Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 89

Unterredung zwischen Korah und Chiwar über den Messias. Satan fordert Chiwar zum Kampf heraus.

01] Sagt der Oberste: »Freund, ich liebe dich; denn eine so ehrliche Seele wie du ist mir noch nicht untergekommen! Wahrlich, du hast ganz recht! Ich kenne diesen Jesus noch viel zu wenig, als daß ich gleich vollauf deiner Ansicht mich anschließen könnte! Aber soviel meine auch ich: Wenn die Verheißung nicht eine ganz hohle Nuß ist, die sich geschichtlich gewiß seit David her wenigstens irdisch noch nie bestätigt hat - denn vom ewigen Reiche Davids sind nun die Römer ein noch handgreiflicherer Gegenbeweis als die vierzig Jahre andauernde babylonische Gefangenschaft -, so bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir den Glauben zu teilen. Aber es fragt sich nun nur darum, was zu alldem ihr alle saget, und was die Priester und Pharisäer der anderen Städte!?«
02] Sagt Chiwar: »Was ich dir hier sage, ist unser aller Stimme in dieser Stadt; die zu Kapernaum sollen zufolge einiger derber Lektionen, die ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten zuteil geworden sind, nicht ferne davon sein, und was die noch andern Städte betrifft, das lassen wir einstweilen auf sich beruhen und lassen sie bis auf ein günstiges Weitere bei ihrem alten Wahne!
03] Wenn hier dein Sitz für die Zukunft ist, da laß nur mich Sorge tragen, und Galiläa steht in wenigen Jahren, als für sich abgeschlossen, vom Tempel vollkommen unabhängig da! Galiläa steht ohnehin im Tempel auf dem letzten Pergamentblatte angeschrieben! Was liegt nun daran, so wir auch dies letzte Blatt ausreißen! Die Römer und Griechen haben wir für uns, und das fest, und so ein bißchen von der allmächtigen, lebendigen Gnade Gottes auch, und es soll dem Tempel ganz verzweifelt sauer werden, unsere Ysopstauden zu belecken!«
04] Sagt Korah, der Oberste: »Ich gebe dir in allem ganz recht und bin nun auch auf einmal mehr noch denn früher überzeugt, daß du recht hast; aber bedenken müssen wir immer, daß der Erzengel Michael, als der mächtigste aller Himmelsgeister nach Gott, mit all seiner Kraft und Macht drei Tage und Nächte einen harten Kampf mit dem Satan um den Leib Mosis zu bestehen hatte! Nun, wenn es der Satan mit uns aufnähme, wie würden da wir den Kampf mit ihm bestehen?«
05] Sagt Chiwar: »Nicht mit einem, sondern mit zehntausend Satanen nehme ich's allein auf, obschon ich noch gar lange kein Michael bin! Man muß nur Mut haben und dem bösen Luder alle Wege verlegen, so richtet er auch mit seiner ganzen Hölle voll Teufel nichts aus; aber wenn man ihm einmal Blößen zeigt, wo er leicht einen Anhangspunkt finden kann, dann dürfte der Kampf freilich ums hundertfache schwerer werden!
06] Aber so wahr ein Gott mich erschaffen hat: einen Tempel werde ich darum dem Satan nie erbauen und ihm Weihrauch streuen, daß er mich darum in der Ruhe belassen möchte! Er komme, so es ihn gelüsten sollte, mit Chiwar einen Kampf zu beginnen, und ihr sollet Zeugen sein, daß ich mit ihm eher denn in drei Tagen fertig werde!«
07] Sagt der Oberste: »Freund, du wagst viel, als Mücke es mit einem Löwen aufzunehmen und ihn sogar zum Kampfe ordentlich herauszufordern, während du nur Gott bitten solltest, daß Er dich für ewig vor den Nachstellungen des Satans verschonen möchte!«
08] Sagt Chiwar: »Freund, ich kenne aber einen Namen, und dieser genügt für Legionen von Satanen und Teufeln! Wo ist er denn, so er Mut besitzt, sich mit mir in einen Kampf einzulassen?
09] Die Mücke ist zwar hinsichtlich der Stärke ein purstes Nichts gegen einen Löwen; aber so die Mücke es will, treibt sie den stärksten Löwen dennoch in eine tagereisenweite Flucht! Sie stößt fliegend in sein Ohr und summt ihm im Ohre also, daß der Löwe am Ende der Meinung wird, es brause der höchste Sturm, und der Tiere König ergreift bald die schmählichste Fluch!
