Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 73

Abendmahl Jesu mit Jüngern bei Maria

01] Als Ich solches dem Cyrenius mitgeteilt hatte, hatten wir auch die Heimat erreicht, allwo schon ein ganz tüchtiges Abendmahl unser harrte, bestehend wie gewöhnlich aus Brot, Wein und einer Menge wohlzubereiteter Fische. Der Knabe Josoe war besonders lüstern auf die Fische und zeigte eine große Freude über die wohlbesetzten Tische.
02] Jairus aber sagte zu ihm: »Mein lieber Neffe, du mußt nun nicht gar so heißhungrig das Abendmahl verzehren, weil dein gewisserart neu erschaffener Magen doch noch nicht fähig sein dürfte, eine zu starke Masse dieser irdischen Speisen zu vertragen!«
03] Sagte der Knabe: »Sei du, lieber Oheim, deshalb nur ganz unbesorgt! Der mich vom Tode erweckt hat, würde meinem Magen sicher keine so große Eßlust eingepflanzt haben, so es dem Magen im Ernste schädlich sein sollte, nun etwas mehr Nahrung zu sich zu nehmen als sonst in einem schon immer gesättigten Zustande; denn es ist kein Scherz für den Menschen, anderthalb Jahre tot und ohne Nahrung gewesen zu sein! So du das einmal an dir erführest und nun meinen neugeschaffenen Magen in dir hättest, dann würdest du meine Eßlust ganz leicht begreifen. Aber es kann nicht ein jeder Mensch in meine Lage (kommen), und darum läßt sich in dieser Sache nun mit mir denn auch kein Streit anfangen. Ich weiß es nun am besten nächst Dem, der mich erweckt hat, wie es mir geht, und du sorge dich darum ja nicht, daß mir nun ein paar Fische, ein Stück Brot und ein Becher Wein nur im geringsten schaden werden!«
04] Sagt Jairus: »Von mir aus ist dir alles von Herzen vergönnt; ich habe es mit dir nur gut gemeint.«
05] Nach diesem kleinen Gespräche zwischen dem Jairus und dessen Neffen Josoe begaben wir uns zu Tische und verzehrten das Abendmahl recht fröhlich und heiter; und es ward dabei viel geredet über manches, was da geschehen ist, und was etwa zu Jerusalem darüber geredet wird.
06] Die Jünger aber erkundigten sich um den Knaben und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten. Bald fragten sie den Knaben, bald den Jairus, bald die beiden Jünglinge, die auch mit uns an der Haupttafel saßen, was es denn da mit diesem Knaben für eine Bewandtnis hätte. Es müßte dahinter gar etwas Außerodentliches stecken; denn es sei ihnen nur zu bekannt, daß Sich der Herr mit gar zu gewöhnlichen Knaben nie über die Gebühr abzugeben pflege. Aber der Jünger Fragen war hier ein vergebliches, da ihnen darüber niemand eine befriedigende Antwort erteilte.
07] Als aber die Maria merkte der Jünger Ungeduld, da sagte sie zu ihnen: »Was euch not tut, wird euch nicht vorenthalten; das euch aber offenbar nicht not tut, warum forschet ihr danach? Tut, was Er euch sagt, und wollet nie mehr wissen, als was Er euch als für euch notwendig zu wissen offenbart, so werdet ihr Seinem Willen gemäß leben und handeln und eures ewigen Lohnes versichert sein; alles aber, was ihr wollt wider Seinen Willen, ist Sünde wider den Meister, der euer Heiland ist - leiblich und geistig! Merket euch diese Lehre!«
08] Auf diese recht weise Ermahnung der Mutter Maria stellten die Jünger ihre Forschungen über den Knaben ein und besprachen sich über ihn bloß unter sich, und Petrus wandte sich an Meinen Liebling Johannes und fragte ihn, was er von diesem Knaben halte.
