Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 91

Die Freunde Jesu bei Borus.

01] Diese Nachricht betrübt den Obersten, und er kehrt, von Borus geladen, mit Chiwar in dessen großes, palastartiges Haus, wo Borus natürlich auch sogleich alles aufbieten läßt, um den neuen Obersten so glänzend als möglich zu bewirten.
02] Es kommen auch Bab und Roban dazu, und es wird den ganzen Abend hindurch natürlich von nichts gesprochen als von Jesus dem Herrn.
03] Aber endlich fragt der Oberste und sagt: »Aber saget mir denn doch, was denn ganz eigentlich der Grund gewesen sein mag, daß er sich nach alledem, was ich bis jetzt alles von ihm und über ihn vernommen habe, nicht mehr getraut hat, hier zu verweilen? Denn ganz etwas anderes wäre es, so er vorgeblich seines allerhöchsten Berufes wegen sich irgendwohin von hier auf eine Zeitlang hätte begeben müssen; aber so scheint die Furcht vor Herodes allein ihn von hier entfernt zu haben! Ein Mann aber wie er, insoweit mir nun Sein Wesen bekanntgegeben worden ist, dem Himmel und Erde gehorchen, der dazu noch den römischen Oberstatthalter zu seinem intimsten Freunde hat, sollte doch offenbarst ewig keinen Grund haben, vor dem schwachen Pachtkönige Jerusalems die Flucht zu ergreifen!
04] Wahrlich, man nehme die Sache, wie man will; aber so viel ist gewiß, daß es für die Bewohner der Erde dann durchaus nicht gut aussieht, so ein Gott einmal vor den Teufeln Sich zu fürchten anfängt und vor ihnen die Flucht ergreift! - Hm, hm, je mehr ich darüber nachdenke, desto rätselhafter erscheint mir die ganze Sache!
05] Gebet mir darüber bessere Aufschlüsse, sonst muß ich euch allen, so lieb ihr mir seid, ganz offen erklären, daß ihr samt mir euch an diesem Manne doch gewaltig möget geirrt haben; denn der Allmächtige hat wahrlich nicht nötig, Sich vor einem Herodes, der vielleicht gar noch nie daran gedacht hat, Ihn verfolgen zu wollen, zu fürchten! Denn ich, als ein Günstling dieses Pachtkönigs, kenne ihn besser als jeder von euch und weiß, daß er schon tausendmal in dieser kurzen Zeit bereut hat, den Johannes getötet zu haben. Denn der plötzliche Tod der Herodias und deren Tochter haben den Pachtkönig in eine solche Angst versetzt, daß er sein Leben lang sicher nie wieder einen Propheten wird töten lassen!
06] Jesus muß daher aus einem ganz andern Grunde von hier so schnell abgereist sein! Und hätten ihm auch die erregten sieben Jünger Johannis noch so gräßliche Dinge von Herodes erzählt, da frage ich, ob ein allwissender Mann, der, von Gott ausgehend, sicher weiß, was wir hier nun über ihn verhandeln, denen Glauben schenken kann, die offenbare Lügen hervorgebracht haben werden!? Weiß von euch denn niemand mir zu meiner Beruhigung einen besseren Grund seiner so plötzlichen Abreise anzugeben?«
07] Sagt Boris: »Lieber Freund, da wird es allerdings einen kleinen Haken haben, da uns alle Seine Flucht so gut wie dich befremdet hat, obschon wir vollkommen überzeugt sind, daß Er dennoch das und Der ist, als den wir Ihn anerkannt und angenommen haben. Er hat Sich auch - so ganz offen gesprochen - vor dir gefürchtet und darum schon heute früh alle die vielen Jünger entlassen samt den hohen Römern, die bei Ihm waren nun etliche Tage hindurch. Aber wie ich es nun sehe, so hätte Er wenig Grund haben sollen, Sich vor dir zu fürchten, da du nun für Ihn und durchaus nicht wider Ihn bist; es muß daher in Ihm doch ein ganz anderer Grund sein, der Ihn zu dieser plötzlichen Abreise bestimmt hat, als der, den wir aus der Erscheinung füglich annehmen müssen.«
