Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 211

Grundbedürfnisse des Menschen. Soziale Rede des Cyrenius.

01] Sagt Cyrenius: »Ja, Herr und Meister! Aber es ist dies für mich fürwahr eine total neue Lehre, von der vor Dir wohl niemand etwas geträumt hat! Das ist aber nun klar, daß Du und sonst niemand vom Alpha bis zum Omega den Menschen und alle Welten mußt erschaffen haben; denn ohne selbst Schöpfer des Menschen zu sein, kann man das nie wissen, außer auf die Art, wie wir nun von Dir.
02] Erfahrungen aller Zeiten zeigen, daß es also ist und nie anders sein kann, als wie Du es uns nun erklärt hast; jedoch kein Weiser, wenn er auch das Übel der Menschheit nur oft zu sehr wahrnahm, wußte von der Wurzel desselben irgend etwas zu sagen. Woher hätte er aber das auch nehmen sollen? Denn dazu wird eine totalste Kenntnis der Menschennatur von ihrer urgeistigsten bis zu ihrer materiellsten Sphäre hin erfordert.
03] Wer aber kann sich irgend diese Kenntnis verschaffen? Wer kennt des Menschen Leib von Fiber zu Fiber, von Faser zu Faser usw.? Wer hat je irgendeine Seele frei umherwandeln gesehen? Man weiß es kaum, ob sie eine, und welche Form sie hat, ob sie groß oder klein ist; kurz, man ist da in der vollsten Unkunde. Wenn aber das, woher soll man dann die Kenntnis nehmen über die sonderbare Natur des Menschen?
04] Und doch muß es Mittel und Wege geben, durch die der Mensch sich selbst näher kennenlernen muß; denn wenn der Mensch sich selbst nicht erforschen kann, um zu sehen, was er ist, wozu, und was er seiner Natur und Bestimmung nach zu tun hat, um den Zweck zu erreichen, für den er vom Schöpfer aus bestimmt ist, so nützen ihm alle Lehren und alle Gesetze nichts! Seine Seele, wie man es an zahllos vielen Menschen nur zu klar ersieht, wird sich stets mehr und mehr in ihre Hülle versenken zufolge des leider schmerzlich fühlbaren vielfachen Bedürfnisses des Leibes; denn der Hunger schmerzt, der Durst brennt, die Kälte schmerzt auch, wogegen ein gutes leibliches Versorgtsein dem viel begehrenden Leibe nicht nur das Notwendige, sondern eine wahre luxuriöse Seligkeit bietet!
05] Der tierische Teil des Menschen stellt seine Forderungen auch stets so entschieden und schreiend auf, daß dagegen die stillen (Forderungen) der Seele überhört werden müssen. Wenn aber das, wen kann es da noch wundernehmen, so hunderttausendmal Hunderttausende von dem Wesen ihrer Seele kaum irgendeine Ahnung haben? Denn da hatte sich schon von der Kindheit an ihre Seele so sehr mit ihrem Leibe verbunden, daß sie mit ihm vollends eins ist und daher in sich auch kein anderes Bedürfnis erkennt als das leidige des Leibes nur.
06] Ja, man muß sogar sagen, daß eben bei Menschen, die leiblich zu elend und schlecht versorgt sind, sich auch stets nicht die geringste Spur von irgendeinem geistigen Bedürfnisse verspüren läßt. Wir haben im mitternächtlichen Teile von Europa Völkerschaften, bei denen aber auch nicht die leiseste Spur von einer geistigen Bildung zu entdecken ist.
07] Aber was ist der Grund davon? Die totalste leibliche Unversorgtheit! So ein Mensch geht, mit Keulen bewaffnet, oft Tag und Nacht in den dichten Wäldern herum und sucht sich irgendein Wild zu erlegen. Hat er es erlegt, da verzehrt er es auch heißhungrig, wie man zu sagen pflegt, beinahe mit Haut und Haaren. Frage: Wo sollte, wo könnte bei solch einem Volke von irgendeinem geistigen Bedürfnisse nur eine leiseste Rede sein? - während man denn doch zum Beispiel in Rom, wo die Menschheit zum größten Teile leiblich übergut versorgt ist, von einer Seele des Menschen und ihrer Unsterblichkeit schon lange gelehrt und darum auch auf ein moralisches Leben, das hauptsächlich die Bildung des geistigen Menschen im Auge hat, die meiste Aufmerksamkeit verwendet hat und noch gleichfort verwendet.
08] Freilich geschieht es auch leider nur zu häufig, daß die Reichen sich am Ende zu sehr in die Seligkeit ihres Leibes versenken und dabei auf die Ausbildung ihrer Seele wenig oder nichts halten und am Ende jede Lehre für die Erfindung irgendeines hungrigen Weisen ansehen; aber sie haben doch eine Sprache, durch die man sich ihnen mitteilen kann über so manches, worüber sie am Ende bei all ihrer Sinnlichkeit denn doch so ein wenig zu stutzen anfangen, - was für ihre Seele schon immer ein Gewinn ist.
09] Bei Menschen aber, von denen man es noch nicht genau weiß, ob sie eine Sprache haben oder nicht, ist es auch nicht möglich, ein solches Stutzen zustande zu bringen. Wenn aber schon das nicht, auf welche Art erst wäre es dann wohl möglich, sie zu wecken für ein tieferes geistiges Bedürfnis der Seele?
10] Darum wäre meine Meinung, daß man zuerst die Menschheit für den Leib wenigstens gut versorgen sollte, und es dürfte dann doch leichter sein, die Seelen der Menschen stets mehr und mehr für ihre wahren geistigen Lebensbedürfnisse zu wecken. Wenigstens sollten die Menschen mit dem Nötigsten versorgt sein! Denn, wie schon gesagt, ein physisch zu armer Mensch kann nach einer geistigen Bildung auch nicht ein leisestes Bedürfnis haben! Einem hungrigen Magen ist schwer predigen, ehe er nicht Speise und Trank zu sich genommen hat. Das ist so meine unmaßgebliche Ansicht. Du, o Herr und Meister, hast wohl ganz recht; denn Du allein kennst Deine Werke ja vollkommen! Aber auch ich glaube nicht ganz unrecht zu haben; denn auch für meine Annahme spricht die Erfahrung aller Zeiten und Völker.«


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