Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 6


Natürliche Tropfsteingebilde-Entstehung. Geistereinwirken bei der Gestaltbildung. Unzugänglichmachung der riesigen Tropfsteinhöhle.

01] Sage Ich: »Daran liegt auch wirklich nicht viel. Ob du es weißt oder auch nicht weißt, wird dich nicht lebensärmer oder lebensreicher machen. Aber das kannst du dennoch wissen, daß daran nie eine Menschenhand etwas zu tun gehabt hat, sondern die Natur der Elemente allein bildete solches wie zufällig. Die Berge saugen stets eine auflösende Feuchtigkeit aus der Luft; dazu kommt der öftere Regen, der Schnee und die Nebel, die gar oft die obersten Kuppen der Berge einhüllen. Alle die auf den Bergen abgelagerten Feuchtigkeiten sickern zum großen Teile durch Erd und Stein der Berge, und wo sie über einen inneren hohlen Raum gelangen, sammeln sie sich in Tropfen, die nahe zur Hälfte aus aufgelöstem Kalk bestehen. Solche Tropfen fallen herab. Ihr reines Wasser sickert dann entweder noch tiefer, oder es verdunstet in solch einem Raume. Aber die schleimige Kalkmasse wird fester und fester, und es bilden sich durch die stete Vermehrung endlich allerlei Formen, die bald dem einen, bald dem andern Gebilde auf der Erde - bald mehr, bald weniger - ähnlich sehen. Und auf dieselbe Weise entstand denn auch all das Gebilde in dieser Höhle auf einem ganz natürlichen Wege, obschon auch nebenbei anzunehmen ist, daß zur Verblendung der schwachen Menschen Satans Diener zur besseren Ausbildung von allerlei menschenähnlichen Gestalten ein bedeutendes beigetragen haben.
02] Es ist daher besser, daß solch eine den finstern Aberglauben sehr begünstigende Grotte für alle künftigen Zeiten unzugänglich gemacht werde. Und so begeben wir uns nun wieder hinaus ins Freie, auf daß der Archiel seinen Auftrag erfülle mit dieser Höhle!«
03] Faustus dankt Mir innigst für diese Erklärung und sagt: »Mir ist diese Erklärung um so klarer begreiflich, weil ich solches - wenn auch mehr als eine Hypothese (Vermutung) - schon von den römischen Naturkundigen aussprechen gehört habe. Aber auch der Beisatz von der Mitwirkung Satans ist viel wert; denn der Feind des Lebens wird dergleichen Dinge sicher nicht unbenutzt lassen, und die bösen Folgen liegen in drei Weltteilen vor unseren Augen! Das ist mir nun alles sonnenklar; aber nur ein Ding kann ich nicht so recht unters Dach bringen, - und das ist die Seligkeit Gottes!
04] Sage mir, welche Lust kann denn Gott, dem der innerste Grund alles Seins ewig fort gleich und durchdringendst bekannt sein muß, an Seinem eigenen unverwüstbaren Leben haben?! Kann denn Ihm solch eine notwendig allergleichste Klarheit, ohne Sich je irgend aus Sich Selbst verändern zu können, zu einer Lust gereichen, die doch jeden Menschen vor Langweile töten müßte?«
05] Sage Ich: »Siehe hier die Menschen! Diese sind die Lust Gottes, wenn sie in Seiner Ordnung das werden, was zu werden sie bestimmt sind. In ihnen findet Gott Seinesgleichen wieder, und ihr stetes Wachsen an Erkenntnissen aller Art und dadurch in aller Liebe, Weisheit und Schönheit ist Gottes unverwüstbare Lust und Seligkeit! Denn alles, was die Unendlichkeit fasset, ist allein des kleinen Menschen wegen da, und es gibt ewig nichts, das nicht da wäre allein des kleinen Menschen wegen. - Nun weißt du auch das! Aber nun gehen wir aus dieser Höhle, auf daß Archiel seinem Auftrage ehest möglich nachkommen kann!«
06] Wir eilen nun aus der Grotte und erreichen bald das Ende derselben. Als wir alle außerhalb der Grotte uns befinden, gebe Ich dem Archiel einen Wink, und in dem Augenblick geschieht ein heftiger Knall, und der äußerst geräumige Eingang zeigt sich nun als eine hohe Granitwand, durch die mit leichter Mühe wohl kein Sterblicher durchbrechen würde, so er es sich noch so ernstlich vornähme. Um aber den Eingang sozusagen gänzlich unmöglich zu machen, wurde, nachdem wir uns von der Stelle des Eingangs bei dreitausend Schritte entfernt hatten, eine Absitzung des Erdreichs bewerkstelligt, so, daß die ehemalige Eingangsstelle über hundert Manneshöhen dem zugänglichen Erdboden, der in die Tiefe geschoben ward, entrückt wurde, und man hätte nun eine über hundert Manneshöhen hohe Leiter haben müssen, um über die senkrecht steile Wand hinauf zur gewesenen Eingangsstelle zu gelangen, - was aber dann dennoch fruchtlos gewesen wäre, weil der Eingang selbst zur festesten und steilsten Felswand geworden war.
