Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 106

Welterfahrung des römischen Hauptmanns.

01] Sagt der Hauptmann: »Lieber Freund, ich erkenne es wohl, daß du die Wahrheit redest und es also sein sollte, wie du nun gar weise und menschenfreundlich zu mir geredet hast; aber die Welt der Menschen ist ein gar mächtiger Strom, gegen den sich sehr schwer schwimmen läßt. Wer es noch irgendwo versucht hatte, ist von den mächtigen Stromwirbeln verschlungen worden. So etwas kann nur an kleinen, ruhigen Orten geschehen, dahin der Strom nicht reicht mit seiner verheerenden Macht; wer sich würfe in des Stromes Mitte, der ist verloren!
02] Also hast du, lieber Freund, gut die Wahrheit zu reden in einem ruhigen Orte, dessen Menschen weich und fügsam sind und noch nicht den luxuriösen Pesthauch der großen Welt eingeatmet haben; aber gehe hin nach Rom, nach Athen, nach Jerusalem, und so du nicht völlig ein Gott bist, so wirst du nur zu bald alle Schärfe des Schwertes der Mächtigen der Erde zum Verkosten bekommen gleich dem Johannes von Bethabara, den der mächtige Herodes im Gefängnisse hat enthaupten lassen.
03] Siehe, dieser Johannes war doch sicher ein Mann, der, himmelweit abgesehen von jedem weltlichen Erwerbe, in der tiefst möglichen Selbstverleugnung den Menschen mit hinreißender Redekraft die allernackteste Wahrheit ins Gesicht sagte, und Tausende nahmen seine wirklich von einem göttlichen Geiste durchglühte Lehre an, taten Buße aus freiem Willen und bekehrten sich zum Guten. Aber als er vor etwa ein paar Monaten Bethabara verließ, wie man es mir erzählte, und am großen Jordan in der Nähe von Jerusalem zu predigen und zu taufen begann, da dauerte es nur wenige und die Häscher des Herodes bemächtigten sich schon seiner und warfen ihn ins Gefängnis, in das nur seine etlichen wohlhabenden Jünger gegen Entrichtung einer gewissen Taxe einige Male vor seiner Enthauptung kommen durften, von der ich vor ein paar Tagen Kunde erhielt. Nun können freilich wohl seine Jünger die von ihm empfangene Lehre ganz geheim ihren Bekannten und Verwandten mitteilen, und diese ihren Kindern; aber es ist eine große Frage, ob nach ein paar hundert Jahren sich seine Lehre so erhalten wird, wie sie aus seinem Munde kam!
04] Unsere römische Gotteslehre hat sicher den haargleichen Ursprung wie die der Juden; sie basiert ja auch auf nur einem Urgrundwesen, dem sogar alle Götter ohne Unterschied untertan sind! Die Mythe hat diesem Wesen verschiedene Namen beigelegt; die Griechen nennen es noch den unbekannten Gott der Götter, die Römer heißen es das Fatum, dem jede andere Macht untertan ist.
05] Schau die gegenwärtige Gottheitslehre der Griechen und der Römer an, und du findest nichts als für einen denkenden Menschen höchst läppische, nichtssagende Fabeln und Märchen, aus allen Winkeln der menschlichen Tugenden mitunter, aber zumeist dennoch aus den menschlichen Leidenschaften, Schwächen und Lastern zusammengetragen; und das wird als Gotteslehre den Menschen mit Feuer und Schwert aufgedrungen! Mach es aber anders, wenn es dir möglich ist! Von meiner Seite wenigstens wird dir nichts in den Weg gelegt werden!
06] Das schönste Beispiel aber gibt dir deine Mosaische Gotteslehre selbst! Lies den Moses und schaue dir hernach den Tempel an, und sage es mir, ob wohl noch ein Häkchen der alten Weisheitslehre vorhanden ist! Gott Selbst habe in der Wüste am Roten Meer vom Sinai herab unter Blitz und Donner dem bebenden Volke die wahrlich heilsamen Gesetze auf steinernen Tafeln gegeben und befestigte den alten Bund zwischen Sich und Seinem Volke; die es wagten, abtrünnig zu werden, wurden augenblicklich gezüchtigt durch allerlei Übel, ja selbst durch den Tod! Aber wozu war alles das gut? Frage die nun ins Scheußliche gehenden Mysterien des Tempels, und sie werden dir die handgreiflichsten Nichtigkeitsbeweise liefern!
07] Wo ist die wunderbare Bundeslade, über der Gott in der Gestalt einer Flammensäule ruhte? Ja, eine Naphthaflamme kannst du zu sehen bekommen, wenn du ein Römer bist und dafür etwas Gold und Silber dem Tempel opferst; aber von der wunderbaren Bundeslade ist keine Spur mehr anzutreffen!
08] Daher ist es nach meiner unmaßgeblichen Ansicht mit jeder Gotteslehre und mit jeder Offenbarung nichts; sie mag in ihrem Entstehen noch so rein sein, so wird sie in den Händen der Menschen nur zu bald also umgestaltet werden, daß sie der ursprünglichen ebensowenig ähnlich sieht, als ein hundertjähriger Greis mit dem eine Ähnlichkeit hat, wie er als ein neugeborenes Kind ausgesehen hat! Die Zeit und die mannigfachen Leidenschaften und Bedürfnisse der Menschen verwandeln das Reinste in das Unreinste; und als großer, nie besiegbarer Zeuge zur Steuer dieser Wahrheit steht die Geschichte aller Zeiten und aller Völker vor uns, die von niemandem geleugnet werden kann!
09] Siehe weiter, Freund: obschon ich mich nie so weit überschätzen möchte, daß ich mir einbildete, dir einen Lehrer abzugeben imstande zu sein, so glaube ich aber hie und da - abgesehen von deiner sicher allertiefsten Kenntnis der geheimen Kräfte der Natur - in der besseren menschlichen Hinsicht denn doch auch etwas weniges zu verstehen und rate es dir, als sicher ein dir ähnlicher Menschenfreund, die großen Orte, in denen die Menschheit schon zu sehr bis in den tiefsten Lebensgrund verdorben ist, ja mehr noch als die ärgste Pestilenz zu fliehen, sonst wird der Erdboden nicht lange mehr von deinen heilbringenden Füßen betreten werden!
10] Traue den Pharisäern, Schriftgelehrten, deiner eigenen Gotteslehre nicht und betritt jene Gegenden selten, über die Herodes seine Lehensherrschaft ausübt, so wirst du der armen Menschheit noch lange Gutes tun können; setzest du dich aber über alles das hinaus, so wirst du leider nur zu bald das herbe Los mit dem Johannes teilen! Denn ich bin in der Lage, zu wissen aus dem Fundamente, wie unbeschreiblich schlecht nun die Menschen der eigentlichen Welt sind! Nimm der Regierung Roms heute das Schwert aus der Hand und hebe die drückenden Gesetze auf, und du wirst am nächsten Tage die Menschen untereinander noch ärger wirtschaften sehen als eine große Herde von Tigern, Bären, Wölfen und Hyänen! Die Männer werden zu Teufeln und die Weiber zu Furien!«


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