Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 136

Macht der Engel. Jarahs Teletransportation auf einen Stern.

01] Darauf führt der Engel die Jarah nach allen Seiten des Berges hin, und sie überzeugt sich, daß der Berg an seiner Höhe zwar nichts verloren hat, aber nach allen Seiten hin dennoch ohne alle Gefahr bestiegen werden kann, und besonders an der vom See abgewandten Seite, wo er ganz sanft absteigt.
02] Als sich die Jarah von allem dem überzeugt hatte, sagte sie: »Die Sache ist so wunderbar, daß ich anfange, auf meine Sinne mißtrauisch zu werden, und mir gerade denken muß, daß ich auch schlafe und träume! Sage mir doch ein bißchen etwas davon, wie dir solches möglich war! Früher hast du das ganze Meer heraufgehoben und hast es frei in der Luft wie einen schwebenden Tropfen erhalten, und nun hast du den steilen Berg nach allen Seiten hin zugänglich gemacht, und das alles in einem schnellsten Augenblick! Wie, wie ist dir solches möglich? Du hast deinen Platz nie verlassen und dennoch ist dies alles verrichtet worden! - Ach, das ist doch zu viel für mich armes Erdwürmchen!«
03] Sagt der Engel: »Du kannst solches freilich nun wohl noch nicht fassen; aber es wird bald die Zeit kommen, in der dir alles das sonnenklar werden wird. Soviel aber kann ich dir dennoch vorderhand sagen, daß wir Engel nichts aus uns zu tun vermögen, sondern alles durch den alleinigen, allmächtigen Willen des Herrn, den du gar so liebhast.
04] Siehe, die ganze Welt und alle Himmel sind nichts als durch den allmächtigen, allerunerschütterlichst festesten Willen festgehaltene Gedanken und Ideen Gottes; wenn Er nun Seine Idee zurücknimmt und Seine Gedanken auflöst, so vergeht im selben Augenblick das sichtbare Geschöpf; faßt der Herr aber einen neuen Gedanken und hält ihn mit Seinem allmächtigen Willen fest, so ist das Geschöpf schon für jedermann sichtbar da!«
05] Sagt die Jarah: »Ja, was habt denn hernach ihr dabei noch zu tun?«
06] Sagt der Engel: »Wir sind pure Aufnahmegefäße des göttlichen Willens und hernach die Austräger desselben! Sieh, wir sind gewissermaßen die Flügel des göttlichen Willens und sind sonach ganz eigentlich der göttliche Wille selbst, und es genügt ein noch so leiser Gedanke von uns - so wir ihn verbinden mit der Kraft des göttlichen Willens -, da ist dann ein Werk auch schon vollbracht, und daher solche Schnelligkeit in unserem Handeln!
07] Siehst du jenen hellen Stern dort im Aufgange stehend? Sieh, wenn von hier bis zu ihm hin ein gebahnter Weg führte, wahrlich, die Erde hat nicht so viel des Sandes in den kleinsten Staubkörnchen, als ein Vogel Jahre brauchen würde, um ihn zu erreichen, geschweige ein Mensch in seiner schnell laufenden Bewegung; und sieh, mir aber ist es möglich, in einem Augenblick dahin zu gelangen und wieder hierher zurückzukommen! Du wirst meine Abwesenheit gar nicht merken, und ich werde dennoch dort und wieder hier sein! - Glaubst du mir das?«
08] Sagt die Jarah: »Warum sollte ich dir so etwas nicht glauben? Aber natürlich kann da von einer Überzeugung von meiner Seite keine Rede sein; denn dahin kann und möchte ich auch mit dir nicht also eine Reise machen, wie ehedem hinab in den Meeresgrund!«
09] Spricht der Engel: »Warum denn nicht? Sind denn bei Gott nicht alle Dinge möglich? Wenn es dem Herrn genehm ist, so ist mir das gleich! Daß dir nichts geschehen wird, dafür bürge ich und all die zahllosen Engel, die du helleuchtend nach allen Seiten hin erblickst!«
10] Sagt die Jarah zu Mir: »Herr, ist das wohl möglich?«
11] Sage Ich: »In der Hand dieses Engels, ja! So du willst, kannst du dich ihm übergeben, und in wenigen Augenblicken wirst du wieder ganz wohlbehalten hier bei Mir sein; nimm dir aber auch von dort ein Andenken mit!«
12] Nach diesen Worten übergab sich Jarah dem Engel und sagte: »Siehe, ich habe Mut; so du es vermagst, so trage mich dorthin!«
13] Da hob der Engel die Jarah von der Erde Boden, drückte sie recht innig an seine Brust und verschwand. - Nach zehn Sekunden war er wieder samt der Jarah hier, die in ihrer Schürze einen Stein hatte, der im Freien so hell leuchtete, als da leuchtet der Morgenstern in seinem schönsten Lichte.
