Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 147

Innerliche Kontaktmöglichkeit Gläubiger mit Jesus.

01] Die drei begeben sich nun zu Mir, und der Hauptmann fragt Mich: »Herr, was soll nun geschehen? Wie es mir vorkommt, so hast Du etwas vor!?«
02] Sage Ich: »Siehst du denn nicht die herrliche Morgenröte!? - Habet nun alle acht, denn da werdet ihr den schönsten Aufgang der Sonne sehen! Es ist zwar nur der Aufgang der Natursonne; aber er hat dennoch eine tiefe geistige Bedeutung, die euch klar werden soll! Denn da begegnet ein Aufgang dem andern!«
03] Fragt Petrus: »Herr, wie sollen wir das deuten?«
04] Sage Ich: »Oh, wie lange werde Ich euch noch zu ertragen haben! Wir sind nun schon eine geraume Zeit beisammen, und du merkst es noch nicht, daß durch Mich eurer Seele eine Sonne aus den Himmeln aufgegangen ist und noch immer von Tag zu Tag weiter aufgehet?!«
05] Sagt Petrus: »Herr, sei darum nicht ungehalten; Du weißt es ja, daß wir ganz einfache Menschen sind, die es übers nötigste Lesen und ein wenig Schreiben hinaus nie gebracht haben! Hätten wir Dich verstanden, so wäre eine Frage wohl als ein Mutwille zu schelten; aber wir verstanden Deinen Spruch nicht und haben Dich darum gefragt.«
06] Sage Ich: »Das ist ganz gut und recht, so man es nicht weiß, daß man mit Mir sich auch im Herzen still besprechen kann: weiß man aber das, so ist nicht die Frage selbst, sondern die unkluge Art zu fragen ein Fehler, und nur den will Ich an euch gerügt haben. Sehet dort die beiden Essäer und die etlichen Pharisäer, wie sie nun über euch große Augen machen, daß ihr Mich um etwas laut habet fragen mögen, indem ihr als ihre Meister doch wissen solltet, daß Ich jedem Fragenden auch im Herzen still die vollste Antwort zu geben vermag!
07] Es ist bei euch zwar wohl auch nicht Unkunde oder Eigensinn schuld daran, sondern eure alte Gewohnheit; aber nehmet euch dennoch für die Folge mehr zusammen, auf daß die Menschen erkennen mögen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid, und ihr vor der Welt nicht die Achtung verlieret, die euch für euer neues Amt vor allem not tut.
08] Gehet aber nun hin zu euren Jüngern und belehret sie darob, sonst werden sie euch zu fragen anfangen, um was und warum ihr Mich laut gefragt habt!«
09] Sagt Petrus: »Herr, so dürfen wir nimmer ein lautes Wort mit Dir wechseln?«
10] Sage Ich: »O ja, aber nur alles zur rechten Zeit und wann Ich es euch anzeige! - Aber nun geht und tut, was Ich euch geboten habe!«
11] Darauf gehen die Jünger hin zu den zwei Essäern und den etlichen Pharisäern und sagen zu ihnen: »Es wundere euch nicht, daß auch wir noch manchmal laut den Herrn ums eine oder andere fragen; denn auch wir sind noch Menschen und hängen dann und wann an alten Gewohnheiten!«
12] Und die beiden Essäer sagen: »Wir haben es uns auch also gedacht; denn wir haben nach eurer Lehre in unsern Herzen den Herrn über das gleiche befragt, und es ward uns im Augenblick die hellste Antwort ins Herz gelegt. Es kam uns darum eben etwas seltsam vor, daß ihr laut gefragt habt. Aber wie gesagt, wir haben es uns gleich gedacht, daß bei euch so etwas öfter noch aus purer alter Gewohnheit geschehen kann, und stellten uns aber auch gleich völlig zufrieden; denn wir haben in dieser Nacht doch so merkwürdige Traumgesichte gehabt, wie wir uns ähnlicher nie entsinnen können, sie je gehabt zu haben. Und was dabei das Wunderbarste ist: ein jeder von uns hat auf ein Haar dasselbe geträumt, und alles, was wir in dem merkwürdigsten Traume sahen, verwirklicht sich nun am schon hellen Tage! Nein, so etwas ist noch nie dagewesen!
13] Nun glauben es auch wir fest, daß dieser Nazaräer mehr denn allein ein vollkommenster Mensch ist. Er ist dem Leibe nach wohl ein Mensch wie unsereiner, aber in Seinen Eingeweiden und in Seinem Herzen wohnt alle Fülle der göttlichen Kraft und Macht, der die ganze Unendlichkeit gehorcht! Aber nun richten wir nach Seinem Worte unsere Augen nach dem Aufgange, um Wunder zu schauen!«