08] Spricht der Oberste: »Saget mir aber doch, wie die Sache herging und sich verhielt, bevor er sich zur Abreise anschickte! Vielleicht gelingt es dann mir, oder noch eher dem Freunde Chiwar, einen vernünftigeren Grund herauszufinden!«
09] Sagt Borus: »Die Sache ging also her: Schon vormittags sandte Er Seine zwölf Jünger, die Er 'Apostel' nennt, gegen das Meer hinaus, daß sie irgendein Schiff für Ihn herrichten sollten, und wahrscheinlich um zugleich Erkundigungen einzuholen, ob nicht irgend von Jerusalem ausgesandte Laurer und bedungene Meuchelmörder sich vorfänden. In Sibarah, dem Mautorte, der einem gewissen Matthäus, der auch ein Jünger Jesu ist, gehört, kamen die Jünger Jesu mit den sieben Jüngern des Johannes zusammen, mit denen sie schon früher einmal zusammengekommen waren - ich glaube bei der Gelegenheit, als Johannes schon im Gefängnisse war und die Worte Jesu vernommen hatte. Diese sieben Jünger erzählten den Aposteln alles, was sich in Jerusalem mit ihrem Meister zugetragen hatte. Und zugleich erzählten sie, wie denn doch ganz geheim Herodes - obschon er denen, die ihm von Jesus die Nachricht hinterbrachten, offen gestand, daß dieser der vom Tode auferstandene Johannes sei - Laurer und Mörder ausgesandt habe, sie dahin bescheidend: Werden sie finden, daß der vermeintliche Jesus im Ernste der auferstandene Johannes ist, so sollen sie ihm nichts tun, sondern ganz friedlich heimkehren; sei es aber im Ernste Jesus, so sollen sie Ihn ohne weiteres zu töten versuchen! Gelänge ihnen der Mord, so hätten sie von Herodes eine große Belohnung zu gewärtigen; gelänge ihnen aber der Mord nicht, und zwar darum, daß Jesus gleichsam ein nicht zu tötender wirklicher Gottmensch sei, so hätten sie von Herodes den gleichen Lohn zu gewärtigen, und er werde dann mit seinem ganzen großen Hofstaate ein Anhänger Jesu werden! - Solche Nachricht brachten die Jünger Johannis, mit den Jüngern Jesu hierher nach Nazareth kommend, Jesu dem Herrn.
10] Als Er solches vernommen hatte, da sagte Er: 'Durch diese schnöde Probe soll Herodes ewig nie Mein Jünger werden! Die Erde ist groß, und Ich werde schon noch ein Plätzchen finden, allwo Mich die schnöden Apostel des Herodes nicht finden sollen! Ist denn des Menschen Sohn gekommen, durch bedungene Mörder das zu werden, was Er ist? Nein, und ewig nein! Wer Mich mit Mordwerkzeugen in der Hand fragt, wer Ich sei, dem soll ewig nie eine Antwort werden! Es ist aber ohnehin Zeit, daß wir von hier aufbrechen, und so gehen wir und sehen, auf fremdem Boden uns Menschen zu gewinnen, die uns auch ohne Mordwerkzeuge gegen unser Leibesleben glauben werden, daß wir das sind, was wir sind!'
11] Auf diese Worte Jesu aber geschah denn auch sogleich die Abreise; denn Er sagte: 'Gehen wir, denn nun will Ich es und sehe es darum auch, daß und wo sich bereits sechshundert solche herodianische Mordapostel gegen Mich, und zwar schon sehr nahe, befinden; darum begeben wir uns aber auch sogleich von hier!' - Mit dem begaben sich dann alle Seine und des Johannes Jünger auf den Weg gegen Sibarah hin und werden sich nun schon auf der hohen See befinden!«


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