Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 204

Josoe und Jarah über Judas Ischariot.

01] Sage Ich: »Liebste Tochter Meines Herzens, Ich sage es dir: Nicht ein Wort zuviel oder zuwenig hast du gesprochen! Darum aber sage Ich es auch euch allen und rate es euch, alles, was dies Mädchen nun geredet hat, zu behalten, es wohl zu beachten und danach zu handeln. Will aber jemand irgendeine Gegenbemerkung machen, so erhebe er sich und rede!«
02] Auf diese Meine Aufforderung kam unser Judas Ischariot zum Vorschein und sagte: »Mit gar allem bin ich nicht einverstanden, obschon ich sonst dieses Mädchens Weisheit tiefst bewundere; denn es spricht ja wie ein bestens geschriebenes Buch.« - Darauf schwieg er.
03] Der Knabe Josoe aber fuhr ihn förmlich an und sagte: »O du fürchterlich unsinniger und über alle Maßen dummer Mensch! Hast du denn nicht vernommen, welches Zeugnis der Herr Selbst der holdesten Jarah gegeben hat, und du willst nicht mit allen Punkten ihrer Antwortrede einverstanden sein? Oh, so fahre denn heraus mit deiner unbefriedigten, übergroßen Dummheit, und wir werden es sehen, von welchem Unflate sie erfüllt ist! Da öffne deine dümmsten Augen, du alter Ochse, und sieh, hier neben mir sitzt ein Gottesengel aus der Himmel höchstem; sein Wesen ist pur Licht. Hier ersiehst du die junge, weise Rednerin aus dem Herzen Gottes und neben ihr hoffentlich den Herrn Selbst, dessen Geist Himmel und Erde und alles, was da ist, erschuf, und du willst dennoch über das Zeugnis Gottes hinaus mit etwas in der Rede der holdesten Jarah nicht ganz einverstanden sein?! Sage mir, wer du bist, daß du nun gar so unverschämt mit Gott rechten willst!«
04] Diese sehr energischen Worte des Josoe machten den Judas sehr schüchtern, und er zog sich sogleich wieder zurück und setzte sich ganz ruhig auf seine Bank; denn es hatte ihn eine große Furcht vor dem gewisserart nun Sohne des hohen Cyrenius ergriffen, und er rührte sich nicht auf seinem Sitze.
05] Josoe aber redete weiter und sprach: »Ist das nicht einer der Hauptjünger? Mir kommt sein Gesicht bekannt vor, ich habe ihn in Nazareth gesehen! Ja, ja, er ist es, und zwar derselbe, der schon in Nazareth immer gehadert hat, so ich mich nicht irre, mit einem gewissen Jünger Thomas!«
06] Sagt Jarah: »Laß das, hoher Josoe! Siehe, hätte jener Jünger eine so leichte Auffassungsfähigkeit wie du und, dem Herrn allein alles Lob, auch ich, so würde er, gleich den andern seiner Brüder und Gefährten, schweigen und in seinem Herzen darüber sehr nachdenken; dieweil er aber sicher ein sehr hartes Herz besitzt, so faßt er jegliche höher und tiefer liegende Wahrheit schwer! Und nimmt er auch etwas an, so kann er es nicht durchgängig unterbringen, weil in seinem zusammengeschrumpften Herzen etwas göttlich Großes und Erhabenes nimmer völlig Platz haben kann! Darum laß du den Menschen und kümmere dich seiner nimmer!«
07] Sagt Josoe: »Hast abermals wieder vollkommen recht! Aber weißt du, so eine kleine Zurechtweisung schadet ihm übrigens sicher nicht im geringsten; denn ich weiß es, daß dieser Mensch im hohen Grade vorlaut ist. Er möchte stets so ein Erster unter seinen Gefährten sein, und es sollen sich alle bei ihm Rat holen. Das geschieht natürlich nie, weil die andern bei weitem weiser und vollverständiger sind denn er, und das ärgert ihn heimlich, und er ist darum so nebenher stets etwas kleinweg rachsüchtig, was ihm aber nichts nützt; denn er wird, wie nun besonders von dem Jünger Thomas, der ein recht weiser Mann ist, auf eine eben nicht zu sanfte Weise zurechtgewiesen!«
08] Sagt die Jarah: »Ja, ja, du denkst ganz richtig und gerecht; denn ich erinnere mich nun auch so einer kleinen Haderei in Genezareth! Der Herr weiß es sicher besser denn wir beide, warum Er diesen Jünger in Seiner Gesellschaft duldet; ich hätte ihm schon lange den Weg gewiesen! Der Mensch hat für mich etwas ganz besonders Abstoßendes, und ich möchte nicht viel darum setzen, ob durch ihn nicht einmal die ganze Gesellschaft in sehr große Ungelegenheiten gelangen wird; denn ich traue solchen Menschen nie, die jemandem, der mit ihnen spricht, nicht ins Auge zu schauen vermögen! Sie scheinen sich stets zu fürchten, als könnte ihr unstetes Auge einen Verräter ihres bösen Herzens machen. Und diese üble, mir durchaus nicht gefallen könnende Eigenschaft besitzt eben jener Jünger! Nun, aber der Herr duldet ihn dennoch und muß dafür sicher irgendeinen weisesten Grund haben!«
09] Sage Ich zu Jarah: »Meine Tochter! Siehe, du selbst hast ja eben vorher in deiner Rede den Grund recht überaus herrlich dargestellt, aus dem für jedermann überklar hervorgeht, warum von Mir aus neben dem Weizen auch das Unkraut geduldet wird. Und siehe, der ist auch so ein Stück Unkraut auf Meinem guten Acker; wenn aber der gute Weizen gesammelt wird in Meine Scheuern, da wird er als Unkraut auf dem Felde stehenbleiben und verbrannt werden zur Düngung des schweren Bodens und zur Leichtermachung desselben!
10] Es muß zwar der Boden locker sein, wenn im selben die edle Frucht gut gedeihen soll, - aber, weißt du, zu locker darf er wohl auch nicht sein; denn in einem zu lockeren Boden können die Wurzeln keinen irgend festen Grund erreichen. Kommen dann Hitze und darauf wie gewöhnlich große Stürme, da verdorren dann gerne die Wurzeln samt dem Fruchtstengel. Und kommt darauf ein Sturm, so werden solche Fruchtstengel leicht entwurzelt, verdorren dann auf dem Felde und bringen keine Frucht! Darum braucht die Zucht des Gotteskindes stets einen mehr schweren denn lockeren Grund und Boden; und dieweil also, muß man sich's denn schon gefallen lassen, so sich irgend neben dem Weizen aus dem schweren Boden auch ein Unkraut zeigt! Denn es wird nicht gesammelt für eine Ernte, sondern es bleibt zur Düngung des Bodens, auf daß eine nächste Aussaat zu einer noch reichlicheren Ernte gereift werde, als das bis jetzt der Fall war. - Hast du Mich verstanden?«


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