Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 239


Die hartnäckigen Pharisäer gestehen ihre Verbrechen und bitten um Gnade gegen hohes Lösegeld.

01] Darauf wendet sich Faustus zu den elfen und sagt: »Nun, wie steht es mit dem Verderben, damit ihr ehedem mir gar herrschtrotzig gedroht habt? Was sagt ihr gesalbten Diener Gottes zu dieser Geschichte? Wahrlich, es muß ganz scheußlich bitter sein für einen sein sollenden gesalbten Gottesdiener, als ein größter Staatsspitzbube dazustehen! Aber wartet nur, es wird schon noch ärger über euch kommen; das ist ein leichtes Vorspiel gewesen!
02] Wahrlich, ihr habt es nur Einem hier zu verdanken, daß ich euch nicht schnell entkleiden lasse, euch mit des Kaisers Fluch belege und so den richtgierigen Bütteln übergebe! Und dieser Eine ist an meiner Seite, der göttliche Jesus aus Nazareth, den ihr schon lange verflucht habt und Ihn nun verfolgt von einem Orte zum andern, und das darum, weil Er Sich die ehrlichste Freiheit nahm, euch zu beleuchten vor dem armen, durch euch verblendeten Volke.
03] Kehret in euer Inneres zurück und saget, ob es nebst eurem Satan noch was Ärgeres geben kann, als ihr es seid!?
04] Ihr lehret das Volk einen Gott erkennen, an den ihr selbst nie geglaubt habt; denn glaubtet ihr an einen Gott, an den Jehova, den euch Moses klar verkündet hat, und auf den eure Urväter lebendig geglaubt und gehofft haben, so würdet ihr mit dem allmächtigen Gott nicht den höhnendsten Spott und die frechste Schande treiben!
05] Ihr laßt euch von dem geistig totgeschlagenen Volke göttliche Ehre als sein wollende gesalbte Knechte des Allerhöchsten erweisen und begehrt dazu noch unerschwingliche Opfer vom armen Volke für das, daß ihr ihm die Pforte in Gottes Licht- und Lebensreich mit ehernen Türen und Riegeln verrammt!
06] Saget es euch selbst, ob es noch irgendwo größere Verbrecher gegen Gott, Kaiser und gegen die arme Menschheit geben kann, als ihr es seid!
07] O der unbegreiflichen Geduld und Langmut des großen Gottes! Hätte Ich nur einen Funken göttlicher Macht über die Elemente, die Himmel hätten wahrlich nicht des Feuers in genügender Fülle, das ich über euch regnen ließe Tag und Nacht!
08] Herr, warum hast Du zu Abrahams Zeiten die zehn Städte mit Sodom und Gomorra so hart hergenommen, - und ihre Bewohner waren bis auf ihre verkehrte Fleischeslust doch offenbare Engel gegen diese Wichte, deren Zahl nun im ganzen Judenlande größer ist, als die der gesamten Einwohner der zehn Städte war!?
09] Ihr nennt euch Gottes Kinder und sagt, daß Gott euer Vater sei! Wahrlich, von dem Gott, der solche Kinder in die Welt setzt, schaffe ich ewig nichts; denn der heißt bei uns Römern nach der Mythe Pluto, - und Satan oder Beelzebub, das ist euer Vater!
10] Ihr seid der lebendige böse Same, den euer Vater allzeit streut unter den göttlichen Weizen, damit er ersticke die göttliche Saat, und ihr nennt euch gesalbte Diener Gottes?! Ja, Diener des Satans seid ihr; der hat euch gesalbt fürs Verderben alles Göttlichen auf der Erde!
11] Wäret ihr nur um etwas weniger teuflisch als ihr seid, so hätte ich des Einen wegen, der hier ist, ein möglichst erträgliches Urteil über euch gefällt. Aber da ihr zu überteuflisch schlecht seid, so will ich meinen Namen nicht mit euch beflecken, sondern werde euch dem Judicio criminis atri (wörtlich: ,Gericht über ein schwarzes Vergehen') übergeben nach Sidon; denn da wäscht ein jeder Judex honoris (wörtlich: ,Richter der Ehre') sich sieben Male die Hände.«
12] Als die elf solche Worte vom Faustus vernehmen, fangen sie an zu zagen und bitten um Gnade und versprechen vollste Umkehr und Besserung und wollen jeden Schaden, den sie je jemandem zugefügt haben, hundertfach ersetzen.
13] Sagt Faustus: »Womit denn? Die reiche Höhle ist nun in unseren Händen; woher wollt ihr denn noch Gold und Schätze nehmen? Habt ihr denn noch mehrere Höhlen, die vom Golde, Silber und Perlen strotzen?«
14] Sagen die elf: »Herr, wir haben noch eine hinter Chorazin, darin alte Schätze ruhen, die zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft aus dem Tempel und aus anderen Gotteshäusern dahin geschafft worden sind. Niemand wußte was davon bis auf unsere Zeit; wir aber machten vor etwa sieben Jahren eine Jagd auf Waldhühner und auf Wildbienen und Honig. Da fanden wir bei dreißig Feldweges nahe schon ganz auf griechischem Gebietsanteile, wo sich ein mäßiges Felsengebirge erhebt, eine Stelle, wo buchstäblich Honig und Wachs über eine bei vier Mannslängen hohe und senkrecht steile Wand herabfloß. Zuoberst der Wand zeigte sich eine Öffnung etwa von der Größe, daß ein Knabe von zwölf Jahren darin hätte aufrecht stehen können.
