Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 191

Über die Lehrmethode der Engel und der weltlichen Schulen.

01] Auch Ebahl und Jarah bekräftigten die Aussage des Julius und machten nun eben dieses seltensten Wundermenschen wegen eine Reise nach Sidon, um möglicherweise etwa doch noch einmal dort mit ihm zusammenzukommen, dieweil die Tochter eine zu große Sehnsucht nach ihm hätte. Cyrenius verwunderte sich zum Scheine sehr darüber, wie das junge, vielleicht noch kaum dreizehn bis vierzehn Frühlinge zählende Mägdlein schon so verliebt wäre, indem er (Cyrenius) zugleich bemerkte, daß da ohnehin ein gar überaus wunderlieber und schöner Junge stets an ihrer Seite wandle. Es sei das dann um so sonderbarer, wie das zartschönste Mägdlein neben einem gar so schönsten Jünglinge in einen doch schon ältlichen Mann, wie eben der gewisse Mensch-Zeus einer sei, auch noch so sterbensverliebt werden könnte.
02] Wer die Jarah aus den früheren Begebnissen in Genezareth kennt, dem dürfte es noch sehr bekannt sein, daß eben die Jarah nicht leichtlich jemand eine gute Antwort schuldig blieb, und so sagte sie denn auch zu Cyrenius: »Hoher Herr und Gebieter! Wie magst du Den nun vor uns verleugnen und Ihn zählen unter die toten Götter Roms eines nichtigen politischen Grundes wegen, - und doch guckt Sein Gotteslicht und Seine Gnade allenthalben vielfach aus allen deinen Teilen mit einer großen Strahlenmasse hervor!?
03] Sieh, ich fühle Seine Nähe, und du fühlst sie so gut wie ich, - und doch magst du Ihn gewisserart verleugnen; sieh, das ist nicht ganz löblich von dir, so wie es auch von Julius nicht sehr löblich ist, daß auch er den Allerheiligsten und Allergerechtesten in einer gewissen Hinsicht vor dir, o hoher Herr, verleugnet!
04] Übrigens ist es aber auch mehr noch durchaus nicht löblich von dir, daß du mich des gewisserart gemeinen Verliebtseins beschuldigst; denn ich liebe Ihn ja nur, wie das wohl ein jeder Mensch tun sollte, als meinen Schöpfer, als meinen Gott und Herrn, und bete Ihn an in meinem Herzen so rein, wie es einem sterblichen Mädchen nur immer möglich ist. So aber das, wie bin ich denn hernach gemein verliebt in Ihn? Da frage diesen meinen Begleiter und Lehrer, der wird es dir besser denn ich zu zergliedern imstande sein; denn er besitzt mehr Kraft in allen Dingen als alle Weisen der Welt und alle Helden aller Reiche der Erde, mit der alleinigen Ausnahme Dessen, den ich hier suche. Darum frage du nur diesen Jungen, und du wirst von ihm schon die völlig rechte Antwort erhalten!«
05] Cyrenius wollte nun den Jüngling fragen, aber der Knabe Josoe hinderte ihn daran; denn er sagte zu Cyrenius heimlich: »Laß dich mit dem Jüngling ja nicht ein; denn das ist auch einer, wie es der ist, der dann und wann mich besucht! Denn diese Art Wesen können nichts Unreines vertragen, somit auch keine unziemende Frage; ihr Leben und ihr Sein ist ja nichts als Gottes Flammenlicht.«
06] Spricht Cyrenius zu Ebahl: »Ist das deine Tochter doch, und du bist ein Jude; darum ist es zum Erstaunen, daß in ihr so viel von der tiefsten Weisheit steckt! Das kann sie doch nicht binnen etlichen Tagen von dem Meister der Meister und noch weniger von dem gewissen Jünglinge gelernt haben!? Denn diese Art Lehrer, obschon höchst selten auf dieser Erde, machen mit dem Unterrichte an uns sterblichen Menschen eben auch nicht zu übergroße Fortschritte! Solches weiß ich aus der Erfahrung bei meinem Sohne Josoe, den zwar ich nicht gezeugt, aber dennoch für alle Zeiten als Sohn angenommen habe. Zu ihm kommt auch zuweilen so ein Rabbi. So sie aber eine Zeit miteinander verkehren, da weiß man am Ende wahrhaftig nicht, wer da eigentlich recht hat; denn da haben bei oft sehr verschiedener Meinung am Ende nur zu oft beide recht. Der ganze Unterricht ist eigentlich nichts als ein Weisheitskampf, aus welchem am Ende beide Parteien als Sieger hervorgehen.
07] Mein Josoe ist oft so hitzig gegen seinen mystischen Meister, daß er ihn geraden Weges fortschafft; aber der Meister läßt sich dadurch nicht im geringsten irremachen, behauptet seinen oft mit Händen zu greifenden Unsinn und läßt erst gegen Ende etwas Licht durchschimmern. Und so bin ich der Meinung, daß solches auch der schöne Rabbi bei deiner Tochter tun wird!«
08] Sagt Ebahl: »Ja, ja, hoher Gebieter, es ist völlig also. Ich für mich wenigstens kann daraus nie so recht ganz klug werden, wer da am Ende vollends recht hat. Die Sache bleibt zumeist unentschieden. Von irgendeinem positiven Lehren ist da nie eine Rede. Der junge Geist sucht nur irgendeine Verwirrung in die Begriffe des Zöglings zu bringen, und dieser muß sie dann aus sich selbst ordnen, so gut es geht. Von irgendeinem Dareinhelfen ist da schon gar keine Rede, und es bleibt darum am Ende immer etwas Unentschiedenes. Will der Zögling seines Rabbi Einwürfe vollends zunichte machen, so muß der Zögling ihm aber schon mit so nagelfesten Gegeneinwürfen entgegenkommen, daß sich der Rabbi weder nach links noch nach rechts mehr wenden kann. Das ist dann ein Beweis, daß der Zögling vollends recht hat; aber ohne die erwähnten nagelfesten Gegenbeweise hat der Zögling stets unrecht - und stellte er auch die gerechteste Behauptung auf! Oh, meine Jarah hat ihren Rabbi schon ganz entsetzlich in der Schlinge gehabt; er hätte sich am Ende kaum mehr selbst zurechtgefunden, so ihn nicht das Mädchen wieder zurechtgebracht hätte, was er selbst eingestand.
