entferne ich mich vom selben, nun, so wird's dann wieder finster, und ich stehe wieder an dem Flecke, von dem ich ausgegangen bin.
04] Daher wird es wenigstens für mich wohl noch nötig sein, in der behandelten Sache so noch ein wenig mehr in die Lampe meines Verstandes zu geben, auf daß mir diese Sache, wenn auch nur ein wenig, heller wird. Denn jetzt komme ich mir vor wie ein Halbschlafender am Morgen. Anderseits drückt die Augen noch der lichtlose Schlaf, anderseits aber bearbeitet daneben des Tages Helle die noch schlaflüsternen Augen also, daß sie sich nimmer vollends dem Schlafe ergeben können. Darum wecke Du, o Herr, nun schon lieber ganz meine Augen, sonst kann es mir leicht noch geschehen, daß ich bei all dieser Morgenhelle ganz gut noch einmal einschlafe in der vollen Erkenntnis der göttlichen Ordnung in aller Weisheit und Liebe!«
05] Sage Ich: »Ja, liebster Freund, Ich habe es dir aber ja eben zum voraus gesagt, daß sich diese Dinge schwer werden in der Fülle fassen lassen! Aber weil denn dir schon gar so darum zu tun ist, etwas tiefer in dieser Sache eine rechte Einsicht zu besitzen, so will Ich gleichwohl es versuchen, durch Bilder und Gleichnisse dir ein etwas helleres Licht zu verschaffen.
06] Nur damit bist du aber vollkommen auf einem Sandwege, wenn du meinst, Gott habe den geschaffenen Wesen eher die eigene Selbstbildung überlassen, als bevor sie die Fähigkeit besaßen, die göttliche Ordnung in sich vollends zu erkennen und in aller Tiefe zu erfassen. Da ging viel Unterricht voran, und es vergingen lange Zeiträume zwischen dem ersten Werden der erstgeschaffenen Ordnung in den ersten Wesen und der Periode, in der dann solche Geister ihrer selbsttätigen Bildung anheimgestellt worden!
07] Denke dir den Zeitraum zwischen Adam und dir, und siehe, diese ganze, schon ziemlich lange währende Zeit ist bis zur Stunde noch mit lauter Unterricht von allen Seiten her ausgefüllt worden!
08] Und nun nach so langer Vorbereitung bin erst endlich Ich Selbst da und zeigen den Menschen klar die Wege, die sie zu gehen haben aus ihrer höchst eigenen inneren Kraft, die bisher die möglichste Bildung für das Pro und Kontra (das Für und Wider) erhalten hatte. Mit diesem Meinem Hiersein wird dem Menschen erst die vollste Freitätigkeit zu seiner Lebensvollendung gegeben und mit ihr ein neues Gesetz der Liebe, das im rechten göttlichen Vollmaße alle andern Gesetze und alle Weisheit aus Gott in sich faßt.
09] Wird ein Mensch von nun an nach diesem neuen Gesetze leben, so wird er sein Leben auch unfehlbar völlig nach der göttlichen Ordnung ausbilden und darauf alsogleich in die Fülle des wahren und freiesten ewigen Lebens eingehen können. Wird er aber solch ein neues Lebensgesetz nicht annehmen und sein Tun danach nicht wie aus sich selbst herausgehend einrichten, so wird er auch sicher den Zweck der wahren Lebensvollendung nicht erreichen.
10] Niemand aber wird dann sagen können: 'Ich habe es nicht gewußt, was ich hätte tun sollen!' Und würde ein Mensch, auch noch so weit von hier entfernt, dennoch sagen: 'Bis zu meinen Ohren ist der Gottesruf nicht gedrungen!', so wird ihm erwidert werden: 'Von dieser Stunde an gibt es keinen Menschen auf der ganzen Erde, der es nicht in sein Herz überkommen hätte, was da ist unter den Menschen vollends des Rechten.'
11] Einem jeden wird eine warnende Stimme in sein Herz gelegt werden, die ihm zeigen wird, was da gut und allein wahr ist. Wer diese Stimme hören und sich danach halten wird, der wird zum größeren Lichte gelangen, und dieses wird ihm alle Pfade der göttlichen Ordnung erleuchten.«


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