07] Als Faustus und auch alle die Anwesenden solche Veränderung mit dieser Bergesstelle ersehen, sagt Faustus zu Mir: »Herr und Freund! Wahrlich, ich kann mich jetzt nimmer fassen! Die Erscheinungen werden zu schöpferisch groß; sie liegen bereits eine Ewigkeit von meinem Erkenntnishorizonte entfernt! Ich weiß nun wahrlich nicht, ob ich noch lebe, oder ob ich träume! Es geschehen da so seltsam rätselhaft wunderbarste Dinge, daß man selbst bei der größten Nüchternheit als ein total Betrunkener dasteht und kaum mehr im eigenen Bewußtsein zu unterscheiden imstande ist, ob man dem männlichen oder dem weiblichen Geschlechte angehört. - Da sehe man nun diese furchtbare Felsenwand an! Wo war diese vorher, als wir ganz bequem in die Grotte auf einem recht gut zu besteigenden Fußsteige den Weg machten?
08] Und was aber eigentlich noch das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist, besteht in dem, daß bei der ganzen Veränderung von mehreren tausend Morgen Grundes keine Spur von irgendeiner gewaltsamen Zerstörung zu entdecken ist. Das Ding sieht doch gerade so aus, als ob hier seit dem Urbestande der Erde nie etwas verändert worden wäre!? Wahrlich, wenn hier tausend Menschen hundert Jahre lang gearbeitet hätten, so steht es dahin, ob sie solche Masse nur von der Stelle geschafft hätten also, daß eine solche Felswand, die im ganzen gut hundertfünfzig Manneslängen Höhe und eine Breite von mehr denn einer Stunde hat, also frei gestellt worden wäre, wie sie nun, von der noch vor wenig Augenblicken keine Spur zu entdecken war, frei dasteht, geschweige in solcher von keiner Zerstörung nur eine leiseste Spur tragenden Weise! Das ist im vollsten Ernste unerhört! Ich bin nun nur neugierig, was dazu die vielen Seefahrer für ein Gesicht machen werden, so sie an der Stelle der früheren üppigen Waldgegend nun diese Riesenwand entdecken werden! - Viele werden sich gar nicht auskennen, wo sie sich befinden; und viele werden dareinschauen wie das Rind in ein neues Tor, dessen es noch ungewohnt ist!«
09] Sage Ich: »Darum sage Ich euch allen, daß ihr davon schweigt und nicht einmal den Weibern etwas davon meldet; denn Ich habe sie darum diesmal auch nicht mitgehen lassen, weil sie bei gar außerordentlichen Begebnissen trotz allen Verbotes ihren Zungen nie den schweigsamen Gehorsam abgewinnen können. Deshalb wollet auch ihr euren Weibern nichts von den außerordentlichen Begebnissen erzählen, die hier vor sich gegangen sind! Ihr könnet ihnen wohl die Gestaltung der Grotte beschreiben und auch Meldung tun von den neu aufgefundenen Schätzen; aber weiter ja keine Silbe mehr!« - Alle geloben solches auf's feierlichste, und wir setzen darauf unsern Weg nach Kis ganz ruhig fort und kommen da gerade mit dem Untergange der Sonne an. Da kommen uns freilich die daheimgelassenen Weiber und Mägde haufenweise entgegen und können nicht schnell genug fragen, was wir alles natürlich Wunderbares erlebt hätten. Aber sie bekommen den Bescheid, daß es noch zu früh sei, zu fragen, und an der ganzen Sache nichts anderes gelegen sei als die Hebung eines noch von seiten der Pharisäer verschwiegenen Schatzes. Mit dem Bescheide geben sich die neugierigen Weiber zufrieden und fragen um nicht vieles mehr weiter.
10] Wir aber begeben uns darauf sogleich zum Abendmahle, da alle, die mit waren, kein Mittagsmahl hatten und schon bedeutend hungrig geworden waren und sich daher nach einem gut bestellten Abendmahle schon sehr sehnten.


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