Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 25


Jakobus übergibt Cyrenius seine Aufzeichnungen von Jesu Kindheit. Warum Jesus in Nazareth keine Zeichen wirkte. Die tieferen Gründe des Unglaubens.

01] Es ward viel geredet von den Begebnissen zu Ostrazine in Ägypten, allwo Ich Meine Kindheit zugebracht hatte, und die Mutter war dabei auch sehr gesprächig und hatte eine große Freude an den Gesprächen des Vizekönigs von Asien, wie man also auch den Cyrenius begrüßte.
02] Jakobus, Josephs Sohn, der des Schreibens wohl kundig war, holte eine ziemlich dicke Rolle aus seinem Schrank und überreichte sie dem Cyrenius mit den Worten: »Hoher Herr, hier habe ich von Seiner Geburt an alles aufgezeichnet bis zu Seinem fünfzehnten Jahre, tatenreich aber eigentlich nur bis in Sein zwölftes Jahr; denn nach dem zwölften Jahre verlor sich Seine göttliche Gabe so ganz und gar, daß davon aber auch nicht die leiseste Spur mehr zu entdecken war. Darum stehen die drei Jahre 13, 14 und 15 auch völlig leer; denn bis auf einige ziemlich weise Worte hat sich da nichts Erhebliches mehr ereignet, und so habe ich es denn auch über Sein fünfzehntes Jahr hinaus nicht mehr für nötig gefunden, die ganz gewöhnlichen menschlichen Begebnisse, die ich an Ihm bemerkte, aufzuzeichnen, und so ist diese Beschreibung über Seine Jugendzeit als vollkommen für abgeschlossen zu betrachten. (vgl. J. Lorber: 'Die Kindheit u. Jugend Jesu' = das sog. apokryphe Jakobus-Evangelium)
03] Es bestehen aber neben dieser meiner Aufzeichnung noch eine Menge falscher Sagen, die wahrscheinlich ein Werk alter, müßiger Fischerweiber sind; ich bitte daher jedermann, nur diese meine Beschreibung als die allein richtige, durchaus wahre und alles umfassende anzusehen. Wenn ich dir, hoher Herr, damit ein Vergnügen verschaffen kann, so bitte ich dich, diese meine kleine Mühe als eine kleine Erkenntlichkeit von meiner Seite für die vielen Wohltaten, die du uns erwiesen, gnädigst anzunehmen!«
04] Cyrenius nimmt die Rolle mit vieler Freude in die Hände, blättert eine Weile darin und liest manches laut vor, und alles hat eine große Freude daran. Eine ganz besonders große Freude aber hatte daran die lieblichste Sarah, wie auch ihre Mutter.
05] Die Sarah wurde alle Augenblicke zu Tränen gerührt und sagte am Ende in einer Art Erregtheit: »Was braucht man denn da noch, um das mit Händen zu greifen, was ich schon seit meiner ersten Heilung eingesehen habe?! Gott! Solche Taten, solche Zeichen - und noch kein Glaube?! Herr, ich als arme, schwache Sünderin vor Dir, bitte Dich: tue hier kein Zeichen mehr! Denn dieses Volk von Nazareth mit höchst geringer Ausnahme ist nicht des Anspuckens wert, geschweige Deiner zu heiligen Worte und Taten! Ich bekenne es offen, dieses Volk, so mir die Macht gegeben wäre, ließe ich so lange fasten, hungern und stäupen, bis es zur Einsicht käme und erkennete, wie sehr es dadurch gesündigt hat, daß es diese heilige Zeit seiner Heimsuchung und der großen Gnade nicht erkannt hat!«

  • Matthäus.13,58] a Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens. (a = Markus.06,05;  ⇒ jl.ev02.025,06*)

    06] Sagte Ich zur Sarah: »Ärgere dich, du Mein einziges Herz, der Dummen und Blinden wegen nicht! Ich kenne sie und ihren Unglauben, und wie du es wünschest, a also werde Ich auch des Unglaubens willen wenig oder gar keine Zeichen mehr tun. Und du, Mein Schreiber Matthäus, merke das an, daß Ich des Unglaubens wegen hier in Meiner leiblichen Heimat wenig Zeichen mehr wirkte, auf daß es sogar in den spätesten Zeiten alle Welt wissen solle, was für harte und ungläubige Köpfe diese Bürger Nazareths zu Meiner Zeit waren! Wir aber werden uns dennoch einige Tage hier aufhalten und uns als von den Bürgern deklarierte Müßiggänger recht wohl geschehen lassen! Denn weil sie sich ärgern, so sollen sie sich also recht ärgern, auf daß sie desto eher reif werden für den Satan und sein verfluchtes Reich!« (a Matthäus.13,58*; = Markus.06,05)
    07] Sagt Cyrenius: »Mir ist es endlos leid, daß ich vermöge meiner starken Regierungsgeschäfte nicht länger als höchstens einen Tag mich hier aufhalte; wenn ich Dir, o Herr, in dem einem oder andern etwas tun kann bei diesem schmählichst ungläubigen Volke, so äußere Dich nur und begehre es, und ich lege sogleich die Hand ans Werk! So Du es willst, lasse ich sogleich die ganze Stadt mit Ruten durchstäupen!«
    08] Sage Ich: »Lassen wir das alles! Diese sind schon mit dem durchgestäupt zur Übergenüge und voll gestraft dadurch, daß sie an Mich nicht glauben; denn ihr Unglaube wird dereinst ihr unerbittlichster Richter sein, dem sie auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein werden! Wahrlich, sage Ich dir, eher und leichter werden alle Hurer, Ehebrecher und Diebe ins Gottesreich eingehen denn diese ungläubigen Böcke und Klötze! Oh, Ich sage dir, wie Ich es nur zu gut weiß: Diese Böcke und Klötze sind nicht so ungläubig, wie sie sich zeigen; sie wollen nur nicht glauben, auf daß sie desto freier sündigen können! Denn nähmen sie, durch die Zeichen genötigt, Meine Lehre an, da bekämen sie ja notwendig ein Gewissen, das sie hindern würde in ihrem argen Tun und Treiben; darum glauben sie denn lieber nichts und disputieren sich gegenseitig jede noch so handgreifliche Wahrheit aus ihrem Gemüte, damit sie nur frei tun können, was ihnen ihre argen Gelüste vorschreiben. Freund, da wäre sehr viel zu reden; aber es ist hier besser, zu schweigen! Darum lassen wir sie, wie sie sind; denn was einmal des Teufels ist, das ist auf ordentlichem Wege schwer göttlich zu machen!«


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