Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 185

Praxisnahe Lehr- und Erziehungsmethoden der Engel.

01] Hier tritt der schon viel stärker aussehende Knabe Josoe zu Mir hin und spricht: »Herr und Leben alles Lebens, ich bin völlig gesund, und mir schmeckt das Essen und Trinken noch gleichweg sehr wohl; aber mit dem Engel, der aus Sichar mich alle drei Tage auf einige Augenblicke lang besucht, bin ich eben nicht sehr zufrieden, weil er bei allem, was ich ihm sage, stets etwas einzuwenden hat! Ich lasse mich gewiß recht gerne belehren über alles, was nur immer gut, wahr und nützlich ist; aber so mir jemand heute sagt: 'Eine Birne und dann noch eine Birne hinzu, macht zwei Birnen!', und läßt mir es dann bei der nächsten Gelegenheit nicht gelten, so ich ihn mit seinen Worten schlagen will, wenn er das nächste Mal mir aufbinden will, daß eine Birne und noch eine Birne auch drei, vier, fünf, ja am Ende gar eine unendliche Anzahl Birnen wären und überhaupt eins und eins nicht nur zwei, sondern geistig jede denkbare Zahl darstellen könnten, - dann werde ich stets etwas ärgerlich und zerhadere mich nahe allzeit mit meinem geistigen Lehrer und Erzieher! Denn bei ihm gilt beim nächsten Besuche das nie mehr als eine allein dastehende festeste Wahrheit, was er mir beim vorhergehenden als eine feste Wahrheit dargestellt hatte. Kurz, er kommt manchmal mit Dingen, gegen deren Annahme sich gleich jedes Haar sträubt! Daher möchte ich Dich, o Herr über alle Himmel und Welten, wohl bitten, dem Geistlehrer aus Sichar zu sagen, daß er mit mir vernünftiger verfahren solle - oder aber mich in der Zukunft verschone mit seinen Besuchen!«
02] Sage Ich: »Ah, Mein lieber Josoe, ertrage du ihn nur! Er führt dich in die rechte Weisheit der Himmel ein; denn die Rechnungen der Geister sehen ganz anders aus als die dieser Welt! Wollte Ich nach der Weise der Himmel mit dir reden, so würdest du wohl nichts verstehen; aber Ich rede, als nun Selbst Mensch mit Fleisch und Blut, nur menschlich nach der Weise dieser Erde mit den Menschen von den Dingen des Geistes, und siehe, die Menschen ärgern sich über Mich, weil sie Mich nicht verstehen - und viele auch nicht verstehen wollen! Dein dann- und wanniger Geistlehrer lehrt dich schon recht; aber du wirst seine Lehre auf dieser Erde erst in deinem Alter heller zu fassen anfangen; ganz fassen aber wirst du das erst dereinst drüben, wo sich keine Trübungen aus dem Fleische und Blute in deine reine Seele mengen werden: - Hast du Mich verstanden?«
03] Sagt Josoe: »O ja, Herr der Unendlichkeit, Dich verstehe ich leichter als meinen Geistlehrer! Aber wenn der mir sagt, daß im Grunde des Grundes der Zorn und die Liebe eines seien, dann kehrt sich bei mir wohl das Oberste zum Untersten und das Unterste zum Obersten; also auch, wenn er sagt, daß ebenso im Grunde des Grundes Himmel und Hölle eines seien! Das begreife, wer es will; für meinen Verstand ist das ein allergrößter Widerspruch!«
04] Sage Ich: »Auch da hat der Engel wieder recht, und es ist also! Ich werde dir dafür ein kleines Beispiel geben, und du wirst die Sache sicher ein wenig heller sehen. Und so höre Mich!
05] Siehe an die Sonne! Wenn sie zur Winterszeit an manchen Tagen so recht angenehm und mild warm scheint, wie sehr erquickt dich ihr Lichtstrahl; aber wenn in den Sandwüsten Afrikas ihr glühendheißer Strahl sogar den weißen Sand zu schmelzen beginnt, und du würdest unter solchem Lichtstrahle der Sonne zu wandeln haben, da würde dir solcher Strahl zur Hölle! - Verstehst du das?«
06] Sagt Josoe: »O ja!«
07] Rede Ich weiter: »Gut, höre aber weiter! Die Nacht ist auf einen heißen Tag gewiß eine große Freundin und Wohltäterin der müden Menschheit; lassen wir aber die Wohltäterin etwa nur dreißig Tage lang währen, und alle Menschen werden sie zu verwünschen und zu verfluchen anfangen! Denn es würde eine so lange andauernde Nacht die Erde in eine solche alles erstarren machende Kälte versetzen, daß am Ende in ihr kein organisches Leben mehr bestehen könnte! Siehe, da würde die große Wohltäterin der Menschen ja schon wieder zur barsten Hölle!