15] Über dieser Öffnung erhob sich eine weitere, sicher bei siebzig Mannslängen hohe Wand, so, daß es ohne eine Leiter unmöglich gewesen wäre, die sicher honig- und wachsreiche Öffnung zu erreichen, aus der wir gleichfort eine große Masse Bienen aus- und einfliegen sahen. Es ward bald eine Leiter und eine gehörige Menge Stroh und allerlei Grasich zum Ausbrennen der Bienen herbeigeschafft und die Operation bis auf einige Bienenstiche glücklich vollendet. Wir gewannen da mehrere hundert Pfunde reinsten Honigs und ebensoviel Wachs; denn es waren schon viele Fladen von gut tausend Zellen zu beiden Seiten leer.
16] Als wir aber mit der Ausräumung des Grundwachses uns beschäftigten, da stießen wir alsbald auf metallene Tempelgerätschaften, und als wir das Metall näher untersuchten, zeigte es sich nur zu bald, daß es pur Gold und Silber war. Wir drangen tiefer und tiefer in die sich stets weiter und weiter ausbreitende Höhle und fanden in den Tiefen derselben stets mehr und mehr aufbewahrte Schätze von unschätzbarem Werte. Wir ließen all die gefundenen Schätze unversehrt in der Höhle; nur verrammten wir die äußere Öffnung mit Steinen und Moos und ließen sie von geschworenen Wächtern überwachen von der Stunde der Entdeckung an bis zum gegenwärtigen Augenblick. Und siehe, alle diese Schätze überantworten wir dir, so du uns gnädig bist und uns im Namen des Kaisers erläßt die schreckliche von dir ausgesprochene Strafe!«
17] Sagt Faustus: »Ich will es beraten! Aber nun gebt mir noch gewissenhaft an, was es denn mit der Höhle im Gebirge Kisjonahs für eine Bewandtnis hat! Habt ihr diese auch bei einer Honigjagd als schon angefüllt entdeckt, oder habt ihr sie angefüllt; und wenn letzteres, - woher habt ihr die Schätze genommen, und seit wann ist diese Höhle schon gefüllt?«
18] Sagen die elf: »Wir haben es uns seit fünfzehn Jahren auf dem Wege erlaubten Handels erworben; da wir aber nach einem neueren Tempelgesetze nur eine bestimmte Summe zu unserem notwendigen Unterhalte haben dürfen und jeden Überschuß an den Tempel abliefern sollen, so wird, wenn bei jemandem aus uns, die wir im Lande ausgesetzt sind, bei der jährlichen strengsten Untersuchung von seiten des Tempels ein Überschuß von irgendeiner Bedeutung gefunden wird, er ohne Gnade als Gottesbetrüger auf das schärfste bestraft. Um uns aber der Strafe zu entziehen und doch für besondere Fälle etwas zu besitzen, haben wir die höchst verborgene Höhle im Gebirge Kisjonahs erwählt und haben in selbiger unsere bedeutenden Überschüsse aufbewahrt. Das ist nun alles, was als ein Geheimnis an besagter Höhle haftet.«
19] Sagt Faustus: »Führt der von euch angelegte Weg ganz bis zur Höhle hin?«
20] Sagen die elf: »Nein, Herr, nur bis zum dichtesten Gestrüppe, durch das man nur auf einem nur uns bekannten Pfade bis zur sonst niemandem sichtbaren Höhle gelangen kann.«
21] Sagt Faustus: »Gut, also werdet ihr morgen unsere Führer sein! Für heute aber, respektive für diese Nacht, sei die Verhandlung geschlossen; denn für jetzt wissen wir alle genug!«
22] Die elf bitten, sich vor dem Faustus auf die Kniee werfend, um Gnade. Faustus aber sagt: »Das hängt nun nicht mehr von mir, sondern von Wem ganz andern ab; vergibt euch Der es, so soll es euch auch von mir vergeben sein, Amen!« - Mit dem gehen wir aus dem Gerichtssaale und begeben uns zur für den Leib nötigen Ruhe.
23] Lydia erwartet Mich und Faustus, nun ihren Gemahl, an der Tür des Wohnhauses und begrüßt uns und spricht ihr Bedauern aus, daß es uns sicher ein paar Stunden heißen Kampfes gekostet habe.
24] Faustus begrüßt seine junge Gemahlin gleichfalls und sagt zu ihr: »Ja, holde Lydia, das war wahrlich ein heißer Kampf, hat aber mit der rein göttlichen Hilfe des ebenso rein göttlichen Freundes Jesus, dem darin allein alle Ehre und alles Lob gebührt, glänzend seine erwünschteste Lösung erreicht. Doch lassen wir nun das; morgen wird noch vieles effektuiert (ausgeführt) werden.«
25] Außer den nötigen Wachen begab sich nun alles zur Ruhe.


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