10] Und so ist es gerade nicht notwendig, dem Mächtigen gegenüber übermächtig zu sein, sondern da geht die rechte Klugheit über alles! Siehe, du selbst bist mit einer starken Portion des echten Satanismus zu uns gekommen; und siehe meine etwaige Klugheit hat ihn zuschanden gemacht, und du stehst nun als ein freier Mann und als ein von uns erwählter Oberster vor uns allen, und es hat uns darum der Satan noch keinen Schaden zuzufügen vermocht - und wird uns auch fürder keinen zuzufügen vermögen!
11] Ich weiß, was ich weiß, und kann, was ich kann; aber dafür stehe ich, daß der Satan in Ewigkeit mein Meister und Herr nicht wird!«
12] Sagt Korah: »Freund, rede nicht zu laut; denn der Böse soll seine Augen und Ohren überall haben! Mit der Hilfe Jehovas und deines mir noch zu wenig bekannten Messias wird er uns wohl freilich nichts anhaben können; aber herausfordern wollen wir ihn durchaus nicht! Gott behüte uns vor seinem wie immer gearteten Besuche!«
13] Sagt Chiwar: »Allerdings werde auch ich den Kampf nicht wünschen, aber auch nicht die allerleiseste Furcht davor haben!«
14] Als Chiwar solche Worte ausgeredet hatte, siehe, da trat auf einmal ein unbändig großer Riese in den Speisesaal und mit hohnzorniger Miene vor den Chiwar hin und sagte mit einer donnerähnlichen Stimme, daß darob die Pfeiler des Saales erbebten: »Bist du die lose Mücke, die in des Löwen Ohr ein Sturmgetobe erheben will? Versuche es, du elender Wurm des Erdstaubes, wie du kämpfend mit mir zurechtkommen wirst! Ich vermag auch etwas, das dir noch sehr unbekannt sein dürfte! Siehe, dein Messias hängt nur von meiner Großmut ab, weil es für mich denn doch nicht gar zu ehrenvoll ist, mit Mücken mich in einen Kampf einzulassen; aber wenn er mir viel Flausen macht, so laß ich ihn ohne weiteres ans Querholz spannen, und du kannst dann deinen Messias am Querholze anbeten! - Was aber willst du nun machen, so ich dich augenblicklich in sonnenstaubgroße Stückchen zerreiße?«
15] Hier erhebt sich Chiwar ganz sachte von seinem Platze und herrscht den Riesen, respektive Satan, mit folgenden Worten an: »Wie du Elender hereingekommen bist, so siehe wieder - und zwar mit dem ernsten Vorsatze, ewig nie mehr diese heilige Stätte zu betreten - ebenalso hinauszukommen, sonst richte dich Jesus der Herr!«
16] Bei der Nennung des Namens Jesus wich der Riese gleich mehrere Schritte zurück und drohte höchst zornglühend, ihm diesen verhaßtesten Namen ewig nie wieder zu nennen!
17] Chiwar aber sagt: »Ich muß in deinem Ohr ja ein Gesäuse machen, auf daß du erfahrest, wie der Löwe vor einer summenden Mücke flieht!« - Hierauf beginnt er wieder: »Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, richte und züchtige dich! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, treibe dich ewig von hier aus! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, züchtige dich für deine zahllosen Frevel!«
18] Der Satan wartete aber die letzte Strophe nimmer ab, sondern entfernte sich mit einem Donnergeheule.
19] Hierauf sagt Chiwar zu dem vor Angst noch wie das Espenlaub bebenden Korah: »Hast du nun gesehen, wie man den Löwen in die Flucht treiben kann? Warum hat er mich denn nicht sogleich zu Staub zerrissen? Siehe, das ist seine Ohnmacht! Er komme nur wieder, wenn es ihn jucken sollte, und ich stehe dir bei dem Namen meines Jesus dafür, daß er ein zweites Mal noch geschwinder hinauskommen wird, als er diesmal hinausgekommen ist!«
20] Sagt der Oberste: »Höre Freund, deinen unbegreiflichen Mut bewundere ich über alle Maßen, und - bei allen Erzvätern! - ich fühle mich nun ganz in deren wundervolle Zeiten zurückversetzt! Aber laß es dir dennoch gesagt sein, den Satan ja nie wieder zu einem neuen Kampfe aufzufordern; denn er ist endlos erfinderisch und soll alle Gestalten, selbst die eines Lichtengels, annehmen können, und ich glaube, daß er in einem sanften himmlischen Anzuge bei weitem gefährlicher ist als in dem, in welchem wir ihn jetzt zu erschauen die wahrhaft höllische Ehre hatten!«
21] Sagt Chiwar: »Den Probierstein haben wir ja, und an dem läßt sich gleich erkennen, wessen Geistes Kind irgendeine wie immer gestaltete Erscheinung ist! Aber wir können nun völlig ruhig sein; denn für diesmal düfte er auf lange Zeit genug haben!«


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