08] So du an einem heißen Tage eine Wanderung machst, und der Durst fängt an, dich zu quälen, und du kommst dann zu einer reinen und reichen Wasserquelle, wie himmlisch erquickt dich ein Labetrunk aus der reinen Quelle! Aber tiefer unten im Tale sammelt sich dasselbe Wasser in einem weiten und tiefen Becken zu einem See. Wenn du dort hineinfällst, so findest du darin den unvermeidlichen Tod! Da siehe wiederum: Dasselbe Wasser, das dich auf der hochliegenden Bergstraße so himmlisch erquickt hatte, wird dich unten im tiefen See töten und dir somit zur zeitweiligen Hölle werden!
09] Also trinkst du auch gerne einen kleinen Becher guten Weines; trinke aber auf einmal einen ganzen vollen Schlauch aus, und der Wein wird dich töten und wird dir alsonach abermals zur Hölle werden!
10] Du gehst gern auf einen hohen Berg, und die Aussicht in die weiten Fernen erquickt dein Herz. Aber laß einen Berg auf dich fallen, so wird er dich töten und wird dir also wieder zur Hölle werden!
11] Der Wind, so er an einem heißen Tage sanft kühlend über deine Stirne streicht, wie sehr erquickt er dein ganzes Gemüt! Lassen wir ihn aber zu einem Sturme werden, der die Bäume zu entwurzeln beginnt, wird er dich dann auch noch erquicken? Sicher nicht! Denn da wirst du die Flucht ergreifen und wirst suchen eine Stelle, in die der Sturm nicht dringen kann. Und so wird derselbe Wind, der dich vorher erquickte, in seiner vollen Kraft dir abermals zur Hölle!
12] Darum ist einem jeden Menschen in allen Dingen ein gewisses Maß gegeben, nach seiner Kraft, Wesenheit und Beschaffenheit. Wenn er darin verbleibt, so ist er in der rechten Ordnung, in die ihn Gott gesetzt hat, und alles, was ihn umgibt, ist für ihn 'Himmel'; wenn er aber in was immer diese Ordnung überschreitet und eine Welt auf seine schwachen Schultern legt, so wird diese ihn zermalmen und ihm zur 'Hölle' werden!
13] Und so ist ein rechtes Maß in allen Dingen den Menschen wie den Geistern ein 'Himmel'; das Übermaß in denselben Dingen aber ist demnach den Menschen wie den Geistern eine barste 'Hölle'! - Verstehst du solches nun?«
14] Sagt Josoe: »Ja, jetzt verstehe ich's freilich wohl und habe darob eine große Freude! - Warum aber erläutert mir der Geistlehrer seine Lehrsätze nicht also, daß ich sie verstünde wie nun?!«
15] Sage Ich: »Auch das hat wieder seinen weisen Grund! Würde dir dein Geistlehrer alles so sonnenklar machen, so würdest du nie zum Selbstdenken und endlich zum Selbstbestimmen kommen; so aber nötigt er dich zum Denken und Selbstbestimmen, und siehe, das ist dann schon die rechte himmlische Art und Weise, zu lehren! Wenn es nötig sein wird und du zur rechten Reife gelangt sein wirst, dann wird dir der Geistlehrer schon auch für jede Lehre die sonnenhellsten Bilder hinzufügen; aber vorerst mußt du selbst recht tätigen Geistes werden, sonst könntest du unmöglich tiefere Wahrheiten der Weisheit der Himmel fassen! - Bist du nun vollends im klaren?«
16] Spricht Josoe: »Ja Herr, jetzt erst begreife ich ganz, wie ich mit meinem Geistlehrer aus Sichar daran bin; und mir kommt nun auch eine große Liebe zu ihm!«
17] Sage Ich: »Und diese Liebe wird dir die Beispiele schaffen! - Jetzt aber kommt etwas für den Leib; das Weib, die Söhne und die Tochter des Markus kommen schon mit einer vollen Ladung von Speisen und Getränken! Esset nun nach Bedarf, und stärket euch, auf daß es euch weder hungere noch dürste; denn in Meiner Nähe soll nie jemand hungern und dürsten, sondern ein jeder vollends gesättigt werden, leiblich und geistig!«
18] Cyrenius und der Knabe Josoe sind beide schon recht hungrig und durstig und greifen darum recht wacker zu; auch die Gefolgsleute lassen sich nicht bitten, sondern folgen ganz wacker dem Beispiele des Cyrenius.


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