09] Aber Johannes sagte zu ihm: »Hast denn du nun die lieben Worte der herrlichen Mutter überhört, daß es dich noch gleichfort jucken kann zu erfahren, was vorderhand der Herr sicher aus höchst weisen Gründen nicht gewillt ist, uns kundzugeben? Sieh, mich juckt es aber wieder gar nicht; wir wissen, was wir wissen, und das ist genug! So wir aber auch wissen wollten, was der Herr über unser Wissen endlos weit hinaus weiß, so wäre solch ein Verlangen von unserer Seite doch sicher die größte Torheit, und wir alle verdienten eher alles - denn Seine Jünger zu sein!«
10] Sagt Petrus: »Ja, ja, du hast auch recht; aber es ist die Wißbegierde auch ein großes Gut, vom Herrn Selbst in des Menschen Herz gelegt, und hätte der Mensch diesen höchst edlen Drang nicht, so wäre er gleich wie ein Tier, das meines Dafürhaltens von einem wissensgierigen Drange sicher keine Spur in seiner stumpfen Seele besitzt. Das rein Göttliche des Wissensdranges scheint mir wenigstens schon darin zu liegen, daß dieser einem Durste im Traume gleicht, zu dessen Stillung die träumende Seele nicht selten ungeheure Gefäße voll Wasser oder Wein verzehrt und dabei aber dennoch gleichfort durstig bleibt und nach stets größeren Ouantitäten von durstlöschenden Getränken den unversiegbaren Reiz bekommt. Unsere unersättliche Wißbegierde sagt uns auch klar und deutlich, daß in Gott eine unendliche Fülle von Weisheit liegen muß, die kein forschender Geist ewig je ergründen wird! Und so meine ich denn, lieber Bruder, daß auch mein gegenwärtiger Wissensdrang keine Sünde sein wird.
11] Sieh, mir und mehreren unserer Brüder geht es nun wie so manchen genäschigen Kindern, die nach allerlei Leckerbissen keine Eßgier haben, solange sie von dergleichen Süßigkeiten nichts wissen und nichts zu sehen bekommen; setze sie aber an einen mit allerlei süßen Speisen besetzten Tisch und verbiete ihnen, etwas davon zu genießen, und du wirst bald Tränen in ihren Augen und noch mehr Eßlustwasser in ihrem Munde entdecken. Aber dessenungeachtet hast du dennoch recht; denn wie ein weiser Vater seinen Kindern, um sie in der höchst wichtigen Tugend der Selbstverleugnung zu üben, auch dann und wann Leckerspeisen vorsetzen wird, die zu essen ihnen untersagt sein werden, ebenso scheint unser himmlischer Vater uns auch von Zeit zu Zeit geistige Speisen aufzutischen, die zu genießen uns so lange vorenthalten sein sollen, bis wir in einem gewissen Grade der Selbstverleugnung fest geworden sind. Haben wir nach Seiner Ordnung diesen Grad erreicht, den Er unserer Seele für nötig vorgesteckt hat, so wird Er uns die Speise zum Genusse geben, nach der es uns nun gieret. Und somit wollen wir uns für heute, und für so lange Er es will, vollkommen mit dem zufriedenstellen, was wir wissen und haben, und allzeit geschehe Sein allein heiliger Wille!«
12] Sage Ich: »Mein lieber Bruder Simon Juda, so ist es recht und wahr! Nicht jedes Wissen und Erfahren taugt zur Erweckung des Geistes und zur Belebung der Seele. Denn siehe, es stehet geschrieben: >Und Gott sprach zu Adam: Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du sterben!< Und so ist es!
13] In der Erkenntnis liegt das Gesetz und das Gericht; denn solange dir ein Gesetz nicht gegeben oder dir nicht verkündet ist, so lange auch gibt es kein Gericht, das hinter dem Gesetze einherschreitet. Daher wolle du nur das wissen, was Ich dir zu wissen offenbare, und du weißt dadurch für deinen Teil für ewig genug. Wenn es an der Zeit sein wird, wird dir alles offenbar werden.«


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