Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 218

Ernährung von Seele und Leib.

01] Sagt Cyrenius: »Herr, vergib, hier muß ich eine Zwischenfrage tun! Was geschieht denn mit dem Keimchen des Weizenkornes, so es zermalmt, zu Mehl gemacht, endlich als Brot gebacken und gegessen wird? Lebt auch in diesen Stadien der Lebenskeim noch immer fort?«
02] Sage Ich: »Allerdings; denn wenn du das Brot issest, so wird das materielle Mehl bald wieder durch den natürlichen Gang aus dem Leibe geschafft, das Keimleben aber geht dann als Geistiges sofort in das Leben der Seele über und wird nach entsprechender Beschaffenheit eins mit ihr. Das mehr Materielle des Lebenskeimes aber, das ihm immer, wie das mosaische Wasser dem Geiste Gottes, zur soliden Unterlage diente, wird Nahrung des Leibes und geht endlich als gehörig geläutert auch in die Seele über und dient ihr zur Bildung und Ernährung der seelischen Organe als ihrer Glieder, ihrer Haare usw, und überhaupt zur Bildung und Ernährung alles dessen, was du vom Alpha bis zum Omega an einem menschlichen Leibe findest.
03] Daß aber eine Seele aus allen den gleichen Teilen wie der Leib besteht, davon kannst du dich an dem Engel Raphael, der an unserem Tische sitzt und sich nun mit dem Josoe unterhält, mehr als handgreiflich überzeugen. (Mich zum Engel wendend:) Raphael, komm hierher, und laß dich befühlen von Cyrenius!«
04] Der Engel kommt, und Cyrenius betastet ihn und sagt: »Ja, ja, das ist alles Natur und sozusagen im Ernste Materie! Er hat wahrlich ebenso wie wir alle Glieder und dieselbe Form wie unsereins, nur ist alles edler, weicher und um sehr vieles schöner; denn die Anmut seines Gesichtes ist, man kann es sagen, unübertrefflich strahlend schön! Es ist zwar durchaus kein Mädchengesicht, sondern ein männliches, mit allem Ernste gegeben, aber dabei dennoch schöner als das schönste Mädchengesicht! Ich habe mich früher wahrlich viel zuwenig bekümmert um diesen Gesellschafter. Er wird ordentlich immer schöner, je länger ich ihn betrachte. Mein Himmel, das ist wahrlich sonderbar! (Zum Engel sagend:) Höre, du herrlich schönster Engel, fühlst du auch Liebe in deiner schönsten Brust?«
05] Spricht der Engel: »O sicher; denn mein geistiger Leib ist gleich der göttlichen Weisheit, und mein Leben ist die ewige Liebe Gottes des Herrn. Und weil mein Leben pur Liebe ist, so muß ich ja doch auch die Liebe fühlen, da mein Leben selbst nichts als die purste Liebe ist.
06] Wie konntest du als ein sonst so weiser Mann mich doch um so etwas fragen? Sieh, was Gott der Herr von Ewigkeit in Sich Selbst war, ist und bleiben wird ewig, das müssen ja auch wir sein, weil wir vollkommen aus Ihm und somit auch völlig in allem Sein Wesen sind, gleichwie der Strahl der Sonne auch vollends das ist und wirket, als was die Sonne selbst ist! Wenn aber also, wie dann solch eine Frage?!«
07] Sagt Cyrenius: »Ja, ja, das ist schon ganz wahr und richtig, und ich hätte das auch ohne deine Erklärung gewußt; aber ich mußte dich ja doch um etwas fragen, auf daß ich den Ton deiner Rede zu hören bekam. Nun aber sind wir auch schon fertig miteinander, und du kannst dich wieder auf deinen Platz begeben!«
08] Sagt der Engel: »Das hast nicht du, sondern allein der Herr mir zu gebieten!«
09] Sagt Cyrenius: »Freund, wie es mir vorkommt, so bist du bei deiner Schönheit, Weisheit und Liebe aber dennoch so hübsch fest im trotzigen Eigensinne!?«
10] Sagt der Engel: »O mitnichten! Aber von den Sterblichen kann und darf mir keine Vorschrift gegeben werden; denn bei mir selbst bin ich ein Herr und lasse mir von niemand etwas vorschreiben, weil mein Ich nun, abgesehen, daß ich völlig in allem aus Gott bin, ein vollkommen selbständiges Ich ist! Zudem brauche ich mich nicht wie die Menschen dieser Welt vor etwas zu fürchten; denn dazu habe ich eine Macht und Kraft, von der dir noch nie etwas geträumt hat. Willst du aber diese näher kennenlernen, so frage du den Hauptmann Julius und meine Jüngerin Jarah und auch die Jünger des Herrn; diese werden dir davon schon etwas zu erzählen verstehen!«
11] Sagt Cyrenius: »Herr, sage Du ihm, daß er sich wieder auf seinen Platz begeben möchte, sonst fange ich an, mich im Ernste ganz entsetzlich vor ihm zu fürchten; denn mit dem möchte ich wahrlich keine Kirschen verzehren! Er wird stets gröber und hitziger, und es ist mit ihm bei all seiner Schönheit nichts zu machen.«
12] Sage Ich zum Engel: »Nun, so begib dich denn wieder auf deinen Platz!« - Und der Engel folgt augenblicklich Meinem Wink und begibt sich wieder an seinen alten Platz. Und Cyrenius ist sehr froh darüber; denn er hat vor dem Engel schon in allem Ernste sich sehr zu fürchten angefangen.
13] Gleich darauf aber fragen Mich Johannes und Matthäus, ob sie das alles aufzeichnen sollen.
14] Sage Ich: »Das könnt ihr tun für euch, aber fürs Volk braucht ihr das nicht aufzuzeichnen; denn das ist noch um zweitausend Jahre zu jung, um das zu fassen. Den Schweinen aber soll man die Perlen nimmer vorwerfen, weil sie solche Kost von der schlechtesten Schweinekost gar nie zu unterscheiden vermögen. Aber für euch und für wenige andere könnet ihr das ja immerhin aufzeichnen.«
15] Und die beiden Jünger tun das auch mit entsprechenden Bildzeichen zum Unterschiede dessen, was sie auf Mein Geheiß mit den ordentlichen hebräischen Buchstaben niedergeschrieben haben.


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