Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 143

Jesu Jünger erleben Realisierung eines Traumgesichtes.

01] Sage Ich zu Raphael: »Gehe und wecke Mir zuerst Meinen Simon Juda (Petrus)!«
02] Raphael erweckt Petrus, und dieser sieht sich voll Staunens um und um und sagt nach einer Weile: »Habe ich denn im Ernste geschlafen? War mir's doch, als ob ich die ganze Nacht hindurch hellwach gewesen wäre! Aber nun sehe ich denn doch, daß ich sehr gut geschlafen habe; aber im Schlafe habe ich so wunderbare Träume gehabt, daß ich mich ähnlicher gar nicht entsinnen kann, sie je gehabt zu haben! Wahrlich, Herr, diese Träume können nicht leere Schäume gewesen sein!«
03] Sage Ich: »Sieh dich ein wenig um, - vielleicht entdeckst du mit dem Berge irgendeine Veränderung, von der es dir sicher auch geträumt hat!«
04] Petrus sieht sich gleich nach allen Seiten um und sagt: »O Herr, wahrlich, wahrlich, das habe ich im Traume gesehen, und - sieh da - nach allen Seiten hin ist der helle Traum vollkommen verwirklicht!«
05] Petrus wollte noch weiterreden, aber Ich sagte zu ihm: »Wecke zuvor die andern Jünger, ehe du weiterredest!« - Und Petrus tat das.
06] Die Jünger erhoben sich vom Boden und verwunderten sich auch über und über, daß sie nun erst gewahr wurden, daß sie geschlafen hatten, während es ihnen in ihrer Seele vorkam, als wären sie die ganze Nacht hindurch vollkommen wach gewesen und hätten unerhörte Wunderdinge geschaut.
07] Judas aber sagte: »Ich glaube noch immer nicht, daß ich geschlafen habe! Habe ich doch mit dir, Simon Juda, das und jenes geredet, und du wolltest mir nichts gelten lassen und sagtest auch zu mir: >Alle diese Wunder werden dich nicht schützen, an uns allen um wenige Silberstücke einen Verräter zu machen!<, worüber ich ganz toll vor Zorn wurde und dich über eine Felswand hinab ins Meer stoßen wollte; aber da packte mich mein Thomas und riß mich auf den Boden zurück! - Sage mir, Bruder Simon, weißt du davon im Ernste nichts?!«
08] Sagt Petrus: »Keine Silbe! Ich weiß gar nicht, ob mir von dir etwas geträumt hat!«
09] Sage Ich: »Seht euch ein wenig um, ob nicht so manches in der Wirklichkeit sich gestaltet hat, was ihr im Traume gesehen habt!«
10] Die Jünger begeben sich nun nach allen Seiten des Berges hin, und es erfolgt ein Staunen über Staunen, und Andreas sagt: »Wir haben nun bisher in der kurzen Zeit von einem halben Jahre des Wunderbaren so viel gesehen und vernommen, daß man nun kaum annehmen sollte, als könnte da noch irgend etwas möglich sein, sich noch als ein größeres Wunder darzustellen; und dennoch bleiben uns allen von neuem wieder alle Sinne starr, steif und stumm! Unsere Traumgesichte werden zur Wirklichkeit!
11] Ich sah den von der Jarah erwählten Engel, der zuerst alles Wasser des Meeres in die Höhe hob und es in der freien Luft zu einem ungeheuer großen Tropfen machte; und ich sah mit meinen Augen den staubtrockenen Meeresgrund und die schöne Perlenmuschel, die die Jarah zum Gedächtnisse vom Boden hob und sie dann in ihrer Schürze verbarg, dann aber, wie der Engel, auf ein Verlangen der holdesten Gottestochter, diesen Berg nach allen Seiten hin leicht besteigbar formte, und das alles in einem schnellsten Augenblick! - Und seht, das alles ist nun auch wirklich da!
12] Mit welchen Worten und reinen Taten sollen wir denn nun unsern Herrn und Meister zu preisen beginnen? Wo ist denn der Engel, der in unsere Herzen glühende Gedanken legte, die auszusprechen wir Seiner würdig fanden? Oh, zu wie gar nichts werden wir nun vor Ihm, dem allmächtigen, ewigen Gott!
13] Unsere Väter bebten unter dem Sinai, als Er unter Blitz und Donner dem Moses auf dem flammenden Berge die heiligen Gesetze der Liebe gab! Und als Moses vom Berge kam, da leuchtete sein Angesicht vor der göttlichen Majestät stärker denn des Mittags Sonne; und er mußte sich eine dreifache Decke vor sein Angesicht hängen, damit das Volk sich ihm nahen konnte. Die geheiligten Seher des Herrn weissagten noch lange nachher, so sie nach vorangegangener Vorbereitung auf eine kurze Zeit mit der Decke Mosis nur am Haupte bedeckt wurden, und wir staunen noch heutzutage über ihre hohe Weisheit! Und hier ist Der Selbst, der auf Sinai donnerte! Sinai ward zur Glut unter dem Tritte Seiner Füße, - und wir können in Seiner allmächtigsten Gegenwart kalt bleiben wie eine schlechte Winternacht?! Darum auf und eilendsten Schrittes zu Ihm hin; denn Er ist allein heilig über heilig! Ihm allein gehört alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung!«
14] Auf die Anrede des Andreas wurden alle Jünger bis auf Judas, der den Andreas einen überspannten Schwärmer nannte, voll liebeglühenden Eifers, traten zu Mir hin und brachten Mir ein glühendes »Hosianna« zum Morgengruße.


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