09] Wahrlich, die eigentlich himmlische Unterrichtsweise ist oft wirklich höchst sonderbar! Da unterrichtet gewöhnlich der Schüler den Lehrer, und der Lehrer begnügt sich immer sehr, so er von seinem Jünger irgend etwas gelernt hat. Aber die Sache geschieht dennoch stets auf eine wahrhaft himmlisch freundliche Weise, und ich wohne solcher Unterrichtsweise sehr gerne bei; denn man lernt daraus dennoch in einer Stunde mehr als von den Weltrabbis in einem Jahre.
10] Bei den Weltrabbis ist und bleibt der Zögling leiblich und geistig stets ein Sklave seines Rabbi; denn er kann nur das lernen, was sein oft leiblich und noch ärger geistig verkrüppelter Rabbi selbst kann und weiß. Ob's nun falsch oder wahr ist, um das darf sich der Zögling bei schwerer Strafe nicht erkundigen. Was kümmert es so einen pausbackigen Weltrabbi, welche inneren geistigen Anlagen und Fähigkeiten sein Zögling besitzt?! Da heißt es allzeit: Vöglein, friß oder stirb! Kurz, die Unterrichtsweise dieser Zeit gleicht völlig einem Helme, der auf alle Köpfe paßt, und einem Bette, in dem alle Menschen eine bequeme Ruhe genießen sollen! Der Riese Goliath würde sicher ein merkwürdiges Gesicht dazu machen, so man ihm eine Wiege der Kinder zur Ruhestätte anwiese!
11] Ich habe nicht selten Kinder gesehen, die schon in ihrer zartesten Jugend einen wahren Riesengeist bekundeten. Was hätte aus ihnen werden können, wenn sie ihrer Fähigkeit gemäß wären erzogen und unterrichtet worden! Man lehrte sie aber gleich den Schwächlingen nur Körbe flechten und ließ ihren Geist sogestaltig verkümmern! Und das halte ich für ein größtes Unrecht! Denn was hätte so ein in seiner Art ausgebildeter Geist der Menschheit alles für Dienste leisten können! Und - was nützt er in seiner Verkümmertheit? Er flicht Körbe und fängt am Ende Fische und Muscheln!
12] Aber eben darin merke ich den ungeheuren Unterschied zwischen dem Unterrichte der eitlen und zumeist dummen Weltrabbis und der nun wunderbarst unter uns seienden Himmelsrabbis. Diese erziehen den Geist frei und helfen ihm gewisserart auf die Beine dadurch, daß sie ihn durch allerlei Fragen wecken in der Art, von welcher eben ein Menschengeist ist; die Weltrabbis aber suchen den Geist nur zu unterdrücken und zu töten - und erziehen dafür den Kot für und um den Kot! - Sage, hoher Gebieter über ganz Asien, habe ich recht oder nicht?!«
13] Sagt Cyrenius: »Vollkommen, mein sehr schätzbarer Wirt Ebahl! Das war schon lange auch meine Ansicht; aber was hat sich da bis jetzt dagegen tun lassen? Ich sage es offen: Nichts, gar nichts! Denn uns selbst fehlte der rechte Grund, und woher sollten den hernach die Weltrabbis erhalten haben? Diese armen Teufel müssen am Ende denn doch nur alle Kinder das lehren, was sie gewissermaßen zuvor selbst von uns gelernt haben, - und so sind sie notwendig blinde Leiter der Blinden!
14] Wir haben nun zwar von dem Einen kennengelernt die große, heilige Wahrheit und können nun gar wohl das Licht von der Finsternis unterscheiden; aber bis unser Licht allen Menschen dieser Erde zuteil wird, da wird noch so mancher Korb von irgendeinem Riesengeiste geflochten werden! Sage mir doch, was am Ende aus deinem gar so wunderlieben Töchterchen wird!? Sie ist wahrlich ein Riesengeist und wird nun dazu noch von einem Himmelsrabbi unterwiesen. Sage, wozu wird es sich am Ende bequemen!? Zu einer Hausfrau sicher kaum!«
15] Sagt Ebahl: »Hoher Gebieter! Sehen wir unsere Mädchenschulen an! Wie sind sie vertreten? Wahrlich, hoher Gebieter, auf eine Art, daß es für die Menschheit eine barste Schande ist! Und ich meine darum: Eine gute Mädchenschule wäre ja auch nur überaus zu wünschen; denn eine Mutter, ein Etwas, das nur aus einem Mädchen werden kann, ist doch stets der Kinder erste und vorzüglichste Lehrerin. Hat sie Geist, Herz und Kopf am rechten Flecke, wie man zu sagen pflegt, da werden auch ihre Kinder gewiß ihre Gebäude nicht auf dem Sande des Meeres erbauen und kaum irgend weiterhin in einen Irrtum geleitet werden können. Wenn aber die Mütter, wie es bisher nur leider zu häufig der Fall war, dümmer oft denn ein Regenwurm sind, ja da ist auch von dem Mutterunterrichte wahrlich sehr wenig oder gar nichts zu erwarten! - Sage, hoher Gebieter, ob ich auch da recht habe oder nicht!«


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