Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 228

Wesen und Bedeutung von Kraft und Gegenkraft.

01] Sagt der nun ganz glückliche Cyrenius: »Herr, Du siehst es ja klarst in meinem Herzen und durchschauest ebenso klar meinen Gehirnkasten, auf daß Du daraus sicher am besten ersehen kannst, ob ich die Sache ganz oder nur halb begriffen habe! Ich meine es wenigstens, so wie ich es fühle, daß mir nun die Sache klar ist wie die Sonne am hellen Tage. Aber es können dahinter noch immer Tiefen der Tiefen stecken, von denen bis jetzt vielleicht noch nie selbst dem vollkommensten Engelsgeiste etwas in den Sinn gekommen ist. Allein, ich bin mit dem, was ich nun weiß, vollkommen zufrieden und werde an dem zeit meines Lebens in Vollgenüge zu kauen haben; denn das alles geht über den höchsten Horizont des menschlichen Wissens und Erkennens ja schon ohnehin endlos weit hinaus!
02] Nur ein Wesen wird als sicher bestehend mir noch zu einem Rätsel, und das ist der Satan und sein Teufelskollegium. Nur darüber, Herr, noch ein erläuternd Wörtlein, und meine Seele ist dann gesättigt bis zum Tode meines Leibes! Denn damit bin ich noch sehr im unklaren. Was und wer ist der Satan, und was und wer sind dessen Helfershelfer, die man >Teufel< nennt?«
03] Sage Ich: »Auch das ist für deine Begriffsfähigkeit etwas zu früh, um diese Sache im Grunde des Grundes einzusehen. Um dir und euch allen aber auch in diesem Punkte ein mäßig Lichtlein zu verschaffen, will Ich euch gleichwohl auch davon eine kleine Kunde zum besten eures Verstandes geben. Und so höret Mich denn!
04] Sehet, alles, was da ist, besteht und irgendein Dasein hat, kann nicht anders bestehen, sein und irgendein Dasein haben, als durch einen gewissen beständigen Kampf.
05] Ein jedes Dasein, das göttliche nicht ausgenommen, hat in sich lauter Gegensätze, als verneinende und bejahende, die sich einander stets also entgegenstehen wie Kälte und Wärme, Finsternis und Licht, hart und sanft, bitter und süß, schwer und leicht, eng und weit, breit und schmal, hoch und nieder, Haß und Liebe, böse und gut, falsch und wahr, und Lüge und Wahrheit.
06] Keine Kraft kann irgend etwas wirken, wenn sich ihr nicht eine Gegenkraft entgegenstellt.
07] Stellet euch einen tausendfach goliathstarken Menschen vor, dessen Kraft es sicher mit einem ganzen Heere von Kriegern aufnähme! Wozu aber würde ihm alle seine Kraft und Stärke dienen, so man ihn stellete gleich den Wolken in den freien Luftraum? Sehet, ein leisestes Lüftlein, das auf dem Boden hier kaum ein Blättchen in Bewegung setzt, würde ihn trotz aller seiner Kraft und Stärke dennoch unaufhaltsam fortschieben nach der Richtung, in der das Lüftchen den Zug hat!
08] Damit aber der Riese von seiner Kraft einen wirksamen Gebrauch machen kann, muß er fürs erste einen festen Boden haben, der ihn trägt und ihm zu einer festen Stütze dient. Der Boden ist also schon ein Gegensatz zu unserem Riesen; denn dem Riesen ist zur Ausübung seiner Kraft die freie Bewegung nötig, daneben auch ein fester Stillstand der Unterlage, wo er sich mit der festen Ruhe der Unterlage oder des Bodens in Verbindung setzt und dann mit der mit ihm vereinten Ruhkraft des Bodens, auf dem er steht, jeder ihn anstürmenden Bewegung Trotz bietet. So kann der Riese von seiner Kraft erst den rechten Gebrauch machen. Ist der Boden ein Fels, so wird keine stürmische Bewegung gegen solch eine feste Ruhe etwas ausrichten, außer sie wäre in eben dem oder einem höhern Grade heftig, als wie konzentriert an und für sich in einem Felsen die Ruhe selbst es ist. Ist der Boden aber weich und somit weniger im Gegensatze mit der sturmähnlichen Bewegungsfähigkeit des Riesen, so wird fürs zweite die Kraft des Riesen in dem ihm entgegenstehenden Boden zu wenig Widerstand finden, und er wird dann einer viel kleineren ihn bedrängenden Kraft kaum trotzen können.
09] Stellet euch zum Überflusse des Verständnisses noch vor, daß dieser Riese zum Beispiel die hinreichende Kraft hat, um auf einem festen Boden ein Gewicht von tausend Menschen in die Höhe zu heben! Setzen wir ihn aber auf einen Sumpfboden, der kaum so viel Festigkeit hat, um das Gewicht des Riesen mit der genauesten Not zu tragen! Lassen wir auf solch einem Boden den Riesen ein Gewicht von nur hundert oder gar nur zehn Menschen heben, und er wird es sicher nicht vom Boden bringen; denn im Momente, als er das Gewicht zu bewältigen anfangen wird, wird er in den weichen Boden einzusinken anfangen, und alle seine Kraft wird eine vergebliche sein, weil er unter sich keine entsprechende Gegenkraft hat.
10] Es kann daher keine Kraft für sich etwas wirken, wenn sie sich zuvor nicht mit einer entsprechenden Gegenkraft in eine gewisserart kämpfende Verbindung setzt. Bei unserem Riesen kämpft offenbar die feste Ruhe des Bodens gegen sein Gewicht und gegen seine Bewegung und besiegt diese auch bis zu einem gewissen Grade; und ebendieser Ruhesieg des Bodens wird endlich zur Stütze der bewegenden Kraft und der Maßstab ihrer Stärke.«


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