14] Als die Jarah sich von ihrem Erstaunen ein wenig erholt hatte, da fragte sie Mich: »O Herr, sind denn alle diese unzähligen Sterne das, was jener Stern ist, den ich nun wahrhaftig mit meinen leiblichen Augen selbst oder mit meinen Gemütsaugen beschaut habe? Denn das ist ja eine ungeheure Welt! Diese Welt scheint mir nun gegen jene so klein zu sein, wie ein Schneckenhaus gegen diesen Berg! Menschen, ganz vollkommene Menschen, die in unaussprechlich großen und dabei in überaus wunderherrlich erbauten Tempeln wohnen, gibt es auch in jener übergroßen herrlichen Welt; aber diese Menschen sind so groß, daß sie den Berg wenigstens dreimal überragen würden, so sie unten am See stünden. Und so ist in jener Wunderwelt alles um viel tausendmal tausend Male größer, aber auch wirklich alles um so viele Male größer denn hier!
15] Wir standen auf einem überhohen Berge und sahen nach allen Seiten hin eine nimmer enden wollende Fläche. Diese war durchzogen nach allen Seiten hin von den herrlichsten Strömen, deren Wogen also spielten in den stets wechselnden, frischesten Farben eines Regenbogens; das Erdreich aber war bebaut mit den herrlichsten Gärten und Tempeln. Im nächsten Augenblick befanden wir uns schon unten bei den Tempeln und sahen da die großen Menschen und ihre noch viel größeren Wohntempel. In einiger Entfernung sind diese Menschen recht herrlich anzusehen; aber in der Nähe sehen sie wandelnden Bergen gleich! Ja, ich hätte schon eine recht hohe Leiter ansetzen müssen, wenn ich nur die kleine Zehe eines dortigen Menschen hätte ersteigen wollen!
16] Kurz, ich könnte Dir mein Leben lang in einem fort erzählen, was ich dort nur in den wenigen Augenblicken gesehen habe; aber das hieße, die Zeit, die Du, o Herr, für etwas Besseres bestimmt hast, mit unnützen Dingen verplaudern! Aber nur das möchte ich von Dir erfahren, ob alle diese zahllos vielen Sterne eben auch solche Welten sind, wie der von mir gesehene eine ist!«
17] Sage Ich: »Ja, Mein Kindchen, und das noch viel größere und viel herrlichere! Aber glaubst du wohl fest, daß du nun in diesen wenigen Augenblicken in jenem Sterne mit Leib und Seele gewesen bist? Sage Mir das!«
18] Sagt die Jarah: »Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben, wir machten auf dem Hinfluge vier kurze Abschnitte. Und da zeigte sich bis zum vierten Abschnitt der Stern, den ich jetzt noch gar gut sehe, immer unverändert als Stern; aber beim vierten Abschnitt ward er so groß wie unsere Sonne am Tage. Von da an dauerte es nur noch einen allerkürzesten Augenblick, und wir waren schon in jener herrlichen Welt. Von dem Berge, auf dessen Spitze wir zuerst uns befanden, löste ich auf Anraten des Engels ein Steinchen vom Boden - es ist dies leuchtende Klümpchen - und nahm es zum Beweise mit hierher, daß ich richtig auch dort war. Mehr kann ich Dir zum Beweise meines wirklichen Dortseins nicht kundgeben.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers