Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 121

Jesu Unterredung mit Römerhauptmann Julius über die Bosheit der Templer.

01] (Der Herr:) »Die Pharisäer, die Meinetwegen von Jerusalem hierhergereist sind, und die unser Freund auf eine wahrhaft weise Art ins Bockshorn getrieben hat, werden Mir morgen hart zusetzen, so sie Mich werden erkannt haben. Ich aber werde ihnen zum ersten Male reinen Wein zum Verkosten geben, das heißt, Ich werde ihnen die volle Wahrheit unumwunden ins Gesicht sagen.
02] Die Kranken, die hier sind, und die noch kommen werden, diese sollen nichts als nur den Saum Meines Oberrockes anrühren - und sie werden gesund werden. Meine Jünger sollen darauf das Morgenbrot mit ungewaschenen Händen essen, und das wird genug sein, um diese wahren Erzphilister von Pharisäern und Schriftgelehrten in allen Harnisch zu bringen. Darauf werden sie gleich mit ihren bekannten Fangfragen beginnen, und Ich werde ihnen Antworten geben, die ihnen noch um vieles saurer und bitterer vorkommen werden als Essig und Galle, ein bekanntes Getränk, mit dem sie den armen Sündern den Durst zu löschen pflegen. - Nun aber werden wir die paar Stunden bis zum Tage schweigend zubringen.
03] Meine Jünger haben sich nun auch mit ihren zwei Essäern und etlichen Pharisäern und Schriftgelehrten zur Ruhe begeben und haben ein gutes Werk vollbracht; denn sie haben sie alle für Mich gewonnen. Zwei junge Pharisäer aber, Pilah und Ahab, ersterer aus Kis und letzterer aus Jesaira, beide Hauptredner und dabei nüchterne, kluge Menschen, sind schon längere Zeit unter Meinen Jüngern. Diese, erst gestern morgen hier angelangt, haben sich gleich wieder zu Meinen Jüngern gesellt und bei dem Bekehrungswerke Meine Jünger ganz vorteilhaft unterstützt; denn Meine Jünger, durchgängig Fischer bis auf drei, haben noch zu wenig gewandte Zungen, und daher leisten ihnen die beiden jungen Pharisäer gute Dienste.
04] Gehe du, Ebahl, aber zu ihnen und sage es den Jüngern, daß sie morgen mit ungewaschenen Händen das Brot des Morgens essen sollen, und die andern hier bekehrten Pharisäer und Schriftgelehrten samt den zwei Essäern sollen sich unterdessen verborgen halten, bis die Jerusalemer abgereist sein werden; dann erst sollen sie hervorgehen, und Ich werde sie segnen. Wollen sie sich dann umkleiden und bei Mir bleiben, oder wollen sie vor den Menschen ins Gesicht das fortan sein, was sie bis jetzt waren, so steht ihnen beides frei und offen. Gehe und berichte das den Jüngern und den andern, - du weißt schon wem!« - Ebahl entfernt sich sogleich und richtet alles genau aus, wie Ich es ihm angegeben habe. Und alle sind froh über diese Nachricht und versprechen, alles pünktlich und genau zu halten, was zu beachten Ich ihnen verkünden ließ.
05] Ebahl kommt zurück und erzählt uns gleich die gute Aufnahme, die seinem ausgerichteten Auftrage zuteil ward. Alle freuen sich dessen, und der Hauptmann sagt: »Ich freue mich ganz ungemein auf den morgigen Tag; aber das sage ich auch, und ganz besonders nun durch den merkwürdigen Traum der liebsten Jarah angeregt dazu, daß ich mit den Kerlen durchaus keinen Scherz treiben werde. Sobald sie mir Flausen machen, lasse ich sie stäupen, daß ihnen das böse Blut stromweise von den Rücken fließen soll! Denn Wortschläge sind für diese Unmenschen viel zuwenig und spornen sie nur noch mehr zur Rache an; aber eine Stäupung auf Leben und Tod wird sie in ihrem bösen Eifer sehr abkühlen. Es ist noch nicht gewiß, daß ich's tue; aber ungewiß eben auch nicht!
06] Es könnte sehr leicht möglich sein, daß diese Kerle und ihre Helfershelfer in Jerusalem an Dir, o Herr und Freund, im Ernste, so nur irgendein Haar von einer Möglichkeit vorhanden ist, das auf ein Haar verübten, was im ersten Traume das Mägdlein gesehen hat! Ich sage, ein Fünklein Möglichkeit und der höchst weibisch schwache Landpfleger Pontius Pilatus dazu und Dich nageln sie mir und dir nichts ans Querholz!
07] Ja, wenn ich in Jerusalem Landpfleger wäre, da sollte einer versuchen, an Dich seine Hand zu legen! Den hängte ich zehnmal ans Querholz und ließe ihm erst beim zehnten Male die Beine brechen! Aber ich bin leider hierher postiert und könnte Dir nicht zu Hilfe kommen, und Deine Freunde Cyrenius und Kornelius auch nicht; darum muß man diesen Kerlen vorher ihren verderblichen Mut abzukühlen anfangen, auf daß sie ganz gehörig eingeschüchtert sind und fürder nicht so leicht wo immer es wagen sollen, an Gottesmänner, wie Du einer zuallerhöchst bist, ihre scheußlichen Tatzen zu legen!
08] O wartet, ihr Lumpen, der morgige Tag soll für euch ein so heißer werden, daß ihr mir vor lauter Hitze Blut schwitzen sollt! Wenn die Kerle so einige recht derbe Lektionen bekommen werden, da möchte ich beinahe ums halbe Römische Reich wetten, daß sie in ihren schlechten Handlungen wenigstens in deren grausamsten Teilen nachgeben werden; aber ihr altes böses Leder muß zuvor ordentlich durchgegerbt werden! Dixi (Ich habe gesprochen)!«
09] Sage Ich: »Du kannst zwar tun, was du willst, und Ich werde dir nicht sagen: Tue es nicht! Denn du bist einer Meiner weisesten Freunde, die Mir irgend vorgekommen sind. Du hast wirklich in allen deinen Worten und Handlungen einen richtigen Takt; aber Ich sage es dir, es wird das alles dieser bösen Art nichts helfen, sondern sie nur noch böser und dabei verschmitzter machen. Denn die einmal des Satans sind, die sind es ganz, und man kann sie dann und wann mit Wortschlägen noch am ehesten zu etwas Besserem wenden, so wie dies nun Meine Jünger gemacht haben und wie solches geschehen ist in Nazareth, wo der Oberste samt den Pharisäern und Schriftgelehrten zu Meiner Lehre sich bekannt haben. Aber vielfach ist auch nichts zu machen und mit deiner Art ebensowenig! Denn einen Teufel treibst du mit der Rute hinaus, dafür aber wandern an des einen Stelle zehn andere hinein, von denen jeder ärger ist als der frühere eine.«
10] Sagt der Hauptmann: »So wahr ich Julius heiße, werde ich auch an keinen eher die Rute und die Geißel legen lassen, bevor ich nicht durch die äußerste Not dazu gezwungen werde; werde ich aber das, dann wehe den Kerlen!«
11] Sage Ich: »Da hast du wieder ganz recht! Man muß die Geduld so lang und weit als möglich hinausdehnen; sind aber einmal die äußersten Grenzen erreicht, dann heißt es aber auch, ohne allen weiteren Aufschub und ohne alle Schonung mit allen Blitzen und Donnern dareinhauen, sonst kämen die Sünder gleich auf die Idee, man scherze und spiele mit ihnen wie mit den kleinen Kindern!«
12] Sagt der Hauptmann Julius: »Ganz meine Maxime! Bis ich jemanden strafe, da braucht es viel; aber nötigt mich ein Unverbesserlicher dazu, so wird er sich's aber auch merken, wenn er von mir gestraft worden ist! - Aber jetzt glaube ich, wollen wir die paar Stündchen noch ein wenig ruhen; denn es fängt schon zu grauen an!«
13] Sage Ich: »Ja, tun wir das hier, ein jedes auf seinem Plätzchen!«
14] Darauf ist alles stille, und über jedes Auge senkt sich zwar ein kurzes, aber dabei dennoch honigsüßes Schläfchen. Und als man darauf allgemein erwacht, ist jeder so gestärkt, als ob er eine ganze Nacht auf weichem Lager ganz gut geschlafen und geträumt hätte.


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