Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 207

Grund der göttlichen Zulassung der Sklaverei.

01] Sagt Josoe: »In Deinem Namen will ich's in aller möglichen Kürze wohl versuchen; ob aber meine Ansicht eine ganz sichere sein wird, das dürfte freilich wohl eine ganz andere Frage sein.
02] Die Füße des Menschen stehen offenbar im Lebensfrage tiefer denn die Hände; aber trügen die Füße den Menschen nicht zum Wasser, so könnten sie von den Händen dann nicht von ihrem Staube und Schmutze gereinigt werden. Darum, meine ich, ist der Sklavendienst im allgemeinen ebenso notwendig wie der Herrendienst. Wenn die Füße gleiten, fällt der ganze Mensch, und es ist darum sicher gut und nützlich, auf die Füße, welche mit allem Rechte die Sklaven des Leibes genannt werden können, oft mehr achtzuhaben denn auf alle anderen Leibesglieder. Stumpf und willenlos müssen die Füße den schweren, dabei ganz müßigen Leib Tagreisen weit tragen und bekommen als Lohn am Ende nichts als höchstens eine reinigende Erfrischung bei irgendeiner Quelle, während nach einer zurückgelegten Reise der ganze, bei der ganzen Reise müßig gewesene Leib sich stärkt mit Speise und Trank. Aber was können, was wollen die Füße dazu sagen? - Nichts, - denn sie sind dazu geschaffen!
03] Und so meine Ich denn, daß das Sklaventum eine Notwendigkeit ist, die nie abgestellt werden kann, wenn die Menschheit in der ihr gegebenen Ordnung verbleiben soll; es müßte nur sein, daß mit der Zeit die Menschen irgendein anderes Bewegungsmittel erfänden, - da freilich könnte der Sklavendienst der Füße entbehrlich gemacht werden. - Und so glaube ich, könnte es denn mit der Zeit mit dem Sklaventume vor sich gehen!
04] Besser wäre es allerdings, so man das die Menschheit entwürdigende Sklaventum gänzlich entbehren könnte; aber das dürfte noch lange währen, bis solch eine glückliche Zeit die Erde küssen wird.
05] Der Sklave ist wahrlich von der freien Menschheit als Unkraut unter den Menschen angesehen. Aber es wird durch dieses seltene Unkraut der freie Mensch gar sehr gedüngt und wird dabei träge und vollends selbstuntätig, - und das halte ich für sehr schlecht. In dieser Hinsicht wäre es wieder besser, so es kein Sklaventum gäbe. Aber wenn anderseits das Sklaventum wiederum eine Schule der Demut ist, da ist es freilich auch wieder eine unerläßliche Notwendigkeit für die zu hoch gestiegene Menschheit; denn nach der babylonischen Gefangenschaft waren die Israeliten wieder ein ganz gutes Volk geworden, - nur schade, daß die Gefangenschaft nicht wenigstens ein volles Säkulum gedauert hat! Denn bei der Befreiung waren meines Erachtens noch zu viele darunter, denen der frühere Glanz des Judenreiches noch zu sehr vor den Augen schwebte, weshalb sie dann auch nichts Emsigeres zu tun hatten, als den alten Glanz wieder herzustellen. Und als da wieder erbauet waren die Mauern und der Tempel, so war der alte Hochmut auch wieder bei der Hand, und es ging darauf bald wieder und eigentlich noch schlechter zu in Jerusalem denn früher vor der babylonischen Gefangenschaft. Vierzig Jahre waren sonach offenbar zuwenig; aber so in hundert Jahren wäre allen unseren Vätern der Sinn für Glanz, Pracht und Hochmut sicher gänzlich vergangen für Jahrhunderte hindurch!
06] Zwar ist das alles nur so meine sicher noch sehr unreife Mutmaßung und wird ohne Zweifel ihre sehr tüchtigen und wohlgegründeten Gegensätze haben; aber ich rede nur also, wie ich's fühle. Denn so jemand für eine schlechte Tat eine Maulschelle bekam, so wird er das Übeltun eben nicht um vieles länger meiden, als der Schmerz angedauert hat; so er aber von Gott aus für eine schlechte Tat mit einem lang andauernden und sehr schmerzlichen Leiden heimgesucht wurde, so wird er die Sünde, durch die er sich ein so schweres und schmerzliches Leiden zugezogen hat, sicher kaum je mehr wieder begehen!
07] Darum kann ich mir ein recht lang anhaltendes Sklaventum nicht anders als nur vollkommen zweckdienlich denken, und sehe nun auch die eiserne Notwendigkeit dieses Standes ein und denke mir: So ein recht guter und williger Sklave ist im Grunde viel mehr ein vollkommener Mensch als der Freie; denn der Freie ist geistig ein Sklave seiner Sinne, während der materielle Sklave geistig ein ganz freier Mensch sein kann.
08] Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem Menschen, der ein Herr seines Willens ist - was bei einem rechten Sklaven vollends der Fall sein muß -, und zwischen einem Menschen, dessen Wille keinen Gehorsam kennt, und bei dem alles geschehen muß, was er will.
09] Und somit lobe ich mir nun erst ganz das Sklaventum und wünsche, daß es im ganzen nie ein Ende nehmen soll! Denn ich meine: Sobald diese Hauptschule für die wahre Demut ein Ende nehmen wird, so wird die Menschen der Erde ein großes Elend heimsuchen!
10] Freilich wohl wäre es zu wünschen, daß die Menschen alle lebten nach Deiner Lehre, so wäre das Sklaventum ein tollstes Unding und ein Verbrechen an den Rechten der Menschheit; aber solange irgend das nicht der Fall ist und vielleicht noch lange nicht sein wird, ist und bleibt das Sklaventum der hochmütigen Menschheit ein wahres Evangelium aus den Himmeln, auf die Erde zur Besserung der Menschheit verordnet. -
11] Das wäre nun so meine schwache Reflexion über Dein Wort bezüglich des Sklaventums; ich bitte Dich, o Herr, aber nun auch, daß Du darin die Fehler, die ich allenfalls gemacht habe, mir gnädigst anzuzeigen geneigt wärest, auf daß ich auch in dieser Sphäre in die volle Wahrheit einzudringen vermöchte!«
12] Sage Ich: »Lieber Josoe, da hast du in allem ganz recht, und es läßt sich da wenig oder gar nichts vollrechtlich einwenden; bloß was die Dauer der babylonischen Gefangenschaft betrifft, hast du dich ein wenig in deinem Eifer verstiegen. Denn sieh, jede Gefangenschaft und auch jedes Sklaventum ist im Grunde dennoch nichts als ein von Gott zugelassenes Strafgericht! Ein Gericht aber ist und bleibt leider stets nur eine äußerste Nötigung zur Besserung und hat darum gewöhnlich für die Seelen der Menschen mehr eine schlechte denn eine gute Wirkung; denn wer das Schlechte nur der schlechten Folgen wegen meidet und das Gute tut der guten Folgen wegen, der ist noch sehr ferne dem Reiche Gottes. Nur der, welcher das Gute eben darum tut, weil es gut ist, und das Schlechte meidet des Schlechten selbst wegen, ist ein vollkommener Mensch. Denn solange sich der Mensch nicht aus sich selbst ans wahre Licht befördert, bleibt er ein Sklave im Geiste und somit tot für das Reich Gottes. - Der äußere Zwang bringt die Menschen noch auf andere Abwege des sittlichen Liebelebens, davon wir sogleich einige vernehmen werden.«


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