14] Sagt Petrus: »Ob gerade da ein besonderes Wunder zu ersehen sein wird, wissen wir kaum; aber wie uns schon jetzt die mit rotem Lichte umsäumten Wölkchen am fernen Horizonte verkünden, werden wir von dieser Höhe das schönste Schauspiel der Schöpfung Gottes erleben und werden daraus die Lehre nehmen können, wie ein gleicher Aufgang unserer Seele zuteil geworden ist und bleiben wird ewig!«
15] Sagt einer der Essäer: »Jawohl, ein Aufgang nicht nur uns, sondern der ganzen Erde, ja der ganzen Unendlichkeit! Denn es scheint uns, daß diese Menschwerdung des allerhöchsten Gottgeistes nicht bloß dieser Erde und ihrer Kreatur, sondern der ganzen Unendlichkeit gilt!
16] Daß der göttliche Geist sich besonders diese Erde erwählt hat, ist freilich ein etwas unergründliches Ding für unsern Geist, da Er - wie wir nun wissen - zahllose Myriaden der großherrlichsten Lichtwelten hat, auf denen Er mit Sich Selbst die eigene Menschwerdung hätte vornehmen können; aber Er wird es am besten wissen, warum Er gerade die Erde gewählt hat!
17] Früher, als wir noch der Meinung waren, daß diese Erde die einzige Welt im ganzen Universum sei, da wäre die Sache recht gut begreiflich gewesen; denn da wäre nach dem Naturgange der Dinge nichts anderes übriggeblieben. Diese Erde war die einzige, nach unsern Begriffen endlos große Welt, deren Wässer an die des Firmamentes reicheten, und wir glaubten, daß die Sonne, der Mond und die Sterne bloß darum da wären, um mit ihrem Lichte diese Welt zu erleuchten! Aber nun hat auf einmal alles ein ganz anderes Gesicht bekommen; wir wissen nun, was all die Sterne, der Mond und die Sonne sind, und wir wissen, wie klein unsere Erde gegen eine Sonnenerde ist.
18] Nun läßt sich's denn wohl fragen und sagen: >Wie kam dieses Sandkörnchen, Erde genannt, zu dieser Gnade?< Wahrlich, diese Frage wird dereinst noch eine sehr gewichtige werden und wird vielen zu einem gewaltigen Anstoße werden! Darum wäre es wohl nach unserer Meinung nicht ganz überflüssig, auch über diesen Punkt eine genügende Aufhellung zu bekommen! - Was meint ihr, dürften wir Ihn darüber befragen?«
19] Sagt Petrus: »Versuchet es in eurem Herzen! Kommt eine Antwort, so wird es wohl und gut sein, und kommt darauf keine weitere Antwort zum Vorscheine, dann ist es ein Zeichen, daß wir für solch eine Belehrung noch nicht reif genug sind! - Aber nun sehet hin, die Sonne ist dem Aufgange schon sehr nahe; denn die Wölkchen des Morgens leuchten schon so stark, daß man sie kaum mehr anblicken kann!«
20] Sagt der Essäer: »Ja wahrlich! Oh, das ist ein unbeschreiblich herrlicher Anblick! Aber merket ihr es nicht, wie dort über den Wolken sich etwas bewegt? Es sieht beinahe so aus, als ob eben über den Wölkchen sich Sterne von besonderem Glanze hin und her bewegten! Was mag das doch sein?«
21] Sagt Petrus: »Was es eigentlich ist, das wird wohl nur der Herr allein wissen; aber wir Fischer nennen solche eben nicht selten vorkommenden Erscheinungen >Morgenfischlein<. Wenn diese zu sehen sind, dann läßt sich gut fischen im Wasser, und es kommt gen Abend hin sicher ein Wetter oder zum wenigsten ein starker Sturmwind. Obschon ich im Ernste gestehen muß, daß ich selbst dergleichen Fischlein in solcher Frische und Lebhaftigkeit noch nicht gesehen habe, so ist mir aber dennoch diese Erscheinung nicht fremd; nur läßt sich hier vielleicht, von dieser Höhe aus, diese Erscheinung besser ausnehmen als unten von der Tiefe!«
22] Sagt der Essäer: »Wißt ihr was, - gehen wir näher zum Herrn hin! Ich sehe, daß Er mit Ebahl und dessen Kindern spricht. Dort wird wieder vieles enthüllt werden; das müssen wir hören!«


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